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Die Reliquien der Kirche werden in die Messiasgemeinde getragen. © Martin Steiner (HAZ)

Groß-Buchholz

Abschied von der Messiaskirchengemeinde

Eine Kirche gibt auf: Lange hat die Messiaskirchengemeinde den sinkenden Mitgliederzahlen getrotzt. Am Sonntag nun wurde das Gotteshaus entwidmet – ein Abschied für immer.

Das Schwerste hat er gerade vollbracht, da steht Hans-Hermann Schmitz vor der Kirche und sucht nach Worten. Eine Taufschale hält er in den Händen, jenes Stück, das er soeben symbolisch aus der Messiaskirche herausgetragen hat, fort von jener Gemeinde, die er vor 42 Jahren mitgegründet hat. Jetzt versucht er zu beschreiben, was in ihm vorgeht. „Dass alles so endlich ist: das wird einem in solch einem Moment sehr bewusst“, sagt er schließlich. Und wie um sich selbst Mut zuzusprechen, fügt er hinzu: „Aber wenn man das Ende noch selbst gestalten kann, ist es ja gut.“

Es war der Versuch des 80-Jährigen, einer Situation etwas Positives abzuringen, die nicht viel Tröstendes barg. Die Entwidmung der Messiaskirche gestern in Groß-Buchholz war nicht der erste Abschied dieser Art in Hannover. Anders aber als die Gustav-Adolf-Kirche in Leinhausen wird die Messiaskirche nicht von einer jüdischen Gemeinde und auch von keiner anderen Religionsgemeinschaft weitergenutzt. Sie wird – als erste in der hannoverschen Landeskirche – abgerissen. Was das bedeutet, das weiß er, Hans-Hermann Schmitz, besonders gut.

1960, als junger Geologe, ist er nach Groß-Buchholz gezogen, in den Leistikowweg, und mit anderen hat er dann dafür gekämpft, dass sie eine eigene Gemeinde bekommen und nicht immer zur Gethsemanegemeinde mussten. Sechs Jahre später hatten sie es geschafft. Ihre erste eigene Kirche war eine Holzbaracke. Aber was machte das schon. „Voll war es immer“, sagt Schmitz.

Mit der Euphorie des Anfangs machten sie sich dann an das nächste Projekt: Sie sammelten Geld für ein richtiges Gebäude. „Wir haben Konzerte organisiert, Steine verkauft und an jeder Tür geklingelt.“ Eine halbe Million Mark brachten sie zusammen. Am Ende hatten sie wieder Erfolg. 1975 wurde die Kirche eingeweiht. Ein flacher Backsteinbau, von außen kaum als Kirche zu erkennen. „Stolz waren wir trotzdem.“

Kurz darauf zog Schmitz fort. Sein Beruf führte ihn nach Brasilien. Und weil so viele, wie er, die Gemeinde verließen, verkörpert Schmitz nicht nur den Aufbruch, sondern auch das Problem. 3600 Menschen gehörten in den besten Zeiten zur Gemeinde. Zuletzt waren es noch gut 1100. Rund 120 von sind zum Abschied in die Messiaskirche am Lenbachplatz gekommen. Viele werden aus Desinteresse daheim geblieben sein – andere aus Scheu. Eine von ihnen ist die Frau von Heinrich Rösch, beide vom ersten Tag Gemeindemitglieder. „Es hätte sie einfach zu sehr berührt“, sagt er.

Spieckermann beschwört Neuanfang

Sie ahnte wohl, dass es sehr emotional werden würde und selbst für gemeindefernere Beobachter bedrückend. Stück für Stück tragen die Mitglieder all jene Gegenstände heraus, die das Gebäude zur Kirche machten. Zuerst die Osterkerze. Dann die Taufschale. Das Altarkreuz. Die Bibel. Die Altarteppiche. Noch mehr Kerzen. Das Agendabuch. Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann beschwört die Neuanfang mit der Matthiasgemeinde, zeichnet Parallelen zu den Jüngern, die mit Jesus ins Ungewisse ziehen. Aber auch sie weiß, was an diesem Tag zuvorderst steht. „Was haben Sie hier alles erlebt in diesen 40 Jahren“, sagt sie zu den Gemeindemitgliedern. „Da schmerzt es, dass das zu Ende geht.“

Dann setzt sich der Zug zur Matthiaskirche in Bewegung, zu jener Gemeinde, der sich die Menschen vom Lenbachplatz künftig anschließen. Es ist ein feuchtkalter Vormittag, der Dunst scheint alle Geräusche zu absorbieren. Nur der murmelnde Gesang der Gläubigen ist zu hören: „Bleib in unserer Mitte, geh mit uns.“

Das Altarkreuz ist klein, nur drei Handbreit hoch, aber es ist schwer, und so müssen sie sich abwechseln mit dem Tragen, alle hundert Meter übernimmt es jemand anderes. Es ist eine Prozession durch leere Straßen, und wo doch vereinzelt Menschen am Rand stehen, schauen sie mit einer Mischung aus Staunen und Rätseln auf das, was sich vor ihnen abspielt. Hans-Hermann Schmitz geht mit der Taufschale ganz vorn. Er hat im Grunde ein fröhliches Gesicht. Jetzt ist es unbewegt.

Es dauert eine Viertelstunde, bis sie an der Matthiaskirche ankommen. Die Türen sind weit offen, Kinder verteilen am Eingang bunte Herzen aus Pappe. Der Posaunenchor spielt. Es ist ein freundlicher Empfang, der den Menschen aus der Messiasgemeinde hier bereitet wird. Doch es ist fraglich, ob nun wirklich so bruchlos zusammenwächst, was nie zusammengehörte. Einige Mitglieder, auch Heinrich Rösch, wollen sich lieber der Gethsemane-, der alten Muttergemeinde, anschließen.

Und doch gibt es am Ende dieses Rituals auch wieder Raum für versöhnliche Töne. Für die Anekdote vom alten Kirchturm, ein Metallkonstrukt an der Baracke, das später dann die FKK-Gemeinschaft im Misburger Wald als Aufsichtsturm übernahm. Auch Hans-Hermann Schmitz hat noch einen tröstlichen Aspekt entdeckt. „Das helle Zimbelgeläut in der Messiaskirche hat mir nie richtig gefallen.“ Jetzt soll es in den Glockenturm der Matthiaskirche eingebaut werden, als Zusatz. „Zusammen“, hofft er, „könnte das einen schönen vollständigen Klang ergeben.“

Von Thorsten Fuchs


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