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Kirche

„Wir sind keine 100-Meter-Läufer“

Die Krise der Kirchen scheint sich zu verschärfen. Die Zahl der Austritte hat sich in diesem Jahr fast überall teilweise drastisch erhöht. Verantwortlich dafür seien die 
Veränderungen bei der Erhebung der Kapitalertragssteuer, vermuten Würdenträger beider Konfessionen. Dennoch sieht Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann im NP-Interview Zeichen für eine Stabilisierung. Er setzt seine Hoffnung unter anderem in neue Formen der Begegnung – auch wenn dies Zeit benötige.

Herr Stadtsuperintendent, im ersten Halbjahr 2014 sind die Austrittszahlen erneut gestiegen. Seit Jahren werden Kirchen geschlossen und Gemeinden zusammengelegt. Wann kommt denn jetzt mal der Ruck, mit dem die Kirche zeigt, dass ihr das nicht egal ist?

Das ist uns nicht egal, aber die Gemeinden werden eben kleiner, übrigens seit den 70er Jahren, mein ganzes Theologenleben lang. Und das wurde und wird von uns oft auch als bedrückend erlebt. Es ist aber doch zugleich auch eine erstaunliche Kraft der Gemeinden spürbar, sich an veränderte Realitäten anpassen zu können. Wir haben immer noch Gegenwart und Zukunft. Wir bieten immer wieder neue Formen, die manchmal nicht so in der Zeitung gewürdigt werden, wie sie es verdient hätten. Für mich persönlich war etwa jetzt im Juli die Jazz-Reihe „Round Midnight“ in der Marktkirche so ein Beispiel. Solche Beispiele gibt es sehr viele vor Ort, längst nicht alles wird in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Außerdem sind wir bei Veränderungen keine 100-Meter-Läufer.

Trifft es vielleicht „Schnecke“?

Wenn, dann ist Kirche aber eine schöne Schnecke! Im Ernst, nein, eine Schnecke dürfen wir natürlich auch nicht sein. Wir geben nicht auf, aber wir tragen ein großes Erbe, auch an Gebäuden. Wir sind jetzt dabei, mit neuen Projekten uns mit Partnern und ihren Kräften zusammenzutun. Etwa beim Chorzentrum in der Christuskirche. Sie bleibt Kirche und wird belebt durch den Mädchenchor und das Internationale Chorzentrum für Kinder und Jugendliche. Oder mit der Profilierung unserer Kirchen, zuletzt der Markuskirche in der List als Kulturkirche. Im September weihen wir auf dem Kronsberg das anlässlich der Expo gebaute Gemeindezentrum als Stadtkloster „Kirche der Stille“ ein.

Manchmal hat man den Eindruck, Kirche interessiert sich erst so richtig für Leute, wenn sie Abitur haben oder zumindest Bach hören ...

Natürlich hat der Protestantismus immer eine Attraktion für das Bildungsbürgertum. Aber lassen Sie mich auch das betonen: Das Feuer des Glaubens geht nicht verloren. Und es brennt in vielen Lebensformen der Kirche. Das Abendmahl, wie ich es regelmäßig in der Marktkirche erlebe und feiern darf, das hat gerade in seiner traditionellen Form eine große Kraft, immer wieder auch für junge Leute. Und trotzdem haben viele Bevölkerungsgruppen dazu keinen Zugang mehr. In allen Gemeinden gibt es eine Vielzahl von Angeboten. Und das hat für viele große Attraktivität, aber eben keine selbstverständliche - und für manche Menschen auch gar nicht mehr.

Ist Zeit, da mal drüber nachzudenken? Die langen, quälenden Spardebatten über die Kirche in Hannover liegen erst drei Jahre zurück.

Für die Zeit nach 2017 müssen Sie schon wieder neu rechnen. Wie schlimm wird es? Es scheint so zu sein, dass es nicht ganz so angespannt sein wird. Denn es zeichnet sich ab, dass die Landeskirche ihre Mittel bis 2020 nicht weiter kürzen muss - es werden aber gerade bei uns im Ballungsraum dennoch sinkende Überweisungen sein, wegen der sinkenden Gemeindemitgliederzahlen. Aber immerhin: Im Moment dürfen wir eher auf eine gewisse Stabilisierung hoffen.

Der Sparprozess ist zu Ende?

Nein. Aber wir bekommen mehr Zeit zum Planen und Diskutieren. Das kann helfen, eine ruhige, rationale und liebevolle Debatte miteinander zu führen.

Sie spielen auf die Zerwürfnisse in der Nathanael-Gemeinde um den Neubau eines Gemeindehauses an.

Ja, wir haben dort Verletzungen und lähmenden Meinungsstreit erlebt, manchen macht das auch Angst. Ich würde fast von Meinungsmobbing sprechen. Die Beteiligten haben sich in Debatten und Emotionen verknotet. Das scheint manchmal wichtiger als die Sache selbst.

Aber auch in der Kirche muss man sich doch wehren können, wenn einem etwas nicht passt.

Natürlich! Bis zu einem bestimmten Punkt allemal. Aber es gibt dort einen demokratischen Beschluss für den Neubau. Die kontroversen Ansichten sind doch schließlich vorher intensiv vorgetragen und debattiert worden. Schon seit Jahren. Dann muss auch irgendwann ein abschließender Beschluss akzeptiert werden. Das war ein bisschen wie „Stuttgart 21“: Es gibt zwei sehr grundsätzlich verschiedene Ansichten über den richtigen Weg - irgendwann bist du an einem Punkt, da musst du entscheiden, du machst es oder du machst es nicht. Und dann muss die Entscheidung stehen.

Glauben Sie, dass sich solche Situationen künftig bei der Frage von Kirchenschließungen oder Fusionen wiederholen könnten?

Ich denke, dass es ein Einzelfall bleibt. Manchmal beschäftigt einen dann aber schon die Sorge, dass solch ein Vorgang unnötig lähmt und es nicht mehr richtig weitergeht. Aber insgesamt haben wir im Stadtkirchenverband doch sehr konstruktive Prozesse und mutige Entwicklungen. Es ist ja auch eine Kraft des Glaubens, Veränderung voller Hoffnung zu gestalten - und nicht nur in überschwänglichen oder einfachen Zeiten.


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