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Brigitte und Manfred Nitz sind heute zufriedene Rentner. Und sie können nicht begreifen, warum man Flüchtlinge oft so mies behandelt.© Ismail

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Gelüchtet. Geblieben. Geschafft.

"Flucht formt einen fürs Leben"

„Flüchtlinge wird es immer geben. Die, die jetzt kommen, werden in 20 oder 30 Jahren zur Normalität – so wie wir. Uns hat man ja auch jahrelang als Russen beschimpft.“ Manfred Nitz und Brigitte Nitz haben überhaupt kein Verständnis für Menschen, die Flüchtlingsheime anstecken – oder auch nur Flüchtlinge ablehnen, allein, weil es Flüchtlinge sind. Wer seine Heimat verlassen muss, habe es schwer genug, meint der 82-jährige Nitz auf seiner Terrasse im Barsinghausener Ortsteil Kirchdorf – und schüttelt den Kopf über „Neid und Missgunst in den Köpfen anderer Menschen“. Manfred Nitz weiß nämlich, wie man sich fühlt, wenn man alles verloren hat – und dann als Flüchtling wie Dreck behandelt wird. „Die Flucht“, sagt Nitz, „die formt einen fürs Leben.“

Hannover. In Klein-Sehren in Westpommern wurde Manfred Nitz am 11. Juni 1933 geboren, im nahegelegenen Tillwalde (heute Tynwald) bei Deutsch-Eylau (Llawa) verbrachte er eine heile Kindheit. Der Vater besaß einen großen Bauernhof mit Äckern, Moor, Wald und Vieh, mit Knechten und Mägden – und später auch mit britischen und ukrainischen Kriegsgefangenen. „Wir hatten es gut“, sagt Manfred Nitz.

Am 20. Januar 1945 war es vorbei mit dem guten Leben für den Elfjährigen, seinen Bruder (15), seinen Vater (46), seine schwer erkältete Mutter (40) und die einjährige, ebenfalls kranke Schwester.

„Sofort packen und losfahren“, hieß es. Und sofort hieß sofort. Bei Schneetreiben und minus 20 Grad: „Wir packten etwas zu essen für uns und die Pferde ein, zogen warme Kleidung an, und dann ging es auf dem Pferdewagen Richtung Westen.“

Dass die Familie flüchten musste und ihre Heimat verlor, das war für die Kinder zunächst gar nicht klar. „Das war erst einmal wie ein Abenteuer für uns, auch wenn uns das Gesicht einfror“, erinnert sich Nitz und zeigt auf seine roten Wangen, „das ist noch von damals.“

Doch das Abenteuer wurde schnell zum Albtraum. Die Rote Armee war den deutschen Flüchtlingstrecks auf den Fersen, Mutter Nitz und das Baby waren noch immer krank, Schneefall und Frost behinderten die ohnehin beschwerliche Tour, am Wegesrand lagen Pferde mit gebrochenen Beinen. Mitleid gab es auch nicht für die Menschen. „Wer nicht mitkam, wurde auch nicht wieder in den Treck gelassen“, sagt Nitz.

Während die Flüchtlinge auf Pferdewagen und zu Fuß unterwegs waren, näherten sich die Russen mit Lastwagen und Panzern. Die Flüchtlinge schlugen sich über Dirschau an der Ostseemündung, übers pommersche Stolp, Köslin, Kolberg und Greifenberg durch. Anfang März geriet ihr Treck auf der Dievenow-Brücke der Stadt Cammin nordöstlich des Stettiner Haffs unter schweren Beschuss: „Die Mutter rief: ,Lauft, lauft, lauft‘, und dann sind wir gelaufen.“

Der Vater und die beiden Söhne rannen um ihr Leben, die Mutter und das Baby verloren ihres: „Wir wissen nicht, ob sie erschossen wurden.“ Die Brücke wurde anschließend von der Roten Armee gesprengt, „mit allem, was da drauf war“, so Manfred Nitz.

