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Zürck ins Leben: In der Ergotherapie können sich Patienten kreativ ausleben – und so auch ihre Stärken erforschen, was für die berufliche Zukunft wichtig ist. Die Zimmer haben keinen Heimcharakter – hier kann man sich wohlfühlen.
Foto: Behrens

Psychische Erkrankungen

Wenn einen das Leben überfordert

Und dann gerät die Welt aus den Fugen: Psychische Erkrankungen können jeden treffen. Für Jugendliche und junge Erwachsene hat das bisherige Versorgungssystem aber Lücken – Stationen wie im Klinikum Wahrendorf sollen fernab von Altersgrenzen helfen. NP-Redakteur Sebastian Scherer berichtet.

Ilten. Es brach ihr fast das Herz. 18 Jahre alt war die Patientin, die ihr in die geschlossene Station gesetzt wurde. „An ihrem Geburtstag“, sagt Maria Elena Esteban Vela. „Da saß ein unreifes Mädchen, das mit den anderen Patienten gar nichts anfangen konnte. Die waren teils seit Jahrzehnten chronisch krank. Und sie gehörte da nicht hin.“

Esteban Vela ist Fachärztin – sowohl für Kinder- und Jugendpsychiatrie als auch für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Wahrendorff, dem „Fachkrankenhaus für die Seele“. Zwei Disziplinen, die vielerorts noch immer strikt getrennt sind. „Wer volljährig ist, kommt in die Psychiatrie, nicht in die Jugendpsychiatrie“, erklärt sie. „Und das ergibt einfach keinen Sinn, wenn man Fälle sieht wie den der 18-Jährigen.“

Der Schock saß tief bei der gebürtigen Spanierin, die daraufhin das Gespräch mit der Klinikleitung suchte – „ich war der festen Überzeugung, dass es anders gehen muss. Wir können nicht bei 18 Jahren einen Strich ziehen. Es gibt 16-Jährige, die sind schon sehr weit, es gibt 23-Jährige, die sich nicht vorstellen können, irgendwann das Elternhaus zu verlassen. Für beide Varianten hatte das System keine vernünftige Lösung.“ Tatsächlich traf sie auf viel Verständnis für ihr Anliegen. „Im ambulanten System war es mit Sondergenehmigung zum Beispiel möglich, dass sich ein Jugendpsychiater noch um Menschen bis 21 kümmerte. Im stationären nicht.“

2012 bezogen dann die ersten jungen Menschen die Station im ersten Stock im Hauptgebäude – über den Therapieräumen, unter den Zimmern der Privatpatienten. Mehr als 30 Plätze stehen zur Verfügung. „Es herrscht im Klinikum Wahrendorff die Kultur, neue Angebote auszuprobieren und Versorgungslücken zu schließen“, sagt Marc Ziegenbein, Ärztlicher Direktor des Klinikums Wahrendorff. So eben auch diese Abteilung – die immer wichtiger wird: „Der Bedarf steigt, es gibt mehr junge Menschen, die Hilfe benötigen“, sagt er. Hauptdiagnosen seien zum Beispiel affektive Störungen (Depressionen und Angst), aber auch Psychosen. „Viele kommen aber mit mehreren Problematiken, weil dann zum Beispiel auch THC konsumiert worden ist.“ Damit versucht sich manch einer selbst zu helfen. Esteban Vela: „Cannabis findet man schnell und überall – einen Psychiater eben nicht.“ Viele hätten wochen- bis monatelange Wartelisten. „Gerade in dem Alter ist schnelles Reagieren wichtig.“

Eine der Ursachen für die steigende Zahl der Krankheitsfälle sieht die Oberärztin in der neuen Struktur der Welt: „Früher wusste man, was man nach der Schule macht, es gab gar nicht so viele Optionen. Heute dauert die Orientierung viel länger, einige überfordert das. Zumal erwartet wird, dass man trotzdem von Anfang an total spezialisiert ist, möglichst schnell viel erreicht.“ Hinzu komme, dass das Familienleben heute in vielen Fällen nicht mehr so abläuft, wie das vielleicht früher mal war.“ Umso wichtiger sei – und daher auch die große Bedeutung der Station für alle Beteiligten – „dass wir dann die Weichen stellen, und das geht eben nur in einem Umfeld, in dem man sich auch angenommen fühlen kann. Wenn wir diese jungen Erwachsenen jetzt verlieren, verlieren wir sie vielleicht für immer.“

Bei der 18-Jährigen, die Esteban Vela so schockiert hat, hat sie dann damals entsprechend auch gehandelt: „Ich habe sie in eine offene Station bringen lassen, meinem Gefühl vertraut. Die hätte ja sonst nur noch ein Trauma bekommen.“ Die richtige Entscheidung: „Sie lebt noch, es geht ihr gut.“ Für sie ein Beweis, das bestehende System nicht als in Stein gemeißelt anzusehen. „Es geht hier um Menschen, die sind eben nicht alle gleich.“

Info

Die Station für junge Erwachsene ist eigentlich immer voll belegt, auch die Wohngemeinschaften sind beliebt. Was den Beteiligten im Klinikum Wahrendorff immer noch fehlt, ist eine Tagesklinik, am besten in der Stadt mitten im Lebensumfeld der jungen Menschen. „Bisher gibt es leider noch keine spezialisierten tagesklinischen Angebote für junge Menschen“, sagt Marc Ziegenbein, Ärztlicher Direktor.
Petra Reinhardt, Projektmanagerin in Wahrendorff, kennt die Problematik, wenn Jugendliche oder junge Erwachsene zwar Hilfe brauchen, das Angebot aber nicht zugeschnitten ist. „Nicht alle müssen dann gleich dauerhaft stationär bleiben, umgekehrt reichen oft einzelne Therapiestunden in der Woche nicht aus für eine stimmige Versorgung.“ Ein Tagesklinik-Projekt wäre also ideal – und ist auch schon in der Planungsphase. „Nach derzeitigem Stand planen wir, 2017 ein solches Angebot zu starten“, so Ziegenbein.


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