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Julius Maslovat überlebte Buchenwald und Bergen-Belsen - anders als seine Eltern.

Julius Maslovat überlebte Buchenwald und Bergen-Belsen - anders als seine Eltern. © Benjamin Behrens

Zooviertel

Die Geschichte eines Davongekommenen

Der Bergen-Belsen-Überlebende Julius Maslovat berichtet Schülern in der Sophienschule vom Schicksal seiner Familie.

Hannover. Julius Maslovat spricht laut und deutlich. Er müsste es nicht, in der Aula der Sophienschule ist es ruhig. Die rund 80 Schüler, der zehnte Jahrgang des Gymnasiums, hören konzentriert zu. Maslovat erzählt ihnen auf Englisch die Geschichte von Yidele Henechowicz. Es ist seine eigene. Unter diesem Namen kam er am 17. Juni 1942 in Piotrków in Polen zur Welt. In seinem Pass steht ein anderes Datum, der 11. Juli 1942. „Die Originaldokumente gingen verloren, aber ich brauchte ja ein Geburtsdatum“, sagt Maslovat. Also wurde kurzerhand der 11. Juli festgelegt. Er ist zu seinem Geburtstag geworden, nicht nur auf Papier, auch für ihn. Auf seine in Polen ausgestellte Geburtsurkunde stieß er später bei der Recherche nach seiner Vergangenheit.

Maslovat beginnt den Vortrag mit einem Foto seiner Eltern. Sara und David Henechowicz heirateten 1939. Drei Tage später begann der Polenfeldzug, mit den deutschen Soldaten kam auch die Verfolgung nach Piotrków. „Die Juden in der ganzen Stadt wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und nur mit dem, was sie tragen konnten, in den heruntergekommensten Teil der Stadt umzusiedeln“, berichtet der 72-Jährige. So entstand das erste Getto im besetzten Polen, mit 20 000 Menschen, verteilt auf 182 Häuser. Immer wieder unterstützt Maslovat seinen Vortrag mit Fotos und anschaulichen Vergleichen, um die Situation zu verdeutlichen. „Wie viele von euch haben ihr eigenes Zimmer?“, fragt er. Alle Schüler heben die Hand. „Wie würde es euch gefallen, es mit zehn Personen zu teilen?“

Als Julius Maslovat im Sommer 1942 zur Welt kommt, gelingt es seiner Mutter Sara zunächst, sich mit ihm vor der SS zu verstecken. Im Oktober werden 18 000 Juden im Ort zusammengetrieben und nur die Zwangsarbeiter verschont. Auf dem Weg zum Zug kommt Sara zufällig an ihrem Mann David vorbei, der auf dem Rückweg von der Arbeit in der Holzfabrik des Ortes ist. In einer Sekundenentscheidung wirft sie ihr Baby über den Stacheldraht, der die beiden trennt. Wenig später stirbt sie in den Gaskammern Treblinkas.

Im November 1944 verlegen die Nazis die verbliebenen Juden nach Buchenwald, um sie vor der vorrückenden russischen Armee zu verbergen. Im Januar 1945 sieht Maslovat dort seinen Vater zum letzten Mal. Für ihn selbst geht es weiter nach Bergen-Belsen. Mit 100 anderen Kindern seiner Baracke überlebt der Junge wohl nur dank der tatkräftigen Hilfe von vier Frauen. Nach der Befreiung kommt Maslovat nach Schweden, wird von einem jüdischen Ehepaar aus Finnland adoptiert. In England schließt er ein Ingenieursstudium ab und zieht nach Kanada, wo er noch heute mit seiner Familie lebt.

Der knapp einstündige Vortrag ist beendet, Zeit für Fragen. Schüler wollen wissen, wie es für ihn ist, nach Deutschland zu kommen, und ob es ihm schwerfällt, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Bis 1982 habe er gebraucht, ehe er sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit und der seiner leiblichen Eltern machen konnte, berichtet Maslovat. „Meine Adoptiveltern waren noch am Leben, und ich hatte das Gefühl, es wäre respektlos ihnen gegenüber“, erinnert er sich. Seine Recherchen führten ihn in Archive in Deutschland, Polen, Finnland, Schweden und den USA. Und auch nach Treblinka, Buchenwald und Bergen-Belsen fuhr er. Im Laufe der Jahre ist Maslovat mit vielen Überlebenden in Kontakt gekommen, auch mit den Frauen, die ihn und viele andere Kinder retteten.

„Manche weigern sich absolut, nach Deutschland zu kommen. Ich habe solche Gefühle nicht“, sagt der Überlebende. Er genieße es sogar. „Falls ich die Deutschen hassen würde, nur für ihre Nationalität, wäre ich nicht besser als die Nazis - dann hätten sie gewonnen.“ Ihm werde stets Respekt entgegengebracht. „Die Art, wie die Menschen hier mit mir umgehen, sagt mir, dass sie sich sehr bewusst sind, was passiert ist - dafür bin ich dankbar.“ Der Vortrag hat die Schüler beeindruckt. „Es ist was anderes, als wenn man im Unterricht darüber spricht“, sagt Jan Niklas Othmer. „Egal, wie die Lage jetzt ist in Deutschland, man sollte das niemals vergessen“, ergänzt Rebecca Heier.

Von Benjamin Behrens


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