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Meine Stadt Vanessa Münstermann ist schwanger
Hannover Meine Stadt Vanessa Münstermann ist schwanger
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00:17 21.12.2017
WUNSCH-STERN: Den vielen Zetteln in der Marktkirche würde Vanessa Münstermann nur einen hinzufügen.„Gesundheit für unsere werdende Familie“ sei das Wichtigste. Das Baby soll am 8. Juni zur Welt kommen. Quelle: Foto: Wilde
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Hannover

Was ist Liebe? Wenn dein Partner dir im Winter die Füße wärmt. Vielleicht. Wenn er dir deine Lieblingshälfte vom Brötchen lässt. Eventuell. Den vielen möglichen Antworten kann Vanessa Münstermann eine für sie ganz spezielle hinzufügen: „Wenn er die linke Seite meines Gesichts mit Creme massiert, damit die Narben nicht mehr spannen.“ Das erlebt das Säureopfer jetzt fast allabendlich – und dass der werdende Vater bei ihren Heißhungerattacken losstürmt, noch dazu.

Mal hat die 28-Jährige Lust auf Schokolade, mal auf Lahmacun, das würzige Fladenbrot mit Lamm und To­maten. Der nachzugeben, ist klüger. „Ich habe Diabetes“, fügt sie den öffentlich be­kannten Verletzungen und Krankheiten eine neue hinzu. Ein Chip, implantiert in den Oberarm, überträgt die Werte aufs Handy. Die Kontrolle ist Münstermann jetzt noch wichtiger als jemals zuvor: „Mein Baby soll gesund auf die Welt kommen.“

„15. Woche“ steht im Mutterpass. Der 8. Juni ist der errechnete Termin. Ein Mädchen wird es; das Ultraschallbild hat das Geheimnis enthüllt. Ihre Tochter würde „ein echter Turbolader“, vermutet die angehende Mutter, „kalt ist mir überhaupt nicht mehr.“ Zugenommen habe sie erst 800 Gramm.

Unter dem schwarz-weißen Strickpullover wölbt sich aber eine unübersehbare Ku­gel. „Liegt am Diabetes“, meint die junge Frau, die sich unbändig auf und über ihr Kind freut. Es sei ein „Mutmachbaby“, eines, das dokumentiere, dass man nicht ewig mit Schicksalsschlägen hadern dürfe, sondern Hoffnung haben müsse. „Zuversicht trägt Früchte“, sagt sie und streichelt ihren Bauch. Den Vater in spe, ihre Teenager-Liebe, hält die nach dem Säureattentat schwer ge­zeichnete Kosmetikerin bewusst aus jeder Story heraus. Nur so viel: Er sei Mechatroniker; sie hätten sich kennengelernt, als sie zwölf war: „Der erste Kuss, das erste Mal – das habe ich mit ihm erlebt.“

Sich einzulassen auf einen Mann, nachdem ihr der frühere Partner dermaßen schwere Verletzungen zugefügt hatte, sei nicht einfach gewesen, gibt sie zu. Ebenso wichtig wie mit ihm zu lachen und Pläne zu schmieden, sei für sie, auch heulen zu können. Beispielsweise als die Pflegeeltern des Täters ihr eine außergerichtliche Einigung über Schadenersatz nur un­ter der Voraussetzung anboten, dass sie nie wieder Da­niels Namen nennen noch Einzelheiten zur Tat schildern dürfe. „Da hätte ich meine zweite Gesichtshälfte verkauft“, schildert Vanessa Münstermann die Konsequenz dieser Forderung für sie. Nur indem sie über das Attentat spricht und was es aus ihrem Leben machte, kann sie das Geschehene verarbeiten und Betroffenen mit ihrem Verein „AusGezeichnet“ helfen. Zwei Jahre nach der Tat versucht Münstermann, Menschen sogar in Brasilien und Indien zu unterstützen – sei es durch Korrespondenz, Tipps zur Wundversorgung oder das Verschicken von Masken, die sie eigentlich nachts tragen sollte, damit die Narben weiter zurückgehen.

Die Masken sind jetzt ausgemustert – der Liebe we­gen und weil die Massagen viel schöner sind. Vanessa Münstermann will ihr Ge­sicht zeigen – am liebsten ganz schnell einem Vermieter. Eine bezahlbare Drei-Zimmer-Wohnung irgendwo in der Region wäre ihr Traum. Ein Stück mehr zum Rundum-glücklich-Sein.

Zivilklage: Täter soll 250 000 Euro zahlen

Das Unfassbare ge­schah an einem Dienstagmorgen in Leinhausen. Mit ihrem Hund Kylie war Vanessa Münstermann am 15. Februar 2016 zum Gassigehen draußen, als ihr ehemaliger Freund, Daniel F., sie abpasste. Er sprang aus einem Gebüsch, beschimpfte die junge Kosmetikerin und schüttete dann Säure auf sie.

Offenbar geschah das alles aus Wut. Den heute 34-Jährigen hatte Münstermann einen Tag zuvor bei der Polizei wegen Stalkings und Ge­walt angezeigt. Daniel F. füllte einen industriellen Rohrreiniger mit 96-prozentiger Schwefelsäure in ein Glas, das zuvor Nudelsoße enthalten hatte. Die ätzende Chemikalie traf Münstermanns Gesicht.

Der mehrfach vorbestrafte junge Mann wurde bereits zwei Stunden nach dem Anschlag von der Polizei festgenommen. Am 25. August 2016 wurde er vom Landgericht Hannover zu zwölf Jahren Haft wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Sein Opfer lag zwölf Tage im Koma. Vanessa Münstermanns linkes Ohr fehlt, ein Auge ist inzwischen durch ein gläsernes, ganz schwarzes ersetzt, der Mund schief. Sie ist arbeitsunfähig und lebt derzeit von Krankengeld. Eine außergerichtliche Einigung über Schadensersatz ist gescheitert – sie hat gegen den Täter eine Zivilklage in Höhe von 250 000 Euro beim Landgericht Hannover eingereicht.

Von Vera König

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