Navigation:

© Ismail

|
Flüchtlingsserie

In den sicheren Westen

Er legte sein altes Leben in einen Koffer – und ging. „Etwas Unterwäsche, ein Pullover, zwei Fotos. Mehr hatte ich nicht dabei.“ Ein „winzig kleines Köfferchen“ genügte dafür, verstaut vor 59 Jahren. Es war der Koffer von Gábor Lengyel (74). Mit dem Gepäck in der Hand und seinem Bruder György und sieben weiteren jüdischen Frauen und Männern an der Seite floh er am 2. Dezember 1956 vor der kommunistischen Diktatur in Ungarn und verließ den 6. Bezirk in Budapest.

Hanover. Seine Eltern waren längst tot: die Mutter 1944 im KZ ermordet, der Vater, ein Mitglied des Zentralverbandes der Juden in Ungarn, kurz zuvor gestorben. Die Geschwister, damals 15 und 18 Jahre, lebten bei der Tante. „Sie war es, die uns zur Flucht drängte“, so Lengyel: „Ich war nicht politisch, wir waren auch nicht in Lebensgefahr. Doch nach dem Volksaufstand im November 1956 bahnte sich die nächste kommunistische Unterdrückung an. Diese Zukunft wollte unsere Tante nicht für uns. Sie sagte: ‚Ihr müsst weg, das ist eine Chance.‘“

Und so nahm die Tante das Schicksal der Neffen in die Hände. Lengyel: „Sie organisierte einen Bauern an der Grenze zu Österreich, der uns helfen sollte. Es hätte auch eine Falle sein können.“ Und doch nahm Lengyel sein „kleines Köfferchen“ beinahe frei von Angst und ging aus seinem alten Leben in ein neues: „Ich habe mir in diesem Moment wenig Gedanken gemacht.“

Zunächst ging es mit dem Zug ins ungarisch-österreichische Grenzgebiet. Der Bauer gewährte ihnen Unterschlupf. Nachts marschierte die Fluchtgruppe über die Felder. „Wir liefen auf furchtbar schlechtem Boden, sanken mit jedem Schritt tief ein und hatten zwei Kilo Erde auf den Füßen liegen“, erzählt Lengyel. Je näher sie der Grenze kamen, desto größer die Gefahr: „Wir hörten die so- wjetischen Soldaten. Sie hätten uns vielleicht nicht erschossen, aber wer weiß das schon so genau.“ Wie die rund 200 000 anderen Ungarn, die bis Ende 1957 das Land verließen, hatte auch Gábor Lengyel Glück und schaffte es in den sicheren Westen. Er kam in Nickelsdorf an. Es ist der Ort, der auch heute Sinnbild für die aktuelle Flüchtlingskrise ist. Allein seit Anfang September passierten mehr als 230 000 Flüchtlinge den 1700-Seelen-Ort im österreichischen Burgenland.

Drei Tage lang wechselte der junge Gábor täglich die Auffanglager. Lengyel: „Unsere Ankunft in Österreich ist gut mit der aktuellen Situation zu vergleichen.“ In Österreich dachte er über seine Zukunft nach. Der Bruder nutzte die Chance und ging für das Studium nach Paris, „ein Schock für mich“, sagt Lengyel heute: „Ich fuhr nach Wien, hatte keinen Plan, sprach kein Wort Deutsch. Ich frage mich noch heute, wie ich das hinbekommen habe.“ An einem Freitagabend kam er an. Er ging in die Synagoge – und traf den Oberrabbiner, der ihm sagte: „Du musst nach Israel gehen. Du bist jung, Israel ist jung. Du gehörst dahin.“ Und er ging. Neun Jahre lebte er dort. Lengyel: „Das war ein großer Zufall, dass ich dort gelandet bin. Aber es war mein Schicksal.“ 1965 erhielt er ein Stipendium und verließ Israel. In Deutschland hat er bis heute seine zweite Heimat gefunden.

Er sei nicht vor Bomben geflohen, sagt der 74-Jährige mit Blick auf die heutige Flüchtlingswelle, „aber ich kann die Sorgen der Menschen gut nachempfinden“. Empathie allein reiche jedoch nicht: „Man muss auch konkret helfen, die Schwächsten unterstützen. Das steht in den fünf Büchern Mose, und danach handeln meine Frau Aniko und ich.“ Wie genau? „Seit einem Jahr engagieren wir uns im Flüchtlingsheim auf der Bult, sind oft dort, vor allem meine Frau. Wir unterstützen die Menschen, die aus Syrien und anderen Ländern geflohen sind, bei Behörden- oder Arztgängen, helfen ihnen, den neuen Alltag zu meistern“, berichtet Lengyel. Vor allem einer muslimischen Familie half der Rabbi und organisierte ihr eine eigene Wohnung: „Dass wir nicht den gleichen Glauben haben, spielt dabei keine Rolle.“ Eine erfolgreiche Flucht und eine gelungene Integration gelängen immer nur mit Hilfe, das hat er selbst erfahren: „Ich hatte auf meiner Flucht viel Hilfe. Meine Tante und auch den Oberrabbiner.“ Dann hält er inne. Seine Gedanken gehen zurück zu jenem Dezember. „Da war noch jemand, der mir selbstlos geholfen hat, als ich allein in Eisenstadt stand. Dieser Polizist, den ich mit Händen und Füßen nach dem Weg nach Wien fragte. Und als Antwort gab er mir 30 Schilling für die Busfahrkarte. Genau diese Gesten sind es doch, die uns Menschen verbinden.“


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von einem Rauchverbot im Auto?
Anzeige

Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
     30159 Hannover
     Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stefan Schostok

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.