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Meine Stadt Was bleibt von der "Zigeunersauce"?
Hannover Meine Stadt Was bleibt von der "Zigeunersauce"?
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00:17 07.01.2015
So titelte die NP im Augusst 2013. Passiert ist seither - nicht viel.
Hannover

Auch viele große Medien griffen das Thema auf. In zahlreichen Internetforen wurde gestritten und diskutiert. Wolfram Stender, Soziologieprofessor an der Hochschule Hannover, hat die Reaktionen untersucht - und kommt zu erschütternden Ergebnissen.

„Der Streit über die ,Zigeunersauce‘ ist vor allem eins: ein Lehrstück darüber, wie schäbig mit der Minderheit der Sinti und Roma auch heute noch umgegangen wird“, urteilt Stender und macht das an zahlreichen Beispielen fest. „Eine Flut von gehässigen und ignoranten Kommentaren“ habe der hannoversche Verein über sich ergehen lassen müssen.

Eine kleinere Gruppe habe die Berichterstattung sogar genutzt, „um ihr Ressentiment gegen die ,Zigeuner‘ offen zu artikulieren“, schreibt Stender in einem Zwischenfazit seiner Untersuchung, die später Teil eines wissenschaftlichen Buches zum Thema Antiziganismus sein soll.

Am häufigsten habe sich das Klischee gefunden, „dass alle Sinti und Roma betteln“. Fast ebenso häufig seien sie mit „Schmarotzern“ und „Parasiten“ gleichgesetzt worden. Konkret sei dem hannoverschen Verein in diesem Zusammenhang vorgeworfen worden, dass dieser es nur auf das Geld des deutschen Steuerzahlers abgesehen habe.

Auffallend sei auch, dass Sinti und Roma, obwohl sie zum Teil schon seit mehr als 600 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands leben, nicht als Teil der deutschen Bevölkerung, sondern ausschließlich als von außen eindringende Fremde wahrgenommen würden, so Stender.

In der zweiten, größeren Gruppe der Kommentatoren blieben die Vorurteile zwar eher latent, gleichwohl „ist auch hier die historische Unwissenheit und moralische Gleichgültigkeit gegenüber den Sinti und Roma offensichtlich“, sagt Stender. Regelmäßig sei die Initiative des Vereins als „schwachsinnig“ abgetan worden, oft seien die Kommentare auch „von bösartiger Häme durchsetzt“ gewesen.

Das Argument, dass das Wort „Zigeuner“ die Funktion eines Stigmas habe, „ohne das der systematische Massenmord an den als ‚Zigeuner‘ markierten Menschen nicht möglich gewesen wäre“, werde „ignoriert oder lächerlich gemacht“, kritisiert der Soziologieprofessor.

„Erschreckend“ sei aber besonders, dass „die offensichtlich massive Verständnisverweigerung in großen Teilen der Bevölkerung die Unterstützung prominenter Meinungsmacher findet“, sagt Stender und verweist auf das Buch „Rettet das Zigeunerschnitzel! Empörung gegen den täglichen Schwachsinn“ des ZDF-Moderators und „Bild“-Kolumnisten Peter Hahne. Auch er frage sich nicht, warum Sinti und Roma nach dem Völkermord im Zweiten Weltkrieg Wörter wie „Zigeunerschnitzel“ unerträglich finden. Im Gegenteil: Auch Hahne habe „nichts als Häme“ für die Initiative des kleinen hannoverschen Vereins übrig. Das sei nicht „amüsant“, wie sein Verlag behaupte, sondern „einfach nur ekelhaft“, ärgert sich Stender.

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