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Meine Stadt WM-Killer Holger B. vor Gericht: Zu viel "Tutschi"
Hannover Meine Stadt WM-Killer Holger B. vor Gericht: Zu viel "Tutschi"
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16:07 21.01.2011

VON SIGRUN STOCK

HANNOVER. "Tutschi" ist das Lieblingsgetränk von Holger B. In seiner Stammkneipe, der Columbus-Bar im Rotlichtviertel in Hannover, gibt es die Mischung aus Cola und Weinbrand für 3 Euro pro Glas. Die zweite Leidenschaft des 42-Jährigen ist Fußball, da kann der Frührentner sich richtig ereifern. Doch seit Donnerstag muss sich der unscheinbar wirkende Mann wegen eines Doppelmordes im Landgericht Hannover verantworten, denn Fußballfieber und zu viel "Tutschi" haben am 5. Juli 2010 fatale Folgen gehabt: Nach einem harmlos wirkenden Thekenstreit über die Fußball-Erfolge der deutschen Nationalmannschaft soll Holger B. an diesem wunderschönen Sommermorgen in seiner Stammkneipe zwei Italiener aus nächster Nähe erschossen haben.

Die Tat sorgte bundesweit für Aufsehen in einer Zeit, als ganz Deutschland euphorisch über die Erfolge der deutschen Jungs in Südafrika jubelte. Holger B. wirkt stumpf und teilnahmslos beim Prozessauftakt. Im Kapuzen-Sweatshirt schlurft er in den Gerichtssaal, hält es nicht für nötig, seine Baseballkappe abzunehmen. Die Opfer waren zwei Zufalls-Bekanntschaften, mit denen der 42-Jährige sich darüber gestritten hatte, wer bei Weltmeisterschaften erfolgreicher war - Deutschland oder Italien. Der 47 Jahre alte Koch und der 49-jährige Pizzabäcker hatten nach der Arbeit noch einen Absacker in der Bar getrunken. Über ihren Tod sagte eine Augenzeugin am Donnerstag: "Ich hab' im ersten Moment gedacht, das ist eine Hinrichtung. Ich bin dann nur noch um mein Leben gerannt." Die beiden Italiener hatten den Angriff nicht erwartet und waren völlig arglos.

Denn Holger B. hatte die Kneipe nach dem Streit um die WM-Titel verlassen - doch 20 Minuten später kehrte er mit einer Pistole zurück, drückte sofort ab und schoss beiden in den Kopf. Die Angehörigen der Opfer verfolgen den Auftritt des mutmaßlichen Killers am Donnerstag sichtlich angespannt - einige waren für den Prozess extra aus Sizilien angereist. "Für sie ist dieses Verfahren wichtig, um das Geschehen verarbeiten zu können", sagte Rechtsanwalt Bastian Quilitz, der einige der Nebenkläger vertritt. Holger B. lässt über seinen Verteidiger ein Geständnis und eine Entschuldigung verlesen. Erklärungen hat er keine parat - er beruft sich darauf, einen Filmriss zu haben. Holger B. präsentiert sich als gebrochener Mensch: Die Pistole habe er aus der Wohnungsauflösung seiner Pflegemutter behalten, weil er ernsthaft daran gedacht habe, sich selbst zu töten. Seit Jahren leide er unter Panikattacken. "Ich denke darüber nach, wie es dazu kommen konnte, dass ich zwei Menschen töten konnte. Das ist für mich bis heute nicht zu erklären", heißt es in seinem Geständnis.

Auch Carmen kann es immer noch nicht ganz fassen, dass Holger B. zwei Menschen umgebracht hat. Die 61-Jährige steht seit über 20 Jahren in der Rotlichtkneipe hinter der Theke. "Wir haben rund um die Uhr auf", sagt Carmen. Sie hat einen handfesten Umgang mit der Kundschaft, die sich oft mehrere Tage und Nächte am Stück in der Kneipe zudröhnt - und zwischendurch mit dem Kopf auf dem Tisch den Rausch wieder ausschläft. Holger B. kennt Carmen seit Jahren. Er sei vor jenem unseligen Montagmorgen schon mindestens drei Tage am Stück im Columbus gewesen, sagt sie. "Er setzte sich an seine Musikbox und drückte "Unheilig", das lief rauf und runter. Zwischendurch kam er an die Theke und bestellte noch ein Futschi." Mit dem Streit um die WM, da habe er sie und die beiden Italiener dann schnell genervt. "Ich hab dann gesagt: Holger, es reicht, nimm Dein Getränk und setz dich hin." Der Gescholtene zog Leine und verließ die Kneipe, angeblich, um frisches Geld zu holen - doch er kam mit einer Pistole zurück. dpa

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