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Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen Hilfe, die sie in Ilten finde.

Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen Hilfe, die sie in Ilten finde.© Nancy Heusel

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Wenn die Seele krank macht: Zu Besuch in Ilten

Das Vorurteil ist bekannt: In Ilten steht die Klapsmühle, da sind die Irren. Doch wie verrückt ist es dort wirklich? Und ist das Bild nicht längst überholt angesichts immer höherer Bedarfszahlen?

Sehnde. Es sind nur wenige Meter vom Ortseingang Ilten, bis die ersten „Aufnahme“-Schilder auftauchen. Ilten ist ein beschaulicher Ortsteil von Sehnde, kurz davor liegt, wenn man aus Hannover kommt, die Holländerwindmühle. Auch die Barockkirche ist Bewohnern Iltens sofort ein Begriff. Politikerin Ursula von der Leyen kommt ebenso von hier wie Schauspieler Mathieu Carrière. Doch über die berühmten Kinder Iltens wissen ebenso wenig Menschen Bescheid wie über wichtige Baudenkmäler. Ilten? Das ist doch da, wo die Irren wohnen.

„Die wirklich Verrückten sind nicht hier drinnen, die sind da draußen - das hat Professor Emrich gern ge-sagt“, berichtet Marc Ziegenbein, Chefarzt des Klinikums Wahrendorff. Emrich war einer seiner Vorgänger. Man solle doch nur mal am Hauptbahnhof Hannover aussteigen und sich das Treiben dort anschauen, sagt er: „Da könnte man sich schon fragen, was - und wer - eigentlich normal ist.“

Ziegenbein ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er kennt diese Vorurteile über Ilten, dieses Bild, das große Teile der Gesellschaft noch immer von Psychiatrien haben. Gummizellen, Fixierung, nur Verrückte weit und breit: „Es gibt da immer noch eine gesellschaftliche Stigmatisierung.“ Anders ausgedrückt: Viele glauben noch immer, wer in eine Klinik wie Wahrendorff muss, hat im Kopf nicht alle beisammen.

Eine merkwürdige Ansicht, glaubt man der Statistik - jeder Siebte hat in seinem Leben eine Depression. Unterschiedlich ausgeprägt, aber doch feststellbar. 17 Prozent der Deutschen. Randgruppenthema? Eher nicht. „Der Bedarf nach Therapien steigt kontinuierlich“, sagt Ziegenbein. Egal, ob es um die Verarbeitung von Traumata gehe. Oder um Burnouts. Auch so ein Vorurteilsthema. „Das ist ein moderner Begriff, da gibt es Vorbehalte. Ich sage aber: Wenn das Gefühl, dass man einen Burnout hat, jemanden zu uns bringt, also wenn dies ein Grund ist, sich Hilfe zu holen, dann ist das gut.“

Oberärztin Barbara Franke sieht ohnehin einen steigenden Behandlungsbedarf, auch bei jungen Menschen: „Wir mussten darauf reagieren, dass immer mehr Junge mit Problemen zu kämpfen haben.“ In der Juliane-Wahrendorf-Klinik, die auch gleichzeitig Zentralaufnahme ist, leben deshalb viele junge Erwachsene. „Viele sind orientierungs- und perspektivlos“, erklärt Franke. Problem: Sie fallen bei vielen Angeboten durchs Raster - zu alt und zu weit für die Kinder- und Jugendpsychiatrie, zu jung für die klassischen Bereiche. Wer mit 18 nicht weiter weiß, findet sich weder bei den ganz Jungen noch den zwischen 40- und 50-Jährigen wieder.

Im Atrium der Juliane-Wahrendorff-Klinik steht auch eine Tischtennisplatte, mit einem Patienten spielt Physiotherapeut René Deißler Tischtennis. „Bewegung ist elementar für eine Therapie“, sagt der 35-Jährige. Denn vielen gehe, zum Beispiel bei einer Depression, das Gefühl für ihren Körper, für ihre Rolle im Raum verloren: „Hauptauslöser ist eine psychische Verspannung, die gelockert werden muss - auch ein Stück weit durch Bewegung.“

Die auf Heranwachsende ausgelegte Station gibt es erst seit ein paar wenigen Jahren. Der Bedarf ist da. „Freie Betten haben wir eher nicht“, sagt der Chefarzt dann auch in Bezug auf das gesamte Krankenhaus. Für Notfälle werde immer etwas bereitgehalten, generell sei aber jeder freie Platz schnell vergeben. In der Suchttherapie kann es schnell gehen, dass jemand aufgenommen wird, manchmal noch am selben Tag. In der Traumatherapie sind Wartezeiten von mehreren Monaten möglich. Der durchschnittliche Aufenthalt beträgt - auf alle Patienten gesehen - zwei bis drei Wochen. Ein Mittelwert. Manchmal dauerte eine akute Krisenintervention nur ein paar Tage. Manche verlassen die Einrichtung nie. Wahrendorff unterhält Heime.

Aufgeben würde man Patienten aber nicht, betont Ziegenbein: „Manchmal ändert sich etwas nach zehn, 15 Jahren - das kann bedeuten, dass eine Therapie doch angeschlagen hat. Dann arbeiten wir natürlich weiter.“ Richtig sei, dass es Menschen gibt, die besonderen Schutz brauchen und deshalb in geschützten - man kann sie auch geschlossen nennen - Stationen leben. „Wobei geschlossen einen falschen Eindruck vermittelt - viele haben Ausgang, müssen sich nur abmelden und dürfen raus. Oft nicht sofort nach Ankunft, aber mit der Zeit kommt das alles“, sagt Franke. Der „Irren-Knast“? Unfug, ein aus der Zeit gefallenes, doch immer noch vorhandenes Klischee.

„Es gibt auch immer Phasen, oft nach bestimmten Ereignissen, in denen eine gesellschaftliche Debatte beginnt, die uns hilft“, sagt Chefarzt Ziegenbein. Eine Debatte, „die die Notwendigkeit psychiatrischer und psychotherapeutischer Einrichtungen in den Vordergrund stellt“. Das sei etwa nach dem Suizid von Robert Enke geschehen: „Leider endet das oft auch schnell wieder.“ Und Ilten ist wieder „da, wo die Irren wohnen“.


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