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Wieder vereint: Heinz Hermann Sänger, Heinz Radack, Gunter Fischer und Dierk Schäfer (v. l.) haben einst auf dem Hinterhof in der Hohe Straße gespielt.

Wieder vereint: Heinz Hermann Sänger, Heinz Radack, Gunter Fischer und Dierk Schäfer (v. l.) haben einst auf dem Hinterhof in der Hohe Straße gespielt.

Linden-Mitte

Zeitreise mit Lindener Butjern

Der Geschichtsverein Netzwerk Archive Linden-Limmer hatte vier Lindener Butjer zum Erzählen ins Heizkraftwerk Linden eingeladen. Die einstigen Schulfreunde auf dem Podium und rund 80 Besucher im Saal blickten gemeinsam zurück auf eine Kindheit zwischen Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder.

Hannover. „Bist ’n Lindener Butjer, hat meine Oma immer gesagt.“ Der 71-Jährige Dierk Schäfer muss lächeln, wenn er an seine Großmutter aus der Pavillonstraße denkt. Die alte Dame war eine stolze Lindenerin. „Sie hat uns immer erzählt, Linden sei zwangseingemeindet worden“, schmunzelt er. Über sechs Jahrzehnte ist es her, dass Dierk Schäfer in der Rampenstraße seine Kindheit erlebte. Das Bahnhofsgelände am Küchengarten, auf das er und die anderen Kinder sich zum Spielen schlichen, ist inzwischen verschwunden. Verklungen sind die Musik des Orgelmannes in der Fannystraße und das Rufen des Lumpensammlers: „Lump, alt Eis!“ Verstummt sind die Luftangriffssirenen, und verschwunden sind die Ruinen, zwischen denen die Nachkriegsgeneration aufwuchs.

In den Erinnerungen der Kinder von damals aber existiert das Linden der Fünfzigerjahre noch. Wer ihre Geschichten kennt, der kann auch immer selber die Spuren der Geschichte im Stadtteil entdecken. Wer weiß schon noch, dass die urige Kneipe Barkarole in der Rampenstraße ursprünglich ein Lebensmittelgeschäft war? Oder dass in der Spelunke Bei Logi in der Nieschlag-straße früher Pferde geschlachtet wurden? Und die Räume des heutigen Café K am Pariser Platz beherbergten einst eine Fleischerei, im Volksmund „Wurst-Akropolis“ genannt.

Diese und weitere Details aus der Vergangenheit wurden jetzt wieder lebendig: Der Geschichtsverein Netzwerk Archive Linden-Limmer hatte vier Lindener Butjer zum Erinnern und Erzählen in das Heizkraftwerk Linden eingeladen. Die einstigen Schulfreunde auf dem Podium und rund 80 Besucher im Saal blickten gemeinsam zurück auf eine Kindheit zwischen Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder.

Wie Dierk früher aussah, zeigt das Foto von 1950 in der Rampenstraße – er ist der Junge unten ganz links.

Wie Dierk früher aussah, zeigt das Foto von 1950 in der Rampenstraße – er ist der Junge unten ganz links.

Quelle: Privat

Heinz Hermann Sänger erinnert sich noch genau, wie das schwarz-weiße Foto entstanden ist, das hinter ihm auf die Leinwand projiziert wird. „Es gab einen Fotografen, der lief durch die Rampenstraße und hat die Kinder fotografiert. Die Eltern konnten ihm die Bilder dann abkaufen“, berichtet Sänger. Mehr als ein halbes Jahrhundert später sitzen einige der auf dem Foto abgebildeten Kinder nun wieder zusammen. Eigentlich soll es eine moderierte Podiumsdiskussion werden. Doch schnell verselbstständigen sich die Erinnerungen, und die Anekdoten sprudeln nur so aus den Anwesenden heraus. Ein Sammelsurium, Momentaufnahmen wie Puzzlestücke. „Ich erinnere mich noch an die Holunderbüsche auf dem alten Bahnhofsgelände am Küchengarten, aus denen wir Blasrohre fürs Indianerspielen gemacht haben“, erzählt Gunter Fischer.

