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Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

„Es waren auch meine Ängste“

„Ich liebe meine Heimat. Ich liebe sie noch immer und werde sie stets in meinem Herzen tragen. Aber ich musste mich zwischen Leben und Tod entscheiden“, sagt Shakila Nawazy, „und ich habe immer nach dem Leben gestrebt.“ Ihre Stimme bricht, man hört den Schmerz. Noch immer, auch nach 24 Jahren.

Hannover. Nawazy war Flüchtling – „und vermutlich bin ich es noch immer. Diesen Stempel wird man nie richtig los“, sagt die Sozialpädagogin. Es ist auch der Grund, warum sie das Wort „Flüchtling“ verabscheut. Sie meidet es regelrecht. „Es ist ein erniedrigendes Wort, fast so, als würde man über Tiere oder Aliens sprechen. Aber es sind Menschen wie du und ich“, sagt sie.

Mit ihrer Familie lebte Shakila Nawazy in Kabul, „wir hatten ein Haus, das gefüllt war mit Leben und Büchern“. Das Haus steht schon lange nicht mehr – zerstört von Raketen. Jeden Tag sei die Haltung der Regierung schlimmer geworden, erinnert sie sich: „Irgendwann war es einfach nicht mehr auszuhalten. Auch mein Kampf gegen das Regime war zermürbend. Hinzu kam die permanente Todesangst. Das wollten wir nicht länger ertragen.“ Im Dezember 1991 war die Entscheidung gefallen. Flucht. „Das hatten Schlepper für uns organisiert. Das Ziel war uns egal, wir wollten einfach nur in ein sicheres Land“, so Nawazy.

Mitten in der Nacht verließen sie ihr Zuhause, das längst kein sicheres mehr war. Was dachten sie? „Nichts! Ich war innerlich leer.“ Wieder bricht ihre Stimme, der alte Schmerz ist wieder da. Eine Woche blieb die Familie in Masar-i-Scharif und versteckte sich dort. Dann ging es über Tadschikistan, Russland und die ehemalige Tschechoslowakei nach Deutschland. Die Erinnerungen von damals sind nicht verblasst. „Von der Tschechoslowakei mussten wir zu Fuß über die deutsche Grenze. Stundenlang sind wir bei eisiger Kälte gelaufen. Ich fühle noch heute diesen Schmerz“, erzählt sie weiter. Im Januar waren sie angekommen – rund 6300 Kilometer Weg lagen da hinter ihnen.

Hart sei die Ankunft in Deutschland gewesen, „es war ein echter Kulturschock. Alles sah so schön aus, voller Frieden und Freude.“ Mit großen Augen sei sie durch die Gegend gelaufen: „Ich kam gar nicht raus aus dem Staunen.“ Sprachlos machte sie hingegen das lange Asylverfahren, „das dringend geändert werden muss“, so Nawazy: „Es zog sich fast über zehn Jahre hin. Das war kaum auszuhalten. Wir kamen sowieso schon völlig traumatisiert hier an und liefen hier vor die nächste Mauer. Niemand verstand uns oder wollte uns verstehen. Man gab uns beinahe das Gefühl, wir würden lügen und hätten uns die ganze Gewalt in Afghanistan nur ausgedacht.“ Sie erzählt frei von Wut und beeindruckt Zuhörer damit zutiefst. Erst als die Familie ihre Aufenthaltstitel erhielt, sei Ruhe eingekehrt: „Da keimte endgültig Hoffnung und das Gefühl von wirklicher Sicherheit in uns.“

Hannover ist inzwischen ihre neue Heimat, doch ihr Herz schlägt weiter für Afghanistan. „So oft es geht, reise ich in meine alte Heimat“, sagt die Sozialpädagogin. Aus ihrer eigenen Geschichte hat sie eine Lebensaufgabe gemacht. Heute arbeitet sie als Krisenberaterin für Flüchtlinge und Migranten im Unternehmerinnen-Zentrum in Linden. „Die Menschen stehen, wenn sie zu mir kommen, genau da, wo ich vor 24 Jahren stand. Sie sprechen kein Deutsch, haben keine Arbeitsmöglichkeiten, ihr Aufenthaltsstatus ist unsicher, und eine gefährliche Flucht liegt hinter ihnen. Ich kenne ihre Ängste genau, weil es auch meine waren.“

Warum ist es für Deutschland eine Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen? Nawazy: „Weil unser Land die Kapazitäten hat, diese Menschen aufzunehmen. Aber vor allen Dingen, weil kein Mensch illegal ist. Jeder hat ein Recht auf ein Leben.“ Dann fügt die lebenslustige Frau hinzu: „Wenn Deutschland und der Rest Europas keine Menschen mehr aufnehmen würden, wäre damit ja nicht das Problem gelöst. Das bleibt da. Die Frage ist dann nur, was mit den Menschen passieren soll. Werden die einfach ins Mittelmeer gestoßen, um bloß nicht europäischen Boden zu betreten?“


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