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So MACHT MAN DAS: Birgit Nerenberg liest den Kindern in der evangelischen Krippe in der Pinkenburger Straße vor. Ryoko Yamada will von ihr Lernen.

So MACHT MAN DAS: Birgit Nerenberg liest den Kindern in der evangelischen Krippe in der Pinkenburger Straße vor. Ryoko Yamada will von ihr Lernen.© Nancy Heusel

Hannover

„Vorlesen ist eine Liebeserklärung“

Wie liest man richtig gut vor? Wann wird man laut, wann leise? Eine Japanerin hat den langen Weg nach Groß-Buchholz angetreten, um genau das zu lernen.

Hannover. Das Buch. Verdirbt den Charakter, produziert Stubenhocker, entführt in fantastische Welten und hält Kinder vom richtigen Lernen und Arbeiten ab. Richtig gelesen. In etwa so wurde rund um das Jahr 1800 gegen das Bücherlesen gewettert, als es populär wurde.

Mehr als 200 Jahre später sieht die Welt völlig anders aus. Eltern, die was auf sich und ihren Nachwuchs halten, lassen ihre Kinder lesen – oder lesen sogar vor. Längst ist der positive Nutzen vom Lesen erforscht. Dennoch wird auch heute noch immer jedem dritten Kind selten oder nie vorgelesen.

Birgit Nerenberg (61), die mehr als 25 Jahre den Groß-Buchholzer Buchladen Sternschnuppe leitete, weiß seit langem um diesen traurigen Trend und die damit verschenkten Chancen: „Vorlesen ist für die Sprachentwicklung von Kindern zentral wichtig. Gleichzeitig machen Eltern ihrem Nachwuchs damit eine Liebeserklärung, weil Vorlesen auch immer  Nähe bedeutet.“ Vor genau  acht Jahren gründete die ehemalige Buchhändlerin deshalb den Verein Lesestart Hannover.

„Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die frühkindliche Sprach- und Leseförderung in Familien, Krippen und Kindergärten in Hannover zu unterstützen“, so Nerenberg. Dafür geht sie regelmäßig in Krippen, Kindergärten und Schulen und liest vor.
Ryoko Yamada (58) lebt 14 Flugstunden von Hannover entfernt im japanischen Nagoya. Sie betreibt dort seit 30 Jahren den Buchladen „Bremen Collection“, der sich auf Märchen der Gebrüder Grimm spezialisiert hat. Vor fünf Jahren begann die 58-Jährige in ihrem Laden damit, Müttern und Kindern Bücher vorzulesen. „Erst vor wenigen Jahren hat unsere Regierung damit begonnen, Eltern über die Bedeutung des Vorlesens aufzuklären“, berichtet Yamada.

Früher hätten die Älteren den Jüngeren vorgelesen oder Geschichten erzählt. „Mit der fortschreitenden Technisierung ist das fast ganz verloren gegangen. Die Folgen sind fatal. Das Handy ist in Japan mittlerweile der Babysitter für kleine Kinder. “ Ihre Heimat entdecke die Bedeutung von Sprachentwicklung nun erst richtig: „Wir haben die Theorie, was uns noch fehlt, ist die Praxis.“

Yamada ist deshalb nach Hannover gereist, sie will von Birgit Nerenberg lernen. Sie begleitete diese in den letzten Tagen zu Lesungen in Kindergärten sowie in die  Krippe der Matthiaskirche (Groß-Buchholz).

„Ich möchte die deutsche Vorlesekultur nach Japan bringen“, sagt  Yamada. „Wir Japaner sind ruhig und schüchtern. Wenn Deutsche vorlesen, sind so viele Emotionen, laute und leise Töne im Raum“, sagt sie bewundernd, „und genau das brauchen wir und unsere Kinder auch.“

Studie zeigt: Jedem dritten Kind wird selten oder nie vorgelesen

- Seit 2007 führt die Stiftung Lesen jedes Jahr Vorlesestudien durch. Die Studien zum Vorleseverhalten von Eltern basieren dabei in der Regel auf Befragungen von Familien mit Kindern zwischen zwei und acht Jahren. Ende Oktober werden in Berlin die Ergebnisse der aktuellen Studie präsentiert. Dabei zeigt sich ein deutlicher Handlungsbedarf.

- Jedem dritten Kind in Deutschland wird nicht oder nur selten vorgelesen. Zu viele, sagt die Stiftung Lesen. Die Experten fordern Eltern auf, täglich 15 Minuten vorzulesen.

- Fast jedes dritte Kind, dem vorgelesen wird, wünscht sich, dass dies öfter geschieht. Bei Kindern, denen selten oder nie vorgelesen wird, ist es jedes zweite.

- Positiv ist hingegen, dass sich fast die Hälfte aller Kinder zwischen zwei und fünf Jahren täglich mit Büchern beschäftigt.

- Die Bedeutung des Vorlesens ist unabhängig vom Bildungshintergrund der Familien nachweisbar, sagt Studienleiterin Simone Ehmig: „Jeder Vater und jede Mutter sollte diese Möglichkeit nutzen, um das eigene Kind zu fördern.“

- Kinder, denen vorgelesen wird, lesen später häufiger, lieber und länger selbst. Und auch der Schulerfolg profitiert vom Vorlesen, ebenso die persönliche Entwicklung. So beschreiben gut 90 Prozent der Mütter, die mindestens einmal am Tag vorlesen, ihr Kind als fröhlich, 75 Prozent als selbstbewusst. Lesen sie nie vor, erleben die Mütter ihr Kind nur noch zu 44 Prozent als selbstbewusst.

- Vorlesen stärkt nach Auskunft der Studienleiter nicht nur die Kinder selbst, sondern auch die sozialen Beziehungen, in denen sie leben. Wem häufig vorgelesen wird, der ist häufiger empathisch und darum auch be­mühter, andere zu integrieren.

- Vorlesen scheint typisch weiblich zu sein. Klassischerweise lesen in Familien die Mütter vor. Lediglich 39 Prozent der Väter lesen regelmäßig vor.

- Seit dem Pisaschock 2001 hat sich die Lesekompetenz der Schüler hierzulande deutlich verbessert. Allerdings haben knapp 15 Prozent der 15-Jährigen Probleme beim Lesen und Schreiben.

Von Britta Lüers


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