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Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

„Es lohnt sich immer zu fliehen“

Er wollte weg, nur raus, er wollte hinter dieser Mauer „nicht verschimmeln“. Viermal hatte Andreas Georg Hoge seine Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft und eine Ausreise nach Westberlin beantragt. In einer Vernehmung – so ist es in seinen Stasi-Unterlagen nachzulesen – machte er seine Position klar: „Mein einziger Wunsch an die DDR-Behörden ist es, mich endlich dort leben zu lassen, wo ich es will.“ Doch was soll man schon machen, wenn diesem Wunsch keiner nachkommen will?

Hannover. Der DDR-Bürger Hoge beschwor Ärger herauf. Hoge nennt sich heute Andora und ist Pop-Art-Künstler. Er tat damals das, was er noch heute beherrscht: ein Stück zu weit gehen, die Provokation wagen. Am 24. März 1980 forderte Andreas Georg Hoge am Kontrollposten des Grenzübergangs Bahnhof Berlin-Friedrichstraße seine Ausreise nach Westberlin ein – ohne die notwendigen Papiere vorlegen zu können. Er wusste, dass das nicht ohne Folgen bleiben würde. Es brachte ihm erst Untersuchungshaft ein, schließlich aber doch noch die Ausbürgerung. Die Rechnung ging auf – er hatte wohl genug genervt.

Doch ist er im Westen sofort angekommen, war er willkommen? „Die Bundesrepublik musste mich doch aufnehmen, weil ich ein Deutscher war“, sagt er, „sie hatte keine andere Wahl.“ Die ersten Schritte fielen ihm schwer – aber er musste funktionieren: „Ein Jahr später kam meine Frau aus Ostberlin, meine Kinder. Ich wusste spätestens da, dass ich mit meinem Schulabschluss aus der DDR nicht weit kommen werde.“ Er habe sich schließlich seinen Studienzugang „erschleichen müssen“, schloss das Sozialpädagogik-Studium aber dennoch innerhalb von vier Jahren ab. „Ich habe meine Chance nicht geschenkt bekommen“, sagt er im Nachhinein. Aber immerhin sei es in diesem Land möglich gewesen, sich seine Chance zu nehmen.

Als Sozialpädagoge hat er nie gearbeitet: „Mir war schnell klar, dass meine Zukunft nicht in der Verwaltung des Elends liegt.“ Er beschloss, Künstler zu werden, legte sich unter dem Namen Andora ein zweites Ich zurecht, bemalte Leinwände, Telefone, Formel-1-Wagen und sogar eine russische Rakete, die 1992 ins All geschossen wurde. Zuletzt machte er in Hannover, wo er elf Jahre lang gelebt hat, Schlagzeilen mit seiner Vision der Raschplatz-Hochstraße als Kunstbrücke. „Als Künstler kann ich Sachen ansprechen, die unbequem sind. Ich lebe dafür, unbequem zu sein. Deswegen habe ich mich für diesen Weg entschieden“, sagt Andora und macht in diesem Sinne gleich weiter. Zur aktuellen Situation sagt er: „Gerade als ehemaliger Flüchtling sage ich, dass die Politik in der Pflicht ist, stärker und vor allem rechtzeitig aufzuklären. Es kann doch nicht sein, dass plötzlich überall Sporthallen zur Unterbringung von Flüchtlingen gesperrt werden. Das ist es doch auch, was der Staat seinen Bürgern garantiert: Zugang zu Bildung und Sport.“ Seine Schlussfolgerung: „Wir sollten lieber Kasernen räumen statt Sporthallen.“

Die Politik versagt – auf allen Ebenen, meint Andora: „Wir können doch nicht eine globale Wirtschaftspolitik betreiben, die in den armen Ländern die Ressourcen abzieht, und uns andererseits fragen, warum denn alle plötzlich zu uns wollen.“

Zeit zum Umdenken, Zeit für eine neue Willkommenskultur fordert er ein: „Das, was die Syrer und Afrikaner heute machen, ist das, was die Ostdeutschen 1989 und 1990 auch gemacht haben. Es lohnt sich immer zu fliehen, wenn man woanders nicht mehr leben kann. Das muss man doch verstehen. Das muss sogar ein Nazi verstehen.“


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