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ERINNERUNGEN: Weil Arbabian-Vogel nicht Hals über Kopf fliehen musste, konnte sie alte Fotos mitnehmen.© Ismail

Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

Keine klassische Flucht

Denkt man an Flucht, drängen sich einem Bilder von Strapazen, Anstrengung und Not auf. Von tagelangen Märschen durch Gebirge oder Wüste. Riskanten Meerpassagen. Und gefährlichen Nacht-und-Nebel-Aktionen. Diese Geschichte ist anders. Es ist die Flucht-Geschichte von Jasmin Arbabian-Vogel. Die 47-Jährige ist Unternehmerin und Gründerin des Interkulturellen Sozialdienstes Hannover. Arbabian-Vogel sitzt auch im Vorstand des SPD-Stadtverbandes. Sie ist eine Frau mit vielen Ideen und einer bewegten Vergangenheit.

Hannover. "Ich wurde in Hannover geboren. Als ich ein Jahr alt war, sind meine Eltern mit mir zurück in den Iran gegangen, die Heimat meines Vaters“, erzählt Arbabian-Vogel, die sich selbst als „persisch geprägt“ bezeichnet. Als der erste Golfkrieg ausbrach, lebte die Familie in der Hauptstadt Teheran, der Vater hatte einen angesehenen Posten als Bauingenieur, der Familie ging es gut. Nur der Krieg warf Schatten auf das Glück. Möchte man seine Kinder in einem Kriegsgebiet aufwachsen sehen? „Ich hörte, wie unsere Stadt bombardiert wurde.“ Irgendwann fassten ihre Eltern den Gedanken zur Flucht, weil die Gefahr zu groß wurde. Kurz zuvor hatte die damals 17-jährige Jasmin ihr Abitur gemacht. Mit Bestnoten.

Dann kam der 14. August 1986. Der Tag des Abschieds. Jasmin Arbabian-Vogel verließ ihr Heimatland. Mit ihr gingen Mutter und Schwester. „Wir hatten keine klassische Flucht. Weil meine Mutter Deutsche ist, waren wir sehr privilegiert“, so die 47-Jährige. Da die politische Lage im Iran immer „heikler“ wurde, hätten alle Kinder dieser Mischehen kurz zuvor die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen: „Zur damaligen Zeit war das ein Novum. Ohne meine Mutter wäre es nicht so einfach gewesen.“ Wie lief die Flucht genau ab? „Wir setzten uns in Teheran ins Flugzeug und flogen nach Deutschland. Wie gesagt, es war keine klassische Flucht“, so Arbabian-Vogel.

Zurück blieb ihr Vater. „Noch heute lebt er in Teheran“, berichtet die erfolgreiche Geschäftsfrau. Warum geht eine Familie nicht gemeinsam in eine neue, eine sichere Zukunft? „Mein Vater sah es als seine Verantwortung an, seinem Heimatland treu zu bleiben.“ Bis heute hat sich daran nichts geändert. Arbabian-Vogels Vater kommt zweimal im Jahr für mehrere Monate nach Hannover. „Aber seiner Heimat kehrt er nie ganz den Rücken. Er sagt immer: ‚In Deutschland bin ich nur ein Ausländer, im Iran bin ich Herr Ingenieur‘“, erklärt die Tochter. Dabei drohte ihm mehrfach der Tod im Iran. „Man warf meinem Vater Korruption vor, fuhr ihn dreimal zur Hinrichtung. Wir hatten uns jedes Mal schon von ihm verabschiedet. Diese Bilder vergisst man nicht“, erinnert sich die Unternehmerin. Es ist das wohl dunkelste Kapitel in der Familiengeschichte, über das meist geschwiegen wird.

Die erste Zeit nach der Flucht war hart. „Ich war sehr unglücklich hier“, weiß die heute 47-Jährige noch genau zu berichten, „schließlich bin ich nicht freiwillig nach Deutschland gekommen. Ich wurde aus meinem Paradies vertrieben.“ Es habe Jahre gebraucht, bis sie das Gefühl hatte, „richtig angekommen zu sein“. Noch heute fragt sie sich manchmal, ob sie im Iran nicht doch glücklicher geworden wäre. „Vielleicht“, sagt sie ehrlich. Um dann im nächsten Moment nachzuschieben: „Aber andererseits könnte ich ohne die ganzen Freiheiten, die ich hier genieße, im Iran nicht leben. Allein die Meinungsfreiheit ist für mich ein sehr wichtiges Gut, die ich selbst denen, die jetzt gegen Flüchtlinge auf die Straße gehen, nicht absprechen will. Jeder hat sein Recht auf Meinung, auch wenn es Dummheit ist.“ Und dennoch beobachtet Jasmin Arbabian-Vogel die zunehmenden Ressentiments gegen die aktuellen Flüchtlinge mit großer Sorge: „Seit jeher haben Deutsche Probleme mit allem, was ihnen fremd ist. Wir können diesem Unbehagen nur begegnen, indem wir die Neu-Hannoveraner gut integrieren.“ Denn: „Wir brauchen Zuwanderung, weil wir eine alternde Gesellschaft sind. Sonst bricht unser Rentensystem irgendwann zusammen. Wir brauchen aber auch Zuwanderung, um neue Perspektiven und einen Blick über den Tellerrand zu bekommen. Schließlich sind wir alle eine Welt!“


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