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© Ismail

Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

Auf der Flucht der Liebe wegen

Am Morgen ihrer Flucht aus der DDR war Heike Richter noch gar nicht klar, dass sie alles liegen und stehen lassen und ihre Heimat Leipzig verlassen würde: „Ich hatte keinen Stress, von selbst wäre ich nicht unbedingt abgehauen.“ Dass die damals 17-Jährige dennoch am selben Tag – irgendwann im Herbst 1989, mit hunderten anderen Ostdeutschen im Zug Richtung Prag stehen würde, hatte sie ihren Gefühlen zu verdanken: „Ich bin aus Liebe weg.“

Hannover. Die Liebe, das war ihr Freund, ein 21-jähriger Fußballfan, der im Zuge seiner sportlichen Leidenschaft bereits Ärger mit Volkspolizei und Stasi hatte – und der ohnehin unzufrieden war im Arbeiter- und Bauernstaat. Es gab die Demos in Leipzig, die Bürger riefen „Wir sind das Volk“. Heike Richter und ihr Freund auch. Abzuhauen war durchaus schon eine Option für das Paar. Irgendwann. „Wir hatten den Plan zu heiraten, die Hochzeitsreise nach Ungarn zu machen und von dort aus in den Westen zu fahren. Doch weil er schon auffällig war, gab es kein Visum für Ungarn“, berichtet Heike Richter.

Ja, und dann kam der Liebste eben von der Arbeit und sagte: „Ich pack jetzt meine Sachen und setz mich in den Zug nach Prag. Du kommst mit oder eben nicht.“

Sie kam mit. Hopp oder topp, wie man heute sagt. Eine Tasche gepackt, gefüllt nur mit Klamotten und Pässen, keine Ahnung, ob man jemals wieder heimkehrt nach Leipzig, keine freudige Verabschiedung in der Kneipe ihrer Eltern, „nur die Mutter meines Freundes wusste Bescheid. Und die weinte bitterlich“. Was die verliebte Heike zunächst auch nicht ahnte: dass die Turteltauben auf der Flucht nicht allein sein würden: „Das war ein Gedränge und Geschiebe auf dem Bahnhof. Der Zug war dermaßen voll, dass wir die ganzen fünf Stunden nach Prag stehen mussten. Alle wollten über Prag in den Westen.“

Was zwei Wochen später sogar legal sein würde – was die Flüchtlinge zu diesem Zeitpunkt aber nicht ahnten: „Wir hatten ja Angst, dass wir vor der Grenze aus dem Zug geholt werden.“ Doch nichts geschah – und in Prag stiegen die Leipziger einfach in den nächsten Zug Richtung München: „Da hatten wir wenigstens Sitzplätze.“ Und sie konnten sich nach dem Grenzübertritt endlich umarmen. Befreit – im doppelten Sinne.

Heike Richter und ihr Freund wussten nicht, was sie erwarten würde – und waren glücklich und erstaunt über das, was dann kam: Hilfe, ein herzliches Willkommen, Wärme: „Auf dem Bahnhof in Hof standen Leute mit Getränken und Suppe. Für die Weiterfahrt bekamen wir Pakete zugesteckt.“ Im Erstaufnahmelager in Bayreuth erhielten sie ein Zimmer, 25 Mark – und einen Konsumschock: „Wir sind in den örtlichen Supermarkt gegangen und standen mit offenen Mündern vor den vollen Regalen – und waren unfähig, etwas zu kaufen.“

Ja, und dann mussten natürlich die Eltern informiert werden – die noch nichts von dem Trip in den Westen wussten. „Mein Vater schwieg zuerst am Telefon“, erzählt Heike Richter, „und schließlich sagte er: Mädchen, das habt ihr richtig gemacht.“ Willkommenskultur nicht nur in Bayern, sondern anschließend auch in Hannover. Westdeutsche Bekannte ihrer Eltern in Hannover hatten ein Herz für die Flüchtlinge – und ein Zimmer in ihrer Herrenhäuser Wohnung für das Pärchen: „Wir haben das mit der Tochter geteilt, aber das war total in Ordnung.“ Überwältigend sei der Empfang gewesen, und auch die anschließende Hilfsbereitschaft der Leute. Heike Richter konnte ihre Ausbildung als Köchin in einem Hotelbetrieb beenden, ihr Freund – und späterer erster Mann – fand ebenfalls einen Job in einer Firma, in der er bis heute tätig ist.

26 Jahre später lebt Heike Richter mit ihrem zweiten Mann und Rhodesian Ridgeback Milow in Döhren. Ihr Sohn ist jetzt so alt wie sein Vater, als er aus der DDR flüchtete. „Wenn man es mit den heutigen Flüchtlingen vergleicht“, sagt Heike Richter, „hatten wir ja wirklich nichts auszustehen“.


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