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ES HAT SICH GELOHNT: Ahmetovic mit Ehefrau Edina und sein Sohn Adis.

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Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

„Es war eine gute Entscheidung“

So schlimm wird es schon nicht werden. So lange wird es nicht dauern. Irgendwann wird er zurück können – mit seiner Frau Edina und seinem damals zwei Jahre alten Sohn Edin. Fuad Ahmetovic zuckt mit seinen Schultern, wenn er von 1992 erzählt, vom Beginn des Krieges in Bosnien. So als wollte er mit dieser Geste sagen: „Wie konnte ich das nur denken?“

Hannover. Dennoch hat dieser groß gewachsene Mann am Ende alles richtig gemacht. „Das weiß ich heute“, sagt er. Mit seiner Frau traf er die Entscheidung zu gehen. Er wollte nicht am Krieg in Kroatien teilnehmen, der das blutige Auseinanderfallen des damaligen Jugoslawiens einleitete und wofür ihm schon eine Einberufung drohte. Für wen sollte er kämpfen? Auf wen schießen? Und auf wen nicht? Es war nicht sein Krieg. Ahmetovic wollte aber vor allem seine Frau und seinen Sohn in Sicherheit bringen, nur weg aus Bosnien – dem nächsten Pulverfass, das zu explodieren drohte.

„Ich kann mich noch erinnern, wie uns mein Vater an unserem Haus verabschiedet hat. Er wollte nicht mit nach Deutschland“, erzählt Ahmetovic, „er fühlte sich sicher, weil er früher die Polizei in unserem Ort geleitet hat. ‚Ich kenne die Leute doch alle, die tun mir nichts‘, hatte er mir noch gesagt.“ Seinen Vater hat er seitdem nicht mehr gesehen. Schon wenige Monate später verlor sich die Spur. Er ist einer von 20 000 Menschen in Bosnien, die noch heute als vermisst gelten. Seine Geschichte ist ein Beleg dafür, dass Fuad Ahmetovic richtig gehandelt hat.

Im Reisebus ging es erst nach Zagreb in Kroatien, dann weiter nach Hannover, wo sie Freunde und Familienangehörige empfingen. Ahmetovic lotste weitere Verwandte nach Deutschland, seine Mutter, seine Schwester – zeitweise lebten zwölf Menschen auf 60 Quadratmetern zusammen. Er sagt zufrieden: „Ich habe nie Sozialhilfe vom Staat bekommen. Anfangs noch nicht einmal Kindergeld.“ Er suchte sich lieber schnell einen Job und fand ihn auf dem Bau in Isernhagen. „Vom Schreibtisch an die Schaufel“ nennt er diesen harten Weg. Zweieinhalb Jahre lang schlug sich der Mann, der in der bosnischen Kleinstadt Kotor Varos als Verwaltungsjurist gearbeitet hatte, auf diese Weise durch. Über eine Empfehlung schaffte er es zum Logistikunternehmen Trans-o-flex und arbeitet seitdem als Lagerist. Immer in der Nachtschicht, seit 21 Jahren.

Ahmetovic hat sich in dieser Zeit den Respekt vieler Kollegen verdient, weil er immer wieder für sie eingetreten ist. Heute ist er Betriebsratsvorsitzender. Den ersten Wahlkampf vor fünf Jahren hat sein Sohn Adis geleitet, der 1993 in Hannover geboren wurde, Politikwissenschaft und Germanistik studiert und seit einigen Monaten der erste deutsche Staatsbürger der Familie ist. Er ist auch Vorstand der Jusos in der Region, sein Vater war mal Vorsitzender des Jugendverbandes der Kommunistischen Partei in seiner Heimatstadt und trat bei den ersten freien Wahlen vergeblich für ein multiethnisches und friedliches Bosnien ein. Die beiden sind politisch auf einer Linie, könnte man sagen. Und auch Edin ist seinen Weg gegangen, lebt heute in München und ist Abteilungsleiter in einem Kaufhaus. „Wir haben damals eine gute Entscheidung getroffen. Ich bin dankbar dafür, dass ich hier eine Chance bekommen habe“, sagt Fuad Ahmetovic, „und auch unsere Kinder haben ihre Möglichkeiten genutzt. Das ist unser Lohn für die harte Arbeit.“

Ein Zurück nach Bosnien gibt es nicht. „Ich habe keine Sehnsucht mehr“, sagt er. Es ist längst nicht mehr das Land seiner Träume. Das war es mal, damals, kurz vor dem Krieg, als es den Menschen wirtschaftlich recht gut ging: „Ich bin heute sehr zufrieden mit unserem Leben hier. Manchmal macht mir das Angst. Weil es mich an die Zeit in Bosnien erinnert, kurz bevor wir fliehen mussten, fühlte ich mich auch so.“ Es ist ein Gedanke, dem er nicht zu lange nachhängen will. Ahmetovic will lieber über Dinge sprechen, die man beeinflussen kann. Etwa über den Umgang mit den heutigen Flüchtlingsströmen.

„Was sollen wir mit diesen vielen Menschen machen?“, fragt er selbst. Seine Antwort fällt kurz aus: „Wir müssen ihnen helfen. Sie kommen, weil sie existenzielle Ängste haben. So wie wir damals.“


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