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Meine Stadt Verhaftete Anwältin: „Bin keine Schwerverbrecherin“
Hannover Meine Stadt Verhaftete Anwältin: „Bin keine Schwerverbrecherin“
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00:16 31.03.2017
IN SEINER DÖHRENER KANZLEI: Rechtsanwalt Thorsten Osterkamp verteidigt die hannoversche Anwältin, die im Gericht verhaftet worden war.  Quelle: Körlin
HANNOVER

 Im Februar hatten Justizwachtmeister der 34-Jährigen im Familiengericht stählerne Handschellen angelegt. Hintergrund: Als Angeklagte war sie im Januar nicht zu ihrem Prozess erschienen – laut Gericht ohne ausreichende Entschuldigung. Richter Sebastian Schuster hatte deshalb einen Haftbefehl erlassen. Die junge Frau soll 2015 den beschlagnahmten Führerschein ihres damaligen Lebensgefährten aus dessen zuvor dienstlich angeforderter Fallakte entnommen und das Dokument verbotenerweise dem 27-Jährigen übergeben haben.

Deswegen ist sie wegen Verwahrungsbruchs und der Beihilfe zum Fahren ohne Führerschein angeklagt (NP berichtete).Osterkamp stellt klar: „Das war nicht ihr Partner, sondern ein Klient.“

„Hier wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Eine Anwältin in Handschellen durchs Amtsgericht zu führen – das ist überzogen und unangemessen, eine unbillige Härte“, schimpft Osterkamp. Seine nicht vorbestrafte Mandantin habe das als „sehr belastend“ empfunden und so kommentiert: „Ich bin doch keine Schwerverbrecherin.“

Wenig später sei die 34-Jährige ins Hildesheimer Frauengefängnis gebracht worden. Doch ihr Aufenthalt habe nur Minuten gedauert; es könne der kürzeste in der niedersächsischen Justizgeschichte gewesen sein, mutmaßt der Rechtsexperte: „Sie hat noch nicht einmal die Zelle von innen gesehen.“ Was daran lag, dass der Anwalt dort persönlich eine Bescheinigung vorlegte, in der der 34-Jährigen erstmals bescheinigt wird, verhandlungsunfähig zu sein.

Davon war das Amtsgericht im Januar alles andere als überzeugt. Richter Schuster hatte den Haftbefehl erlassen, weil auf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung keine klare Diagnose, sondern nur ein Zahlencode stand, der auf psychische Probleme hinwies. Schuster mutmaßte, dass das Verfahren verschleppt werden solle und kündigte an, den Haftbefehl auszusetzen, wenn dem Gericht eine genaue Diagnose vorliege. Doch dazu kam es bis zur Verhaftung nicht.

Osterkamp sagt mit Blick auf den noch nicht terminierten nächsten Verhandlungstermin: „Ich gehe davon aus, dass meine Mandantin freigesprochen wird.“ Im Übrigen gehe es bei der Angelegenheit laut Gesetz „um ein Vergehen, nicht um ein Verbrechen“. Die Anklage stehe „auf tönernen Füßen“, denn der Führerschein sei „bestenfalls entliehen worden“.

Amtsgerichtssprecher Jens Buck weist Osterkamps Kritik zurück: Der Haftbefehl sei nicht beschleunigt bearbeitet worden, und „in Absprache mit dem Anwalt gab es immer Gelegenheit, das fehlende Attest nachzureichen“. Mit Blick auf die Beschuldigte betont Buck: „Gerade sie als Anwältin muss die Regeln vor Gericht kennen.“

Von Andreas Körlin

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