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Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

Flucht vor der Vernichtung

Es ist fast Ironie des Schicksals, dass Hozan Partawie (30) und seine Eltern in dem Land ihre neue Heimat fanden, das wie kein anderes den Irak beim Bau von Rüstungsanlagen unterstützt hat. Und dessen Industrie geholfen hat, ein umfassendes C-Waffen-Arsenal aufzubauen. Giftfabriken made in Germany. Nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl wurden 60 Prozent des irakischen Giftgases mit deutscher Technik hergestellt. Und es war eben jenes Giftgas sowie andere Nervenkampfstoffe, die der irakische Diktator in seinem Vernichtungsfeldzug gegen die Kurden einsetzte. „Nur ein Tipp hat meinen Eltern und mir das Leben gerettet“, erzählt der heute 30-jährige Chef des Desigual-Store in Hannover, „in letzter Sekunde konnten wir unsere Stadt Kareza verlassen. Sonst wären wir dort auch qualvoll erstickt. Die Stadt hat Saddam komplett dem Erdboden gleichgemacht.“

Hannover. Es war im November 1987. Hozan war erst zwei Jahre alt. Und doch war es bereits seine zweite Flucht. Denn schon wenige Monate nach seiner Geburt im August 1985 hatten seine Eltern in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ den Iran verlassen. Ihr Ziel: der Irak. Dort tobte zu dieser Zeit längst der Erste Golfkrieg. Partawie berichtet: „Und doch sahen meine Eltern in der Flucht in den Irak die einzige Hoffnung für uns. Im Iran war es als Kurde zunehmend schwer zu leben.“ Seine Mutter arbeitete als Lehrerin, sein Vater, der Politikwissenschaft studiert hatte, war Offizier in der heutigen kurdischen Armee. Was machte das Leben im Iran so unerträglich? „Die ständige Gefahr! Wenn man für die Peschmerga gekämpft hat wie mein Vater, dann bedeutet das eine permanente Lebensgefahr für die gesamte Familie“, erzählt Hozan Partawie. Immer wieder inhaftierte das Regime die Eltern und Schwiegereltern seines Vaters, „um Druck aufzubauen“. „Du bist Kurde, du bist Kommunist, du bist kein gläubiger Moslem“ – das sei seinem Vater immer wieder vorgeworfen worden. „Irgendwann macht es dich mürbe im Kopf“, sagt der 30-Jährige. Sein Vater schweigt über dieses düstere Kapitel – bis heute.

Die Partawies flohen in den Irak. Der Tod diente ihnen als Alibi: „Meine Oma erklärte meine Eltern für tot. Zunächst gab es auch Pläne, mich erst mal zurückzulassen. Ich war ja noch ein Säugling. Aber es wäre zu gefährlich gewesen. Vermutlich hätte man mich ermordet.“ Sie gingen ins Grenzgebiet nach Kareza. „Doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zerschlug sich“, erinnert sich der Filialleiter aus Hannover, „der Krieg wurde immer schlimmer.“ Wieder fliehen? Wieder von vorne beginnen? Wieder ins Ungewisse gehen? Die Gedanken rasten. Dann kam die Warnung: Giftgas. „Meine Eltern haben nicht lange gezögert“, erzählt der Sohn. Mit 10 000 Dollar in der Tasche gingen sie, vertrauten ihr Schicksal Schleppern an, bekamen falsche Pässe. Über die Türkei und Bulgarien gelangten sie nach München. Hozan Partawie lacht auf. Dann erzählt er weiter: „Und dann stürzen wir beinahe über München wegen eines Triebwerkschadens ab. Das wäre wirklich Ironie des Schicksals gewesen.“

Polizisten greifen die Flüchtlingsfamilie auf: „Meine Eltern dachten, die erschießen uns. So tief saß ihre jahrelange Angst vor dem Regime.“ Die Familie versuchte sofort mit aller Kraft anzukommen in diesem fremden Land. Anfangs unter Polizeischutz. „Mein Vater hat im Rekordtempo Deutsch gelernt. Noch heute spricht er mit bayerischem Dialekt“, sagt sein Sohn mit unüberhörbarem Stolz: „Er hatte den festen Willen, sich mit uns hier durchzubeißen. Um endlich irgendwo richtig anzukommen.“ Oft unterhalte er sich heute mit der Familie über die aktuelle Flüchtlingskrise. Seine Meinung ist eindeutig: „Wenn du Waffen verteilst, dann musst du dich nicht über Flüchtlingsströme wundern.“

Oft fragt er seinen Vater dann: „Papa, war es bei uns auch so schlimm?“ Die Antwort ist stets die gleiche: „Nein! Wir hatten ja Glück.“ Werfen Flucht und Vergangenheit noch einen Schatten auf das heutige Glück? Hozan Partawie denkt nach. „Nein“, sagt er dann entschlossen, „nach Deutschland zu kommen, war die beste Entscheidung, die meine Eltern für die Familie gefällt haben. Wir wären sonst tot. Da muss man gar nicht drum herumreden.“


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