Zu Fuß erreichten er, sein Bruder und der Vater das vermeintlich rettende Swinemünde – doch sie gerieten geradewegs in ein Inferno, in das, was Historiker später „das Massaker von Swinemünde“ nannten. Es war der 12. März 1945, die 8. US-Luftflotte erwies ihren sowjetischen Alliierten die angeforderte Unterstützung und bombardierte die 25 000-Einwohner-Stadt, in der sich schätzungsweise die gleiche Anzahl von Flüchtlingen aufhielt. Die Bomber warfen 1609 Tonnen Spreng- und Splitterbomben ab – „es war verheerend, überall knallte und brannte es“, sagt Nitz, der drei Jahrzehnte später Vizechef der Werksfeuerwehr im VW-Werk Stöcken sein sollte. „Wir haben uns mit vielen anderen in einen Bunker am Hafen geflüchtet, wir hörten Schreie, die Erde bebte. Ich wunderte mich über diese Leute, die da rausgingen und andere reinholten, furchtbar Verletzte, manche ohne Arme, schreiend und blutend ...“

Manfred, sein Bruder und sein Vater überlebten auch dies. Traumatisiert verfrachtete man sie in einen Viehwaggon nach Berlin, von dort ins damalige Wesermünde, das heutige Bremerhaven, in Nordenham wurden die Flüchtlinge aufgeteilt. Die Nitz’ landeten in Abbehausen auf einem Bauernhof, der durchs Kriegsende die Zwangsarbeiter verloren und Bedarf an frischen Arbeitskräften hatte. „Wir waren die Russen für die“, erinnert sich Nitz, „wir durften nicht mit denen an einem Tisch sitzen und bekamen immer nur dicke Bohnen, Kohl- oder Maissuppe. Die alte Bäuerin hat mit dem Krückstock in der Hand darauf geachtet, dass ich bei der Apfelernte nicht heimlich Obst esse.“

1949 zog die Familie nach Badenstedt – und langsam ging es bergauf. Bei den neuen Bauern durften sie mit am Tisch sitzen, der nun 16-jährige Manfred durfte das Feld mit dem Trecker pflügen, er begann eine Lehre als Zimmerer – und schloss 1953 als Innungssieger ab. „Wir waren 32 Lehrlinge aus Stadt und Land, ich war der Beste“, berichtet er mit Stolz in der Stimme.

1956 sah der damalige Polier auf einer Baustelle ein Mädchen vorbeigehen: „Die hatte solche Zöpfe wie die Mädchen bei uns in Pommern, da habe ich gedacht, die heirate ich mal.“ Als er sie das zweite Mal erblickte, erzählte er es einem Kollegen, der die junge Frau – Brigitte Maiwald – über ein paar Ecken kannte und wusste, dass sie freitags zum Singen in die Gaststätte „Oehlers“ ging. Manfred Nitz ging auch – und spendierte der 17-Jährigen einen Likör: „Seitdem sind wir zusammen.“

Auch Brigitte Nitz weiß, was Flucht bedeutet. Sie und ihre Familie wurden nach Kriegsende aus ihrer Heimat Riemendorf (Kreis Löwenberg) in Schlesien vertrieben: „Am 7. Juli 1946 mussten wir packen, der ganze Ort wurde in drei Trecks Richtung Deutschland verteilt. Einer ging nach Thüringen, einer nach Köln und unserer nach Niedersachsen. Am 13. Juli kamen wir an, niemand von uns kannte dieses Ronnenberg.“ Brigitte Maiwalds Urgroßeltern, die Großeltern, die Mutter, der Onkel, sie und ihr Bruder wurden zunächst alle untergebracht in einer Zweieinhalbzimmerwohnung. Angegiftet und streng beäugt von den Einheimischen. „Wir waren die Polen, obwohl wir Hochdeutsch sprachen“, sagt Brigitte Nitz, „und die Vertriebenen, die nach uns kamen und bereits Polnisch sprachen, das waren die Polacken – die wurden noch schlimmer behandelt.“

70 Jahre sind vergangen nach der Flucht von Manfred Nitz, 69 Jahre nach der Vertreibung von Brigitte Nitz. Nach seinen Tätigkeiten als Polier auf Baustellen und bei der freiwilligen Feuerwehr hat Manfred Nitz seinen Traum wahr gemacht, er ließ sich bei VW in Stöcken bei der Berufsfeuerwehr anheuern, wo er 32 Jahre blieb. Die Ohnmacht aus den Zeiten der Flucht weglöschen, anderen helfen – das war immer sein Ding. Brigitte Nitz hat im Verkauf gearbeitet und sich um den Jungen Frank sowie das Mädchen Simona gekümmert. Das Paar hat ein schönes Haus am Deister gebaut und seine zwei Kinder zu toleranten und freien Menschen erzogen. Mit Kindern und Enkeln haben Manfred Nitz (82) und Brigitte Nitz (77) ihre alten Heimatdörfer in Polen besucht. Um dann auch wieder gern in ihr Leben nach der Flucht zurückzukehren. Sie wissen: Sie haben eine Wahl, andere nicht.


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