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Meine Stadt Wenn Heroin der einzige Freund ist
Hannover Meine Stadt Wenn Heroin der einzige Freund ist
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20:37 20.07.2010
Letzte Chance: In dem idyllisch gelegenen Jagdschloss, der Fachklinik am Hils, hat Mike es geschafft, von den Drogen loszukommen. Quelle: Kunte
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Von Nora Lysk (Text) und Patrice Kunte (Fotoreportage)

Düsterntal. Er war gerade mal 32. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Arbeit, eine Freundin, seit vier Wochen meisterte er sein Leben allein – ohne Drogen. Jetzt ist er tot. Sabine Lottermoser hat gerade erst davon erfahren und ist schockiert. „In der Anästhesie sehen sie weniger sterben als hier“, sagt sie. Dort war sie tätig, bevor sie die Leitung der Klinik am Hils übernahm. Doch am Hils, gut 60 Kilometer südlich von Hannover, musste sie auch lernen, mit dem Tod zu leben.

Vom Bleiben und Aufhören from Patrice Kunte on Vimeo.


Die trübe Stimmung vom Morgen verfliegt schnell, wenn man die Männer sieht, die hier im Garten arbeiten, den Rasen mähen und vor der Werkstatt in der Sonne Boote lackieren. Sie alle verfolgen nur ein Ziel: clean werden, von den Drogen wegkommen, die vielen von ihnen den Weg in den Knast bahnten. Und viele haben auch die Chance, es zu schaffen. „Wenn man erfolgreich arbeitet, dann kommt man auf eine Quote von fünf bis 20 Prozent. Doch auch wenn es von den 37 Männern hier nur zwei schaffen, dann hat sich unsere Arbeit schon gelohnt“, sagt Lottermoser.

Den Weg in die Klinik am Hils, auch als Düsterntal bekannt, weil die kleine Gemeinde ebenso heißt, fanden die meisten aus freien Stücken. Drogenberater gaben ihnen die Adresse. Die anderen, das sind die sogenannten 35er. Diejenigen also, die in Haft saßen und nach Paragraf 35 Betäubungsmittelgesetz die Wahl hatten: Knast oder Entzug. Wer sich für den Entzug entscheidet, hat die Chance auf vorzeitige Entlassung.

Was allen gemeinsam ist: Sie alle nahmen Drogen. Illegale. Heroin, Kokain, manche auch alles gleichzeitig, durcheinander. Das nennt man dann Politoxikonamie, erklärt Lottermoser. Hauptsache, der Rausch lässt sie vergessen. Vergessen, was sie erlebt haben und was ihr Leben in diesem unvorstellbaren Chaos enden ließ. Zumeist ohne Arbeit, in der Kriminalität.

Was ihnen außerdem gemeinsam ist: Fast jeder hier ist nicht nur sucht-, sondern auch psychisch krank. Einige kamen zu den Drogen weil sie ständig traurig oder einsam waren. Oder beides. „Und das Heroin“, erklärt Lottermoser, „das kann Menschen ersetzen, Gefühle von Wärme und Nähe auslösen.“ Wer nicht weiß, wie es sich anfühlt, geliebt zu werden, und stattdessen „Schore“ – so heißt Heroin in der Szene – raucht, der ist schnell „drauf“: „Denn das Gehirn merkt sich das. Immer und immer wieder.“

Deshalb arbeitet man in der Klinik am Hils nicht nur daran, allein die Sucht in den Griff zu bekommen, sondern Lottermoser und ihre Kollegen verfolgen einen „integrativen“ Therapie-Ansatz. Das heißt: Sucht- und psychische Erkrankungen werden parallel behandelt, Traumatisierungen diagnostiziert und gleichzeitig ein Leben ohne Drogen angestrebt. Denn Traumatisierungen sitzen tief: „Ein Patient von uns, der kommt direkt aus Afghanistan. Sieben Monate war er dort als Soldat, machte Hausdurchsuchungen, jeden Tag mit Todesangst.

Hinterher sagte irgendein Idiot: ,Da musste Heroin nehmen, dann geht das weg mit der Panik.’ Jetzt hat er die härteste Abhängigkeit entwickelt, die man sich vorstellen kann.“ Ein anderer war jahrelang als Schüler in einem katholischen Internat in Italien missbraucht worden: „Doch wir konnten ihm auch nicht helfen. Das Schloss hier, die ganze Umgebung, das erinnerte ihn zu sehr an diese schlimme Zeit.“ Jedem sein Schicksal. Kaum einer, der einfach so zu den Drogen greift.

„Wir schauen zuerst, welche Sucht der Patient hat und warum er zu den Drogen gegriffen hat.“ Dann beginnt die Behandlung: vormittags Einzel- oder Gruppentherapie, nachmittags Arbeitstherapie. Die sorgt für den strukturierten Tagesablauf. Struktur kennen die meisten hier nicht, auch wenn sie fast immer „in Bewegung sind, ihr Tag fast so stressig wie der eines Managers ist“, beschreibt Lottermoser. Aufstehen, Drogen besorgen, Drogen konsumieren, besorgen, konsumieren. Bis viel zu spät in die Nacht.

Am Hils erleben sie dann das erste Mal, wie es ist, Erfolg zu haben, ein Produkt in den Händen, auf das sie stolz sein können. Sei es das frisch lackierte Boot, das Essen für die anderen Mitpatienten oder der gepflegte Garten. Und auch das merkt sich das Gehirn, ähnlich wie den Drogenrausch.

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