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Großaufgebot: Wie bei der Fahrt von Hannoveranern am Derbytag vor zwei Jahren nach Braunschweig muss die Bundespolizei Problemfans oft mit zahlreichen Kräften begleiten. Foto: Heusel

NP Interview

Wenn Fußball-Chaoten reisen ...

Drehkreuz Hauptbahnhof: Jedes Jahr reisen tausende Fußballfans durch Hannover. Um verfeindete Chaoten auseinanderzuhalten, ist die Bundespolizei oft mit einem Großaufgebot am Start. Wie schaffen es Randalierer dennoch, Züge zu verwüsten? Wieso ist der Umgang mit 96-Anhängern so schwierig? Welche Auswirkungen könnte der drohende 96-Abstieg auf das Verhalten der Problem-Fans haben? Darüber sprach NP-Redakteurin Britta Mahrholz mit Peter Jördening, Chef der Bundespolizeiinspektion Hannover.

Hannover. Übergriffe auf Polizisten, zerstörte Zugabteile, stundenlang festgesetzte Chaoten – die Bahnreisen sogenannter Fußballfans zu den Spielorten ihrer Clubs scheinen immer häufiger von Gewalt und Ausschreitungen überschattet zu sein. Täuscht der Eindruck?
Es gab über die Jahre immer wieder Ausschreitungen. Im vergangenen Jahr hatten wir aber mehrere negative Höhepunkte. Es gab zwei durch Braunschweiger und hannoversche Fans zerlegte Züge. Wir haben es nicht mit einem Phänomen zu tun, das ab- oder zunimmt, sondern leider handelt es sich um ein Dauerthema – mit blinder Zerstörungswut auf hohem Niveau.

Wie konnte es den Chaoten auf den Rückfahrten von Auswärtsspielen ihrer Clubs von Bielefeld nach Braunschweig beziehungsweise von Gelsenkirchen nach Hannover gelingen, ganze Waggons der Bahn zu demolieren, ohne dass die Polizei eingeschritten ist?
Bezeichnenderweise passierte beides, als keine Polizei vor Ort war.

Fahren Beamte der Bundespolizei nicht grundsätzlich in Zügen mit, in denen Fußballfans sitzen?
Dem war nie so, und dem wird auch so nie sein. Das ist gar nicht leistbar. An den Wochenenden fahren 40 000, 50 000 vielleicht 60 000 Fußballfans quer durch die Republik, zum Teil sogar über mehrere Tage mit mehrstündigen Aufenthalten während der nächtlichen Betriebsruhe des Nahverkehrs. Die können von der Polizei nicht alle lückenlos begleitet werden.

Die 96-Chaoten hatten vergangenen
 November einen Regionalexpress nicht nur zerlegt, sondern das Innere auch mit Fäkalien verschmutzt. Haben Sie Vergleichbares schon einmal erlebt?
Blind einen Zug einfach nur zu verwüsten und mit Kot zu beschmieren, das ist in der Tat eine Entwicklung, die neu ist. Es wirkt so sinnlos und hirnlos. Da stehe auch ich nur einfach noch staunend da und frage mich, was ist das eigentlich für ein Benehmen? Ich reagiere da genauso wie alle in der Bevölkerung. Und – Gott sei Dank – auch viele anständige Fans, wie in den Foren nachzulesen war.

Es sind in der Regel wenige Kriminelle, die unter dem Deckmantel, Fans von 96 zu sein, randalieren und für Ausschreitungen sorgen. Braucht es in der hannoverschen Fußballszene einen Aufstand der anständigen Fans, um sich von den Chaoten abzugrenzen?
Ich war positiv überrascht, wie viele Fans sich von diesem Verhalten, von diesen Zerstörungen distanziert haben. Das betrachte ich nicht als Aufstand, aber als ein Aufstehen. Ich finde das gut, weil die Sozialkontrolle da wirkt.

Wie viele Randalierer konnten ermittelt werden?
Solche Straftaten werden immer im Schutz der Masse begangen. Die Sachbeschädigungen im Zug konnten individuell niemandem zugeordnet werden.

Ihre Inspektion am Hauptbahnhof Hannover hat es in ihrem Zuständigkeitsbereich mit Anhängern dreier Vereine zu tun: mit Fans von Eintracht Braunschweig, vom VfL Wolfsburg und von Hannover 96. Welche Gruppierung macht Ihnen am meisten Ärger?
Ich würde nie sagen, eine Fangruppierung ist problematischer als die andere ...

... die haben alle ihre Feinheiten ...?
... die haben alle ihre Feinheiten. Und die haben alle ihre Verfehlungen. Aber was ich schon feststelle, ist, dass die Ansprechbarkeit der hannoverschen Fans wesentlich schlechter ist als die der Braunschweiger und der Wolfsburger.

