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SIE WAREN EINE FAMILIE: Katharina Schmidt mit ihren Töchtern. Der Vater, Kais B., hat sie nach Tunesienverschleppt.

Justiz

Verschleppt: Tunesier gibt Kinder nicht wieder her

Ein Vater hat seine zwei Töchter nach Tunesien verschleppt. Er gibt sie nicht wieder raus - obwohl die Mutter das Sorgerecht hat und er bereits zweimal verurteilt wurde.

Hannover. Auf dem Bild blicken Katharina Schmidt und ihre Töchter Maryam (10) und Hanna (8) zuversichtlich in die Kamera. Eine glückliche Mutter und ihre zufriedenen Kinder. Das Bild täuscht. Es wurde kürzlich in Kasserine (Tunesien) aufgenommen. Einer Stadt umringt von kahlen Bergen, die IS- und Al-Kaida-Terroristen als Rückzugsort dienen.

„Ich darf nicht mal allein mit den Kindern das Haus verlassen“, sagt die Mutter. Während ihres einwöchigen Aufenthalts hat sie ihre Töchter dreimal sehen dürfen: „Die Kleine hat sehr die Nähe zu mir gesucht. Sie möchte nicht, dass ich gehe.“ Mittlerweile spricht Hanna kein Deutsch mehr.

Im August 2015 gingen die Kinder mit ihrem Vater, Kais B. (40), nach Tunesien. Sie sollten die Kultur ihres Vaters kennenlernen. Vereinbart war, dass sie ein halbes Jahr bleiben. Es war eine Intrige. Kais B., damals seit mehreren Monaten von der Mutter seiner Töchter ge­trennt, wollte die Kinder nie wieder nach Deutschland lassen (siehe Text unten).

Seit 2015 war Katharina Schmidt siebenmal in Tunesien. Sie kämpft gegen die Familie ihres Ex-Partners, gegen die tunesischen Behörden und gegen ein archaisches Rollenverständnis. Als sie Ende Juni in Kasserine war, hatte sie das Urteil eines tunesischen Ge­richts in der Tasche: „Ich habe das alleinige Sorgerecht, auch nach tunesischem Recht.“

Doch genützt hat es nichts. Die Vollstreckung des Urteils wurde von den Behörden in Kasserine abgelehnt. Im Urteil habe nur die deutsche Adresse des Vaters gestanden, es sei aber eine tunesische Anschrift nötig. Jetzt soll der Wohnort der Großeltern eingetragen werden. Bereits einmal scheiterte die Herausgabe der Kinder, weil die Familie mit Rebellion drohte. Der Opa habe geschrien: „Ich verbrenne mich hier.“ Im Justizministerium in Tunis heiße es nur, in Kasserine herrsche Anarchie.

Die Provinz Kasserine liegt etwa 300 Kilometer südwestlich von Tunis. Sie gilt als eine der ärmsten in Tunesien. Nur die Rohstoffgewinnung (Stein, Sand, Kalk und Halfagras) spielt wirtschaftlich eine Rolle. Während des Arabischen Frühlings war die Provinz eine Hochburg des Aufstands. Unweit der Provinz, in Sidi Bouzid, verbrannte sich am 17. Dezember 2010 ein Ge­müsehändler und löste somit die Aufstände in der islamischen Welt aus. Die Arbeitslosigkeit in der Provinz Kasserine ist hoch (offiziell 23 Prozent), ebenso wie die Analphabetenquote mit 32 Prozent (in Tunis zwölf Prozent). Im Umland der Hauptstadt Kasserine (80 000 Einwohner) leben die Menschen in Steinhütten und müssen das Trinkwasser kaufen.

Das war vor dem Arabischen Frühling so, und das ist auch jetzt so. Wegen seiner Gebirgslandschaft und der Nähe zur algerischen Grenze gilt die Region als Rückzugsort für Terroristen. Wahrscheinlich treiben eher Armut. Perspektivlosigkeit, Korruption und staatliche Repression die jungen Männer in den Terrorismus als Glaubensfragen. Die Leute haben kein Vertrauen in ihren Staat.

Wenn Katharina Schmidt nach Kasserine fährt, übernachtet sie dort nicht – aus Sicherheitsgründen. Als sie am Sonntag, 25. Juni, eintraf, nahmen die Großeltern ihrer Töchter die Zusage zu­rück: „Du kannst hier nicht übernachten.“ Also fuhr die Ärztin wieder zurück nach Tunis. Eine Strecke bedeutet viereinhalb Stunden Autofahrt. Am Dienstag fuhr sie wieder die staubige Straße entlang. „Die Polizisten an den Kontrollstellen wissen, wer ich bin. Sie sagen: Wir kennen deinen Mann“, erzählt sie.

Dann sah sie endlich ihre Kinder. Jedes Mal muss sie wieder Überzeugungsarbeit leisten. Als Kais B. 2015 mit den Kindern in Tunesien war, indoktrinierte er sie: Eure Mutter trinkt Alkohol, eure Mutter trifft sich mit anderen Männern. Und dann die schlimmste Drohung: Wenn ihr weggeht, werdet ihr mich nie wiedersehen. „Er hat ein sehr gutes Verhältnis zu den Kindern. Sie verstehen nicht, dass er nicht da ist“, sagt die Mutter. Sie ist überzeugt, dass auch die Familie von Kais B. diese Situation so nicht gewollt habe. Die Oma von Maryam und Hanna ist halbseitig gelähmt, der Opa fast blind. Auch Tante und Onkel kümmern sich um die Kinder. Kais B. sitzt lieber im Gefängnis, als seine Kinder nach Deutschland gehen zu lassen. Das Wort des Erstgeborenen sei Gesetz in der Familie, sagt Katharina Schmidt. In Kasserine ist wie in vielen anderen Orten der islamischen Welt die Familie der Staat.

Der Kindsvater ist bereits zweimal verurteilt

Kais B. (40) ist bereits zweimal wegen Kindesentzuges verurteilt. Vor dem Landgericht Hannover wurde der Mann aus Tunesien zu zwei Jahren Haft verurteilt. Im Mai 2017 bekam er im Amtsgericht noch mal neun Monate Haft aufgebrummt.

In den Prozessen versuchten die Richter und der Staatsanwalt, dem Angeklagten goldene Brücken zu bauen. Sobald die Kinder zurück seien, wäre er frei. Der Angeklagte wich aus: Den Kindern gehe es besser in Tunesien; die Mädchen mögen entscheiden, wo sie leben möchten; er wolle die Kinder holen.

Tunesien ist dem Haager Übereinkommen zu zivilrechtlichen Aspekten der Kindesentführung von 1980 nicht beigetreten. Das macht die Sache kompliziert. Beim Besuch der Bundeskanzlerin An­fang März in Tunesien waren die verschleppten Kinder aus Hannover ein Thema. Bei dem Prozess im Amtsgericht waren auch zwei Vertreter der tunesischen Botschaft anwesend. Sie wollten aber vor Gericht nicht aussagen oder Erklärungen des Angeklagten entgegennehmen. Kais B. muss seiner Familie nur sagen, dass die Kinder nach Deutschland zurückkehren sollen. Ob er noch mal wegen Kindesentzuges verurteilt werden kann, ist juristisch um­stritten.

Thomas Nagel


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