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Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

„Es ist eine Win-win-Situation“

Leben oder sterben? Dang Chau Lam (66) entschied sich für sein Leben – und ging. Millionen Vietnamesen waren längst tot, ermordet, einem brutalen Krieg zum Opfer gefallen, als der heute 66-Jährige 1968 sein Land verließ. Südviet- nam. 13 Jahre dauerte der Krieg bereits, „ich ging auf dem Höhepunkt des Konflikts“, erinnert sich Lam.

Hannover. Sein Losglück brachte ihn in Sicherheit: „Ich hatte mein Abitur gemacht und mich auf einen Studienplatz in Deutschland beworben. Jedes Jahr wurden nur 100 verlost. Und ich hatte riesiges Glück und bekam einen. Ohne den Studienplatz hätte ich niemals ausreisen dürfen.“ In Saigon, heute Ho-Chi-Minh-Stadt, stieg der 19-Jährige in ein Flugzeug. Es war das letzte Mal, dass er seine Heimat sehen sollte. „Bis heute darf ich nicht einreisen“, berichtet Dang Chau Lam. Ende der 1990er Jahre versuchte er mit seiner Frau, auch eine gebürtige Vietnamesin, einzureisen. Vergeblich. Die Sicherheitsbehörden stuften Lam, nicht aber seine Frau, als „gefährlich“ ein. Rückflug nach gerade einmal 24 Stunden. Traurigkeit legt sich bei den Erinnerungen über sein Gesicht. Nur zweimal hat er seitdem seine Mutter gesehen: „Meinen Vater nie wieder. Er lebt aber noch. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich ihn eines Tages in meiner ersten Heimat wiedersehen werde.“

Dabei war es nicht sein Plan, „für immer“ zu gehen. Lam: „Ich wollte nur in Deutschland studieren, nach dem Kriegsende nach Vietnam zurückkehren, um am Wiederaufbau mitzuwirken.“ Doch als der Krieg am 1. Mai 1975 endete, „war es nicht mehr mein Land“, gesteht er. Mit dem Sieg des kommunistischen Nordens über den Süden hatte eine Hatz auf potenzielle Feinde begonnen – allen voran Vietnamesen chinesischer Abstammung, Mitarbeiter der südvietnamesischen Regierung, Angehörige der Armee und sogenannte Kapitalisten. Es war „ein roter Terror“, sagt Lam: „Wer immer ihnen verdächtig erschien, den schickten die neuen Machthaber in sogenannte Umerziehungslager. Auch einige meiner Verwandten kamen dorthin, einige von ihnen wurden zu Tode misshandelt oder verhungerten.“ Und er sagt weiter: „In dieses Land wollte ich nicht zurückkehren. Die Wiedervereinigung in Deutschland war ein Wunder. Unsere Wiedervereinigung kostete mehrere Millionen Menschen das Leben und läutete nur die nächste brutale Diktatur ein.“

Ein Jahr nach Kriegsende beantragte Dang Chau Lam, der 1986 das Vietnamzentrum in Hannover gründete, politisches Asyl. „Ich hatte keine andere Wahl. In Vietnam stand ich auf einer schwarzen Liste. Eine Rückkehr wäre mein Todesurteil gewesen“, erzählt er nüchtern. Neun Jahre später, im Jahr 1985, bekam er einen deutschen Pass: „Ich bin Deutscher und Vietnamese. Hier ist mein Lebensmittelpunkt, aber Vietnam wird auf ewig meine Heimat bleiben.“ Der studierte Mineraloge ist einer von rund 3000 Vietnamesen in der Region. Deutschlandweit sind es 120 000.

Lam ist stolz auf sein neues Land. „Deutschland rettet derzeit die Ehre Europas, weil sich das Land gegen die Abschottung stellt“, sagt er. Grenzen dürfe man nicht dicht machen, weil dann immer die Frage bliebe „Was dann?“. Er habe große Hoffnung in Bundeskanzlerin Merkel, „weil sie in dieser Krise einfach mutig handelt. So wie damals Ministerpräsident Ernst Albrecht, der sich Ende der 1970er Jahre für die Aufnahme vietnamesischer Boatpeople einsetzte.“ „Ich kenne den Schmerz der heutigen Flüchtlinge, weil es auch mal mein Schmerz war“, sagt er weiter. Es gehe einfach darum, Menschlichkeit zu zeigen: „Wir alle müssen den Schwächeren helfen. Dieser Mut wird am Ende reich belohnt.“ Wie? „Weil die Flüchtlinge unsere Zukunft sind. Sie werden unsere Zukunft rosig blühen lassen. Natürlich kostet die Hilfe zunächst sehr viel Geld, aber am Ende ist es eine Win-win-Situation für Deutschland.“


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