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Typisch für die Hannoversche Schule: Die Ziegelfassaden in der Querstraße.

Typisch für die Hannoversche Schule: Die Ziegelfassaden in der Querstraße.© Christian Link

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Döhren

Kunstvolle Giebel und Fassaden

Ein baugeschichtlicher Rundgang durch Döhren zeigt die vielen Facetten der Gebäude rund um den Fiedelerplatz. Die Siedlung  war 1885 sehr genau auf dem Reißbrett durchgeplant worden. 

Döhren. Wer an bemerkenswerte Architektur in Hannover denkt, kommt wohl nicht zuerst auf Döhren. Dabei ist der südliche Stadtteil baugeschichtlich durchaus interessant. „Zwischen 1900 und 1910 ist hier praktisch eine ganze Stadt entstanden“, sagt Architektin Hedwig Kern. „Das ist eine enorme Bauleistung.“ Bei einem Giebelspaziergang durch Döhren zeigte die Stadtteilhistorikerin nun, dass sich ein Blick hoch zu den Dächern und Fassaden der zahlreichen Jugendstil-Gebäude rund um den Fiedelerplatz lohnt.

Vor der Industrialisierung war noch nicht viel los in Döhren. Seit dem Mittelalter führte das verschlafene Dorf im Süden Hannovers ein Schattendasein. Das endete abrupt, als sich der Ort um 1880 plötzlich genau zwischen der Ziegelei Willmer und der Döhrener Wollwäscherei wiederfand - zwei wichtigen Wachstumsmotoren für die aufblühende preußische Provinzhauptstadt. Es folgte ein Bauboom entlang der Achse Döhrener Turm und Leineinsel, die heute als Fiedelerstraße bekannt ist.

Die neue Siedlung mit dem Fiedelerplatz im Zentrum war 1885 sehr genau auf dem Reißbrett durchgeplant worden. „Hier entstand eine Trabantensiedlung zum Dorf Döhren, nur sehr viel größer“, sagt Kern. Hannover brauchte viele neue Arbeitskräfte und diese brauchten wiederum Wohnraum. Dabei wurde in den kommenden Jahrzehnten zweckmäßig, aber auch kunstvoll gebaut: Hannoversche Architekturschule, Jugendstil, Neue Sachlichkeit und Expressionismus sind noch im Straßenbild zu finden.

Trotz der Bomben, die im Zweiten Weltkrieg auf Hannover fielen, blieben viele der historischen Gebäude in Döhren erhalten, darunter wahre Schmuckstücke. Dazu zählt auch die Gaststätte Wichmann an der Hildesheimer Straße, die 1885 errichtet wurde und damit als ältester Bau des neuen Viertels gilt. Weil das Haus aber nicht unter Denkmalschutz steht, droht ihm der Abriss. Der bisherige Eigentümer hat das Lokal verkauft.

Als erste Straße wurde 1898 die Querstraße angelegt. Experten erkennen die Entstehungszeit auch heute noch an den vielen Backsteinfassaden, die der auslaufenden Architekturepoche der Hannoverschen Schule zuzurechnen sind. „Nach der Jahrhundertwende hat man eigentlich nur noch Putzfassaden gebaut“, erläutert Kern. Später ab 1930 hätten die Baumeister auch zunehmend auf Giebel verzichtet. „Die Abkehr vom Gewohnten hat im Städtebau schon immer eine große Rolle gespielt“, sagt sie.

Der Jugendstil wird vor allem in der Fiedelerstraße deutlich. „Hier sind die Giebel und Fassaden besonders vielfältig - keiner hat wie der Nachbar gebaut“, sagt Kern. Von geschweiften Säulenmotiven der Hausnummer 8 über barocke Anklänge in der Fassadengestaltung (Hausnummer 4) bis hin zum totalen Stilmix (Hausnummer 2) sind viele Spielereien des Jugendstils zu finden. Die Hannoversche Architekturschule ist hier längst passé.

Der darauf folgende Epochenwandel wird vor allem in der Borgentrickstraße sichtbar, wo um 1930 viele Baulücken bebaut wurden. „Der Bauherr der früheren Döhrener Markthalle wollte wohl modern sein, die Abkehr vom Alten ist ihm aber nicht so gelungen“, kommentiert Kern die Hausnummer 4, in der heute das Restaurant Sympatico zu finden ist. Die „Neue Sachlichkeit“ werde hier durch Jugendstil-Elemente wie etwa Minibalkone völlig verwässert. Direkt daneben stehe mit dem ehemaligen Kino und heutigem Edeka-Markt aber ein „Bekenntnis zum Neuen Bauen“. Ganz beispielhaft für diesen Baustil: Die kleinen, schmuckvollen Statuen in der Fassade, die nur selten eine Bedeutung haben.

Die beiden wohl bemerkenswertesten Einzelbauten im Viertel stammen ebenfalls aus der Zeit um 1930. Das Haus an der Ecke von Borgentrickstraße und Ziegelstraße ist ein Kleinod des Backsteinexpressionismus, zu dessen bekanntesten Gebäuden in Hannover auch das Anzeiger-Hochhaus an der Goseriede und die Stadtbibliothek an der Hildesheimer Straße zählen. „Gerade für ein Eckhaus ist es eigenwillig, aber so ein Gebäude vergisst man nicht“, sagt Kern.

Sehr mutig sei auch das leicht turmartige Gebäude an der Straßenecke von Fiedelerstraße und Helenenstraße. „Das ist ein schön verzierter Klotz - ein Kubus, wenn man es nett formuliert“, bemerkt die Architektin. Vermutet sei das Haus bereits zu seiner Entstehungszeit umstritten gewesen. Dem Bauherrn spricht die Stadtteilhistorikerin dennoch Anerkennung aus. Egal wie es wirke, baugeschichtlich sei es etwas ganz Besonderes. „Ich habe in Hannover noch nichts ähnliches gesehen.“


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