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Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

Ein Ehrenmann aus Eritrea

Für den Mann, dessen Nachname Salim auf Arabisch ,Frieden‘ bedeutet, beginnt die Flucht mit Krieg. Mahmud Salih Salim ist noch ein Junge, als er gegen äthiopische Soldaten kämpft, die sein Land Eritrea besetzen. Es ist Anfang der 1960er Jahre, „die Äthiopier wollten unsere Hafenstädte“, erzählt Salim 50 Jahre später. Und so zieht der damals 15-Jährige in einen Krieg – ohne Abschied, ohne Wissen seiner Eltern, ohne zu ahnen, wie das Ganze enden würde. Und wo.

Hannover. Sein Vater, der mit 80 Kamelen vermögende Nomade Salih, überlebt diesen Krieg nicht. 1964 fährt ein Bus mit 40 Insassen auf eine Mine und explodiert. Keiner überlebt. Salih saß in dem Bus. Auch die Mutter und die Schwester sterben während des Krieges, Schwester Zahit mit nur zwölf Jahren.

Mahmud Salih wird im Krieg erwachsen. „Nach der ersten Kugel, nach dem ersten sterbenden Kameraden neben dir ist die Angst weg“, sagt er. 1971 wird der junge Mann schwer verletzt und im sudanesischen Khartum behandelt. Nach seiner Genesung geht er nach Libyen, in Tripolis macht er eine Ausbildung zum Mechaniker – in einer deutschen Fabrik, die Teile für die Landmaschinen- und Traktorenmarke Deutz herstellt. Seine erste Begegnung mit einem Deutschen ist gleich von Freundschaft und Freundlichkeit geprägt: „Der Chefingenieur hieß Herr Hansen, er brachte mir Pünktlichkeit bei und wie man sich vernünftig organisiert.“ Und er schreibt ihm ein gutes Zeugnis, als Libyen den Mann aus Eritrea nach einem Jahr nicht mehr haben will.

Die Familie ist tot, nun treibt es Salim nach Europa: „Ich hatte einen äthiopischen Pass, Äthiopien war früheres Kolonialgebiet Italiens, und so bin ich nach Rom.“ Von dort verschlägt es Salim nach Marseille, wo es damals schon viele Nordafrikaner gibt. Arbeit bekommt er in einem Hotel am Hafen, wo er vor allem als Übersetzer arbeitet. „Aber dort gab es Probleme mit den arabischen Leuten, die wurden nicht integriert und taten auch nichts dafür. Dort wollte ich nicht leben“, sagt er, dessen Vater und Großvater mütterlicherseits in ihren Dörfern „Ehrenmänner“ waren. Also Männer, die für Frieden und Akzeptanz in den Gemeinschaften sorgen.

So wagt Mahmud Salih Salim den Schritt in den hohen Norden, ins kalte Stockholm im gesellschaftlich warmen Schweden: „Da hat mir die Atmosphäre gefallen, und nach acht Tagen hatte ich schon Arbeit.“ Doch für den Afrikaner ist das schwedische Klima ein harter Brocken. Sechs Monate später, im Dezember 1975, trifft er in Deutschland ein. Im Erstaufnahmelager Zirndorf beantragt Salim politisches Asyl, erhält eine Aufenthaltsgenehmigung und wird nach einer Woche nach Barntrup im ostwestfälischen Lippe ge-schickt. Er wird Untermieter der Familie Schmidt, die einen Gutsbauernhof besitzt. Und er wird Familienmitglied: „Ich war angekommen. In Barntrup habe ich mich sofort zu Hause gefühlt.“

Die Schmidts füllen seinen Kühlschrank auf, machen seine Wäsche, helfen bei Behördengängen, und Tochter Nicole (9) übt mit Salim Deutsch. Auch die übrige Willkommenskultur ist überwältigend: „Der Stadtdirektor persönlich holte mich mit seinem Mercedes ab und brachte mich zu einem Freund, der eine Fabrik hatte. Der gab mir Arbeit.“

Sein Asylantrag ist anerkannt, und so schickt ihn das Arbeitsamt Detmold zu einem richtigen, täglich acht Stunden stattfindenden Sprachkurs – nach Hannover. Den „zweiten Eltern“, der Familie Schmidt, kann er „Auf Wiedersehen“ sagen – und in Hannover erwartet ihn die nächste „Mutter“. Frau Hartmann, seine über 70-jährige Vermieterin im Viertel Alte Heide, empfängt den jungen Mann ebenfalls mit einer Herzlichkeit, die Mahmud Salih Salim bis heute beeindruckt: „Sie hat meine Wäsche gewaschen, für mich gekocht und Kuchen gebacken, half auch bei Behördengängen.“

Und sie hilft der Liebe ein wenig nach. Denn der großgewachsene Salim, Ende der 1970er Jahre mit einem modischen Afro-Look ausgestattet, lernt auf einer Karnevalsparty die fesche Sozialpädagogin Elisabeth Lücking kennen. Ein Jahr lang siezt man sich distanziert. „Frau Hartmann hat Elisabeth häufiger zum Tee eingeladen“ – wobei ganz offenbar nicht nur die Teetassen, sondern auch die Herzen erwärmt werden. 1984 heiraten die Katholikin und der Muslim, die Eheleute wirken heute noch verliebt.

Salim, der immer gearbeitet hat, zuletzt in der Volkshochschule als Hausmeister und „Mädchen für alles“, ist am 1. Oktober in Rente gegangen. Doch ruhen wird der 65-Jährige nicht. Er wird Flüchtlingen (weiterhin) bei Behördengängen helfen. Der Mann, der Arabisch, auch arabische Dialekte, Englisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch, Französisch und ein wenig Schwedisch spricht, wird Migranten bei Übersetzungen zur Seite stehen. Und wo er kann, möglichst im Vorfeld Streit schlichten und dafür sorgen, dass es den Leuten gut geht. So wie sein Vater und sein Opa, die Ehrenmänner aus Eritrea.


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