Warum?
Das könnten vermutlich Soziologen besser beantworten als ich. Aber mein Eindruck ist es, dass das Ansprechen der Masse der Fans in Braunschweig und in Wolfsburg auch seitens der Vereine wesentlich besser gelingt als hier in Hannover. Dies schließt die Kommunikation zwischen Fans und Fanbeauftragten sowie Fanprojekten ein.

Sie haben vergangenen November gemeinsam mit der Deutschen Bahn und der Metronom-Eisenbahngesellschaft Überlegungen vorgestellt, wonach bei Auswärtsspielen die Clubs das Sicherheitspersonal für die Züge stellen sollen, in denen die eigenen Fans reisen. Sind Sie damit bei Hannover 96 auf Gegenliebe gestoßen?
Grundsätzlich ja. Aber auf skeptische Gegenliebe. Wir haben das ganz konkret geprüft im Hinblick auf das Spiel von 96 am 5. März in Bremen. Wir haben die Umsetzung auch zweimal intensiv durchgesprochen, da es viele Detailfragen zu klären gibt. Eine grundsätzliche Bereitschaft bei 96 war vorhanden. Allerdings kommt eine Begleitung der Züge durch Vereinsordner am 5. März nicht zum Tragen, weil die Kapazitäten in den Bahnen so gering sind, dass die Masse der Hannoveraner andere Reisewege nutzen muss. Die Ordner werden daher nun vermutlich eingesetzte Fanbusse begleiten.

Heißt konkret?
Es wird keinen Entlastungszug nach Bremen geben. Es wird also nur möglich sein, im Regelverkehr zum Ziel zu kommen.

Wie viele Nahverkehrszüge könnten
die 96-Anhänger am 5. März zum Werder-Spiel bringen?
Hin kommen vier Züge in Frage. Sie starten jeweils in Hannover und sind quasi noch leer. Rund 800 Personen könnten insgesamt mitfahren. Problematisch wird sein, dass die Fans auf dem Rückweg sinnvoll nur zwei Züge nutzen können. Diese kommen aber bereits aus Norddeich beziehungsweise Bremerhaven und werden schon gut gefüllt sein, wenn sie in Bremen einfahren. Hier gibt es vielleicht 600 freie Plätze.

... aber volle Züge waren doch für 96-Fans in der Vergangenheit nie ein Problem. Sie sind trotzdem eingestiegen, obwohl die Abteile überfüllt waren – es sei denn, die Bundespolizei hat die vollen Bahnen nicht losfahren lassen ...
... so wird es diesmal auch kommen. Wir haben in der Vergangenheit nach Spielen zwischen 96 und Bremen insbesondere bei den Rückreisen immer schlechte Erfahrungen gemacht, weil die Züge – trotz zusätzlicher Entlastungszüge – maßlos überfüllt waren, was sogar Rettungseinsätze für in Atemnot geratenen Fahrgäste erfordert hat. Auch hat diese unüberschaubare Enge immer wieder den Schutz für das unerkannte Verursachen von Betriebsstörungen wie beispielsweise das Ziehen von Notbremsen geboten.

Wie lautet Ihr Appell für den 5. März an die reisenden 96-Fans?
Wer stressfrei und sicher nach Bremen kommen will und zeitnah auch zurück, sollte das Angebot von Hannover 96 nutzen, mit gecharterten Bussen zum Weserstadion und zurück zu fahren.

Nach der Heimpleite vergangenen Sonnabend gegen Mainz wird der Abstieg von 96 immer wahrscheinlicher. Welche Auswirkungen könnte die drohende Zweitklassigkeit auf das Verhalten reisender 96-Fans haben?
Das kann alles und nichts bedeuten. Wir haben in der Vergangenheit aber immer wieder beobachtet, dass Problemfans von Vereinen, die vom Abstieg bedroht sind, auf sogenannte Abschiedstouren gehen. Diese Problemfans wollen sich quasi mit einem lauten Knall aus der Bundesliga verabschieden.

… bedeutet „lauter Knall“ Gewaltexzesse und eine Spur der Verwüstung quer durch die Republik ...?
... Störungen, welcher Art auch immer. Es ist für diese Klientel schon ein Unterschied, ob man nach Dortmund oder nach Sandhausen fährt. Die nächsten beiden Auswärtspartien werden nach meiner Einschätzung zeigen, wohin die Reise mit den Problemfans von Hannover 96 geht. Mögen sie den Verein unterstützen. Der vergangene Sonnabend mit einer offenbar abgesprochenen Auseinandersetzung mit Fans vom VfL Wolfsburg am Bahnhof Leinhausen deutet aber doch eher darauf hin, dass es in eine andere Richtung gehen könnte.


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