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NOTEN, TÖNE, LAUTE DRUMS: Die Musik half Anca Graterol viele Tiefen zu überstehen.© Nader Ismail

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Geflüchtet. Geblieben. Geschafft

Die Musik als Seelenretter

Sie hätte an dem System zerbrechen können. Das war Anca Graterol (63) immer klar. „Doch ich war wohl einfach zu stark, um vor die Hunde zu gehen“, sagt Hannovers bekannte Rock-Musikerin. Vielleicht zerbrach sie auch deshalb nicht, weil sie früh genug vor dem menschenverachtenden Regime Nicolae Ceauescus aus ihrer Heimat Rumänien floh. Es ist lange her – 28 Jahre.

Hannover. Die damals 24-jährige Anca war zu dieser Zeit mit ihrer Frauenband Catena ein Megastar in ihrer Heimat. „Doch das Regime machte uns Künstlern das Leben schwer. Ich durfte nicht auf Englisch singen, viele Wörter waren tabu und wurden zensiert. Für einen freiheitsliebenden Künstler bedeutete das die Hölle“, erinnert sie sich. Verfolgung, Schikane, Zensur – ihr Alltag. Und doch blieb Graterol in Bukarest, das „als Klein Paris galt und wunderschön war“ – und trotzte dem Psycho-Terror der Diktatur.

Doch wie bei fast jeder Fluchtgeschichte ist da irgendwann dieser Punkt, der alles verändert. Ein Konzert an der Schwarzmeerküste im Sommer 1976 war für Anca Graterol dieser Wendepunkt. „Nach unserem Gig saßen wir Musiker mit vielen Ausländern an einem Tisch, redeten, hatten einfach Spaß“, erzählt die heute 63-Jährige. In den Augen der Geheimpolizei Securitate ein Verstoß – „wir waren anders und somit per se verdächtig“, sagt sie heute. „Am nächsten Morgen wurde ich mit meiner Band verhaftet und schwer misshandelt. Wir mussten uns nackt ausziehen, wurden erniedrigt“, erinnert sie sich. Sie habe auf ihre Rechte gepocht und Gelächter geerntet. Graterol: „Genauso war das System: Es hat dir alle Rechte genommen und willkürlich gehandelt.“

Sie hielt die Schläge, die Schikanen und Erniedrigungen aus. „Die sollten mich nicht brechen. Die nicht“, sagt sie noch heute entschlossen, „aber nach meiner Freilassung gab es für mich nur noch ein Ziel: bloß weg aus Rumänien. Endlich in Freiheit leben. Dieser Psycho-Terror hat mich wirklich platt gemacht.“ Abhauen, aber wie? „Ich brauchte unbedingt einen anderen Pass, um das Land zu verlassen“, erzählt sie weiter. Das Schicksal führte Anca zu „Herrn Graterol“ – einem jungen Studenten aus Venezuela. Sie heirateten, eine Scheinehe: „Herr Graterol war meine einzige Chance, an einen Pass zu gelangen.“ Fünf Monate hielt die Ehe, noch heute trägt sie seinen Namen. Im Herbst 1977 flog sie ins kalifornische Stockton. „Ich atmete dort richtig Rock ’n’ Roll ein“, lacht Graterol – und gibt auch zu: „Die jahrelange Schikane und Verfolgung hatten mich müde gemacht. Ich tankte neue Energie, versuchte meine Seele zu kitten.“

Ende 1978 packte sie wieder ihre Koffer und landete in Bramsche, danach ging es nach Hannover. Graterol: „Ich stürzte in eine tiefe Krise, brauchte vier Jahre, bis ich endlich ganz in Deutschland ankam.“ Deutschland sei für sie ein Kulturschock gewesen: „Ich wollte immer frei sein. Doch absurderweise wusste ich hier nichts mit dieser Freiheit anzufangen.“ Die Musik half ihr zu überleben – wie schon so oft. Heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später, ist sie „schon lange mehr deutsch als rumänisch“.

Die Musik ist ihre große Liebe, ihr Seelenretter geblieben. Noten, Töne, laute Drums – das ist Anca Graterols Sprache. „Musik ist eine Sprache, die jeder versteht“, sagt sie. Jeden Montag ist es auch die Musik, die sie mit dutzenden Flüchtlingen verbindet. Zusammen mit dem ASB veranstaltet die Rockerin Musik-Workshops für Flüchtlinge in einer Unterkunft in Adelebsen bei Göttingen: „Ich unterrichte sie an den Gitarren, wir machen zusammen Musik. Nach jedem Workshop sehe ich pures Glück in den Gesichtern der Flüchtlinge. Und das macht auch mich glücklich.“

Wie blickt sie heute auf ihre eigene Flucht zurück? „Ich habe es nie bereut, trotz all der Tiefen, die ich erlebt habe.“ Und dennoch sei sie stolz darauf, in Rumänien geboren worden zu sein: „Ich kenne zwei Kulturen sehr gut, das hat mir immer geholfen, schnell einen Zugang zu anderen Menschen zu finden.“ Aber am Ende sei es auch egal, ob ein Mensch in Rumänien, Deutschland oder Syrien zur Welt gekommen sei, so Graterol: „Keiner hat die Welt gekauft, sie gehört uns allen – auch den Flüchtlingen. Und wer das noch immer nicht begriffen hat, der soll sich endlich auf eine einsame Insel verziehen.“


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