„Was sie hier hören, das steht in keinem Buch“, erklärt Michael Jürging vom Netzwerk Archive das Konzept des Erzählabends. „Das sind nicht bloß Anekdoten. Diese Erlebnisse haben das Lebensgefühl bestimmt.“ Und schon fallen auch anderen Gästen Geschichten zu dem Küchengartenbahnhof ein, der bis in die Sechzigerjahre dort stand, wo sich heute der kleine Spielplatz und die Parkfläche neben dem Küchengartenplatz befinden. „Für uns Kinder war das Gelände der einzige Ort, wo man wirklich unbeobachtet war“, bemerkt einer der Diskussionsteilnehmer. „Wenn wir über die Mauer geklettert sind, kam gleich die Polizei aus der Gartenstraße und hat uns vertrieben“, ergänzt Sänger.

Er, Fischer und Schäfer waren damals Kumpels. Wie einige andere, die im Heizkraftwerk zu Gast sind, gingen sie auf die Pestalozzischule (heute Grundschule Am Lindener Markt). Bis zu 50 Kinder waren in einer Klasse - und einige der Lehrer waren vom Krieg gezeichnet. „Einer hat stundenlang Geschichten aus dem Schützengraben erzählt“, erinnert sich Sänger. Wer sein Gedicht nicht auswendig konnte, musste nachsitzen. Auch „’ne kleine Kopfnuss“ war nicht ungewöhnlich. Nachmittags streunten die Jungs in ihren Banden durch ihre kleine Welt. Die begann in der Rampenstraße, wo Schäfer, Fischer und Sänger wohnten, und sie endete im Süden an der Davenstedter Straße, im Osten am Küchengarten und westlich an der Nieschlagstrasse. Dort gab es alles, was man brauchte.

Vor dem Erzählabend sind Schäfer und Fischer ihr altes Revier mit einem Lokalhistoriker abgegangen: Peter Hoffmann-Schoenborn arbeitet an einem Buch über die Geschichte des Handels in Linden. An 27 Geschäfte und acht Gaststätten konnten sich die beiden Senioren erinnern. Rund um den Lichtenbergplatz gab es in den fünfziger und sechziger Jahren alleine sechs Bäcker und fünf Fleischer. Dazu Milchgeschäfte, Kurzwarenläden, Drogerien oder Möbel- und Feuerholzgeschäfte. Die Fleischer verkauften in Linden nicht nur, dort wurde auch geschlachtet. „In einem Haus guckten immer die Pferde aus dem Fenster im ersten Stock“, erinnert sich Zeitzeuge Heinz Radack. „Damals muss ein völlig anderes Leben in Linden geherrscht haben“, stellt Lokalhistoriker Hoffmann-Schoenborn interessiert fest. Der Kiez war einst der Lebensmittelpunkt für viele seiner Bewohner. „Wenn man in die Stadt nach Hannover ging, dann machte man sich schick“, erklärt Schäfer.

Kultkneipe: Bei Logi wurden früher Pferde geschlachtet.

Kultkneipe: Bei Logi wurden früher Pferde geschlachtet.

Quelle: Moers

In den nostalgischen Rückblick mischen sich im Laufe des Abends Erinnerungen an die Härten der Nachkriegsjahre. „Als Kind hatte ich immer Schweißfüße. Damals habe ich mich gewundert, weshalb. Heute weiß ich, dass es an den Schuhen lag - die hatten vor mir schon zwei Generationen getragen“, erzählt Besucher Günter Müller. „1946 haben wir zu Hause das Brot in der Pfanne gebraten, damit es mehr Geschmack hatte“, berichtet ein anderer Zeitzeuge. Im Publikum geht eine Hand nach der anderen Hand nach oben. Jeder will dem Puzzle sein Stückchen Erinnerung hinzufügen. Die Kinder von damals erzählen, wie ihre Eltern sie vor dem „Gesindel“ in der Fannystraße gewarnt haben. Der 83-Jährige Hans-Werner Seils kontert: „Wir waren schlaue Burschen in der Fannystraße.“ Und er grinst schelmisch: „Wir haben uns nie von den Soldaten erwischen lassen, wenn wir was organisierten.“

Nach zwei Stunden endet die Zeitreise. Die alten Schulfreunde verabreden sich für den nächsten Tag zu Kaffee und Kuchen. Im Café Mönikes natürlich. „Da haben wir schon als Kinder den Kuchen geholt“, verrät Schäfer.


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