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Groß-Buchholz

Hinter der Pinkenburg begann das Ausland

Die Zeit hat es mit Groß-Buchholz gut gemeint. Von einem einst ärmlichen Bauerndorf hat sich der Ort zu einem von Hannovers wohlhabenderen Stadtteilen gemausert, doch das historische Erbe ist nicht vergessen. Rund 40 Interessierte hatten sich zu einem historischen Stadtteilrundgang vor dem Bürgerhaus in der Pinkenburger Straße versammelt.

Groß-Buchholz. „Es gibt keinen Stadtteil in Hannover, wo die Gründungsphase noch so präsent ist“, sagte Heimatforscher Friedrich-Wilhelm-Busse bei einer historischen Führung durch den alten Ortskern.

Rund 40 Interessierte hatten sich dazu vor dem Bürgerhaus in der Pinkenburger Straße versammelt. „Wir treffen uns an dieser Stelle, weil hier die Keimzelle von Groß-Buchholz ist“, erklärt Busse den Startpunkt gegenüber der früheren Zollstation Pinkenburg, die erstmals 1342 als Wehranlage urkundlich erwähnt wird. „Die Dorfgründung kann man sich wie einem Wild-West-Film vorstellen“, sagt er. Die ersten Siedler hätten alle ihre Besitztümer auf Wagen mitgeführt und sich in einem völlig unbewohnten Landstrich niedergelassen.

Die Besiedlung habe gegen 1600 direkt an der äußersten Grenze des Fürstentums Calenberg begonnen, zu dem Hannover und gerade auch noch Groß-Buchholz damals gehörten. „Da drüben war schon Ausland“, sagt Busse und zeigt in Richtung Messeschnellweg. Von dort kamen etwa die Torfstecher aus dem Fürstentum Celle, die das damals begehrte Heizmaterial vom Altwarmbüchener Moor nach Hannover brachten. Der Schlagbaum, an dem sie ihre Einfuhrzölle zahlen mussten, habe nur wenige Meter vom heutigen Steak- und Schnitzelhaus Pinkenburg entfernt gestanden.

Anfangs herrschte noch Armut in Groß-Buchholz. „Nur die Bewohner der Vollmeierhöfe konnten einigermaßen gut leben“, sagt Busse. Die ärmeren Bauern hätten dagegen in elenden Verhältnissen gewohnt. Als Beispiel für die schwierigen Lebensbedingungen zeigt Busse ein Zweiständerhaus aus dem 1619, das heute noch in der Pinkenburger Straße steht. Laut Busse ist es das älteste Bauernhaus der Stadt Hannover. Leider verfällt es zusehends, weil es schon seit Jahren leer steht.

„Das Typische an diesen Häusern ist, dass Bauern, Gesinde und Vieh unter einem Dach untergebracht waren“, erklärt Busse. Selten hätten diese Höfe über mehr als einen Knecht oder eine Magd verfügt. Erst gegen 1800 sei der Wohlstand deutlich gewachsen. Zu dieser Zeit bauten die Groß-Buchholzer die wesentlich komfortableren Vierständerhäuser, die nicht mehr zur Tierhaltung genutzt wurden. Beispielhaft dafür nennt Busse den Hof Bruns im Groß-Buchholzer-Kirchweg 90.

Die Steuerabgaben der grundsätzlich lehenspflichtigen Bauern wurden in der sogenannten Zehntscheune gesammelt, in der heute das griechische Restaurant Ambrosia zu finden ist. Gastronomisch genutzt wird mittlerweile auch das Haus Groß-Buchholzer-Kirchweg 68. Das Gebäude wurde 1823 als sogenanntes Altenteilerhaus gebaut, in dem sich der frühere Besitzer nach Übergabe seines Hofs zurückzog. Bemerkenswert ist aber nicht nur die Geschichte, sondern auch die Fassade des Hauses. „Im Fachwerk wurden Isernhagener Raseneisensteine verbaut, die in der Wietzeniederung zu finden sind“, erklärt Busse.

Auffällig viele Häuser im historischen Dorfkern wurden 1831 errichtet, wofür eine Naturkatastrophe verantwortlich ist. „Am 30. September 1830 ist über Groß-Buchholz ein Orkan hereingebrochen, der ein Drittel der Häuser zerstört hat“, so Busse. Der Sinnspruch über dem Eingang zu Ristorante Gallo Nero, das 1831 als Vollmeierhof erbaut wurde, nimmt Bezug auf die diesen schlimmen „Sturmwind“. Eine zeitgenössische Lithografie des königlichen Hofmalers macht die Verwüstungen anschaulich, die die sogenannte Windsbraut damals anrichtete. Der Druck wurde dereinst vielfach verkauft und ein Teil des Erlöses kam den Orkanopfern zugute. Ein Exemplar hängt heute in der Grundschule Groß-Buchholzer-Kirchweg.

Bereits seit 1540 wurden die Kinder im Dorf von einem Schulmeister unterrichtet. Zunächst funktionierten die Bewohner dafür die St.-Antonius-Kapelle zum Schulhaus um, ab 1797 entstand der erste Bau auf dem heutigen Schulgelände. „Die Schule hatte damals die Form eines Bauernhauses - Klassenräume, Schulmeister und Ställe waren unter einem Dach vereint“, erzählt Busse. Das Haus wurde 1897 wieder abgerissen, auch der Nachfolgebau aus rotem Backstein überdauerte nur wenige Jahrzehnte. Die heutige Grundschule wurde ab 1959 errichtet.

Auf den aktuellen Zustand der historischen Bauten ist der Heimatkundler mächtig stolz. „Vor 30 Jahren waren die meisten alten Gebäude am Verrotten und die meisten Leute hielten sie für Schandflecke, die weg gehören“, sagt Busse. Durch den Einsatz des Heimatvereins Pinkenburger Kreis, den Busse 1985 ins Leben rief, habe sich das aber geändert.

Der Groß-Buchholzer kämpft auch dagegen an, dass Heimatverbundenheit häufig mit rechtsnationaler Gesinnung in Verbindung gebracht wird. „Deutsche Tradition und Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Kulturen schließen sich nicht aus“, sagt er. Letztlich hätten alle 35 000 Bewohner von Groß-Buchholz einen Migrationshintergrund - selbst die ersten Siedler, zu denen auch seine Vorfahren gehören. „Auch meine Familie ist vor 15 Generationen hier eingewandert“, betont Busse.


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