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© Ismail

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Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

Mit Herz daheim in Linden

Sie hat einen deutschen Pass, gestikuliert wie eine Italienerin, beginnt viele Sätze mit dem „jedenfalls“ jener Menschen, die spannende Geschichten zu erzählen haben und sich gern in bunte Details verheddern, und endet manchmal mit dem lustigen „... und trallala, du weißt, was ich meine“. Wenn sie durch Linden schlendert, grüßt sie hier und da, immer bereit für ein Schwätzchen oder eine warme Umarmung. So ein bisschen „Lindener Schnauze“: offen, witzig, viel Herz – und manchmal auch richtig viel Pech. Hanan Hassan ist hier im Stadtteil so verwurzelt wie jeder andere – und niemand, der sie sieht oder hört, würde denken: „Flüchtling“.

Hannover. Das war nicht immer so. „Busch, Busch, Busch“ und „Neger“ riefen Mitschüler im Internat in Bad Nenndorf damals dem 15-jährigen Mädchen aus Eritrea zu. „Als hätten wir im Busch gelebt“, empört sie sich, „ich kam aus Asmara, das ist eine Großstadt.“

Am 10. August 1964 in der eritreischen Hauptstadt geboren, beginnt für Hanan (arabisch für ,Zärtlichkeit‘) ein unstetes Leben. Die Zeit ist nicht einfach, ihre alleinerziehende Mutter Mehret zieht oft zwischen Asmara und der sudanesischen Hauptstadt Khartum hin und her. Im Sudan lebt ihre älteste Tochter – die Familie des arabischen Vaters möchte nicht, dass sie bei der Christin Mehret aufwächst. Um sie zu sehen und um ihren Handelsgeschäften nachzugehen, ist sie zwischen den beiden Staaten unterwegs. Die Mutter hilft auch Afrikanern bei der Beschaffung von Papieren und Informationen, um nach Europa zu kommen: „Sie war immer für andere da, nur ich kam manchmal zu kurz.“

Die Zeiten werden härter, seit Anfang der 1960er Jahre herrscht Krieg mit dem benachbarten Äthiopien, immer mehr Menschen verlassen das Land. Auch Hanan will weg: „Ich hatte schon etwas Englisch in der Schule gelernt und war eine richtige Gerechtigkeitsfanatikerin. Deswegen wollte ich Jura in England studieren.“ Doch die jungen Leute, denen Mutter Mehret bei der Ausreise hilft, raten ihr, nach Deutschland zu fliegen.

Und so landet Hanan Hassan, ein 15-jähriges Mädchen, 1980 in Frankfurt am Main: „Mein Herz klopfte bis zum Hals. Ich war ja ganz allein.“ Nach einem kurzen Aufenthalt in der hessischen Metropole schickt das Jugendamt sie ins Internat nach Bad Nenndorf: „Ich wollte endlich wieder zur Schule zu gehen, die Sprache lernen und mein neues Leben beginnen.“ Das beginnt erst einmal mit einem völlig fremden Essen: „Brot mit fettiger Butter und fettiger Wurst, Kartoffeln mit einer komischen ungewürzten Sauce, keine Peperoni, kein Pfiff im Essen.“ Hanan lacht: „Bis heute hasse ich Apfelsaft, den bekamen wir immer zu trinken.“

Dennoch ist der Empfang herzlich, denn Flüchtlinge aus Afrika sind noch eine Seltenheit: „Im Dorf haben sie Geld für Fahrräder gesammelt.“ Was allerdings auch den Neid der Mitschüler hervorruft. Doch Kämpferin Hanan überhört bald die „Busch“-Rufe, ihr Gerechtigkeitssinn setzt sich auch im fremden Deutschland fort, und bald kämpft sie im Jugendrat für die Belange der Jugendlichen: „Da haben wir alle auch ganz viel Spaß gehabt.“ Nicht lange. Ihre Erzieher schicken sie auf die Hauptschule in Ronnenberg – dahin, wo sie für die Mitschüler wieder „die Negerin“ ist: „Ich habe sehr viel geweint in dieser Zeit.“

Freude und Freunde findet sie anschließend auf der Hauswirtschaftsschule in Stadthagen – doch kaum geht es bergauf, erwischt sie eine schwere Depression. Auch ihre Zeit auf dem Gymnasium in der hannoverschen Nordstadt ist begrenzt, nach einer schweren Krankheit darf sie nicht wiederkommen: „Man hat uns in Bad Nenndorf einfach nicht auf das Leben hier vorbereitet.“

Hanan Hassan gibt den Traum vom Studium auf, aber nicht den Traum, ein gutes Leben zu führen. Die Gastronomie ist genau ihr Ding. In der hannoverschen Gastro- und Veranstaltungsszene ist sie bald bekannt wie ein bunter Hund. Im Jazz-Club Coltrane lernt sie den Vater ihrer Tochter (heute 19) kennen, das Gig baut sie im Team maßgeblich als angesagtes Veranstaltungszentrum auf. Doch Rückschläge durch Krankheiten, Schulden durch falsche Freunde, aber auch die deutsche Bürokratie machen der heute 51-Jährigen das Leben schwer. Die letzten zweieinhalb Jahre hat sie einen süßen Modeladen in der Falkenstraße geführt, jetzt muss sie den Shop aufgeben. Hanan Hassan hat noch einen Traum. Die der englischen, arabischen und deutschen Sprache mächtigen Frau möchte Flüchtlingen helfen, sich zu integrieren – „ich kann übersetzen und Behördendinge regeln“. Dinge, die sie selbst schmerzlich lernen musste.


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