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Meine Stadt Hannover: Vereinskasse geplündert
Hannover Meine Stadt Hannover: Vereinskasse geplündert
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00:20 04.03.2018
Eine Justitia steht im Amtsgericht in Hannover (Symbolbild).  Quelle: picture alliance / dpa
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Rolf S. (72) ist gehbehindert. Also kaufte er sich einen Ford Fiesta. Da seine Rente in Höhe von 800 Euro zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist, wollte er nach Südostasien auswandern. „Aber meine kleine Rente reichte auch dort nicht“, sagte er im Amtsgericht. Das Leben dort unten sei im Vergleich von vor 30 Jahren sehr teuer geworden.

Wenn man dem Angeklagten Böses unterstellen will, könnte man auch von einem Fluchtversuch sprechen. Denn Auto und Flugreise bezahlte er aus der Vereinskasse des Rasse- und Geflügelzuchtvereins Misburg. Anstatt Strand und Palmen gab es am Donnerstag Bewährung. Wegen gewerbsmäßiger Untreue wurde der Rentner zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Von 2012 bis 2016 war Rolf S. Kassenwart des Vereins. Er hat mehr als 24 000 Euro aus der Kasse genommen – 15 Fälle. Mehr als 11 000 Euro sind bereits zurückbezahlt.

Amtsrichter Koray Freudenberg meinte in der Urteilsbegründung: „Es besteht keine Wiederholungsgefahr. Es sei denn, der Verein setzt sie nochmal als Kassenwart ein.“ Ein kleiner Spaß, der nicht einer gewissen Realität entbehrt. Denn der Angeklagte zahlte das veruntreute Geld auf dasselbe Vereinskonto ein, von dem er es genommen hatte. Das Konto läuft noch auf seinen Namen.

Rolf S. ist eine Frohnatur. Als ihm 2016 ein Inkasso-Büro auf die Pelle rückt, löste er das Vereinskonto auf. Rund 9800 Euro nahm er in bar mit nach Hause. Er habe den Vorsitzenden über das Geldproblem informiert. Der Vorstand wollte das Geld haben. Rolf S.: „Ich konnte doch niemanden das Geld geben, der das für sich verbrät.“ Richter Freudenberg: „Dann lieber Sie.“ S.: „Jo.“

Auf seinen ehemaligen Verein ist der Angeklagte nicht gut zu sprechen. Seit 2012 gebe es den Rasse- und Geflügelzuchtverein nicht mehr. „Da laufen jetzt mehr Ratten als Hühner herum“, lästerte der Angeklagte. Doch der Vorsitzende (64) stellte im Zeugenstand klar: „Der Verein existiert.“ Es folgte ein Disput zwischen den Männern.

Nach der Verhandlung zeigte sich der Vorsitzende enttäuscht. „Wo bekommen wir jetzt unser Geld her?“. Richter Freudenberg verwies auf den zivilrechtlichen Weg. Aber wie soll man einem nackten Mann in die Tasche greifen? Bei 800 Euro liegt er wohl unter der Pfändungsgrenze und der Ford Fiesta ist 17 Jahre alt.

Von Thomas Nagel

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