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Meine Stadt Niedersachsen: Viele Kliniken stehen vor dem Kollaps
Hannover Meine Stadt Niedersachsen: Viele Kliniken stehen vor dem Kollaps
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00:16 31.12.2017
Patient Krankenhaus: Viele Kliniken in Niedersachsen steht vor dem Aus. Quelle: dpa
Hannover

Vor dem Hintergrund von drei Klinik-Insolvenzen in diesem Jahr in Niedersachsen schlägt die Krankenhausgesellschaft wegen der schlechten Finanzlage auch anderer Häuser Alarm. „Die Ergebnisse sind besorgniserregend“, sagte der stellvertretende Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft (NGK), Marten Bielefeld, am Donnerstag .

Viele der Krankenhäuser seien auf lange Sicht in ihrer Existenz bedroht, ihre wirtschaftliche Situation sei sehr angespannt. „Nahezu be­ängstigend ist, dass die Erwartungen von knapp 70 Prozent der Krankenhäuser für das Jahr 2017 negativ sind“, warnte der NKG-Vorsitzende Hans-Heinrich Aldag.

In Niedersachsen hat es mit den Paracelsus-Kliniken gerade die dritte Krankenhaus-Insolvenz innerhalb eines Jahres gegeben. Von der Paracelsus-Insolvenz sind allein in Niedersachsen drei Häuser in Osnabrück, Langenhagen und Bad Gandersheim betroffen.

Acht Chefärzte verlassen Klinkum Hannover

Nach schwierigen Jahren ist das Klinikum Region Hannover (KRH) jetzt in ruhigeren Gefilden angelangt. Gerade erst hat der Aufsichtsrat den Wirtschaftsplan 2018 verabschiedet. Darin steht eine schwarze Null. Das ist besser als in den meisten anderen niedersächsischen Krankenhäusern (siehe Text rechts).

„Von den positiven Zahlen merkt aber die Basis nichts“, sagt ein früherer Chefarzt. Er hat das KRH verlassen, weil er seine Arbeit nicht ausschließlich am wirtschaftlichen Erfolg messen lassen will. Er ist nicht der Einzige. In diesem Jahr haben acht Chefärzte dem Unternehmen den Rücken gekehrt. Das ergibt bei 55 Chefarztstellen eine Fluktuationsrate von 14,5 Prozent. Das ist deutlich mehr als in den Vorjahren. 2015 waren es zwei Chefärzte, 2016 drei, die weggegangen sind. Selbst in den Jahren 2012 und 2013, als es im Unternehmen kriselte, war die Fluktuation unter den Klinikchefs geringer.

„Grundsätzlich rechnet die gesamte Krankenhausbranche weiter mit kürzeren Verweildauern im Un­ternehmen“, sagt KRH-Sprecher Steffen Ellerhoff. Das „Modell Chefarzt auf Lebenszeit“ genüge oft nicht mehr den „individuellen Lebensplanungen“ der Betroffenen.

Das trifft es wohl nicht. So sagt ein KRH-Chefarzt: „Wir sind in der Welt der Zahlen angekommen.“ Man müsse sich als Arzt von dem Ideal verabschieden, nur für die Menschen da zu sein. „Wir sind jetzt auch Manager“, erklärt der Mediziner.

Und zwar Manager, die den Mangel verwalten. Und zwar deutschlandweit. Chefärzte im KRH betonen, dass die Probleme allgemeiner Natur seien. „Bei den Privaten ist es viel schlimmer“, sagt ein erfahrener leitender Arzt. Das „Ärzteblatt“ schilderte, dass die Attraktivität des Berufsbildes gelitten habe. Zu den Entscheidungsmöglichkeiten von Chefärzten heißt es: „Personalmangel und rigide Sparvorgaben der Krankenhausträger haben hier zu schmerzhaften Einschnitten geführt.“

Klinikchefs haben ökonomische Verantwortung

Weniger Befugnisse, aber höhere Anforderungen: Klinikchefs stehen jetzt stärker in der ökonomischen Verantwortung und brauchen Führungsstärke und Organisationsgeschick und soziale Kompetenz. Im „Ärzteblatt“ wird das „Rollenüberforderung“ genannt.

Im KRH kommt noch hinzu, dass sich manche Chefärzte um zwei Kliniken kümmern müssen. So zum Beispiel derzeit im Nordstadtkrankenhaus: Dort ist Professor Julian Mall Chef der Allgemein- und der Unfallchirurgie. Der Klinikchef der Unfallchirurgie hatte die Brocken hingeworfen, weil er unzufrieden mit der Versorgung der Notfallpatienten gewesen sein soll. Da Chefärzte das Aushängeschild eines Krankenhauses sind, will KRH-Sprecher Ellerhoff die hohe Fluktuation nicht kleinreden.

Aber: „Wir haben keine Schwierigkeiten, neue Chefärzte zu gewinnen, ansonsten hätten wir ein Problem.“ Eine Umfrage der Personalberatung Ro­chus Mummert in Kooperation mit der Uni Freiburg ergab: Öffentliche Träger genießen bei Chefärzten das höchste Ansehen. Und zwar wegen der Jobsicherheit. Bei privaten Krankenhausfirmen fürchten die Mediziner den wirtschaftlichen Druck.

Thomas Nagel

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