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Meine Stadt Vandalismus oder Kunst? Sprayer verursachen riesige Schäden
Hannover Meine Stadt Vandalismus oder Kunst? Sprayer verursachen riesige Schäden
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00:16 07.05.2017
ILLEGAL: An fast allen Orten ist Sprayen illegal – auch, wenn der Inhalt ironisch ist (siehe oben) – die Zahlen variieren stets.
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Hannover, Hannover

 Es ist der Nervenkitzel, der Tim Hausser immer wieder auf die Straße treibt. Nachts, ein paar Dosen in der Umhängetasche, die durchaus etwas mitgenommen aussieht. „Hält aber noch, und wenn ich sie doch mal weghaue, dann ist das nicht so ärgerlich“, sagt er. Und das kann durchaus vorkommen, dass er sich kurzfristig seines Gepäckes entledigen muss, auf der Flucht zum Beispiel. „Ein paar Mal war es eng, aber ich bin immer davongekommen.“

Tim Hausser heißt nicht wirklich Tim Hausser. Aber sein Name ist nichts für die Presse, findet er. Klingt nachvollziehbar: Der 27-Jähriger ist Bankkaufmann, aber auch: Sprayer – „ein bisschen Spaß muss ja sein.“ Mit 15 fing er an. Mit der Clique. Unbeholfene Kritzeleien waren es meistens, „wir hatten ein paar Versager dabei“ sagt er und lacht. Die Versagen waren die, die meist nur drei Buchstaben an Wände sprühten, „Tags“. Sie finden sich überall in der Stadt, Sprayer haben Kürzel, die in der Regel auch eine Bedeutung haben, so etwas wie eine Signatur, die zeigt: „Ich war hier.“ Tags sind nichts sonderlich beeindruckendes in der Szene, „kann halt jeder“, sagt der 27-Jähriger. Das spannende sind die großen Bilder, „pieces“, die nicht nur entschieden zeitaufwendiger sind - sondern teilweise echte Kunstwerke. „Wenn man die Kunstform anerkennt“, sagt Hausser.

Es ist eine fortschreitende Debatte: Graffiti als Kunst, das fällt vielen schwer, das anzuerkennen. „Weil sie an die vollgebombten Wände denken, die einfach schäbig aussehen.“ Hausser bezeichnet sich selbst als Ästhet: „Klar ist vieles hässlich. Aber vieles ist wunderschön, vieles ist aufwendig. Nur weil etwas illegal ist, heißt das ja nicht, dass es nicht auch schön sein kann. Manchmal erwächst ja durch die Gefahr erst der Wert - wenn ich weiß, dass einer nachts von einer Brücke hängend unter Lebensgefahr ein geiles Piece gemacht hat, beeindruckt mich das mehr, als manches, was jemand zuhause zusammengepinselt hat und im Museum hängt.“

Grundsätzlich geht es in der Szene vor allem um Respekt: Große Bilder an Orten mit viel Betrieb? „Damit wird man bekannt.“ Die Konkurrenz ist nicht riesig, aber vorhanden. „Zwischendurch merkt man, dass mal wieder ein paar Teenies die Dosen entdeckt haben - dann tauchen an neuralgischen orten plötzlich neue Tags auf.“ Schlimmstes Verbrechen in der Szene: Die Werke anderer übersprayen, der Vorgang heißt „bomben“. „Manche wollen sich so Respektverschaffen.“ Viele Kürzel verschwinden schnell wieder. „Die werden dann das erste Mal hopps genommen und kriegen Panik-Durchfall.“

Hausser hatte Glück, bisher. Auch er ist ruhiger geworden, „ein, zwei Mal im Monat gehe ich noch los, meistens auch allein.“ Die Dosen kauft er manchmal im „Fachhandel“, „Writers Corner“ an der Königsworther Straße ist zum Beispiel so ein Geschäft für „urbane Künstler“. Aber lieber noch klappert er verschiedene unauffälligere Adressen wie Baumärkte ab, „hier und da ein Döschen, damit es nicht auffällt.“

Sein größtes Werk? „Ist immer wieder gut zu sehen aufm Weg durch Hannover“, sagt er. Details? „Im Leben nicht!“ Die Angst vor der Polizei ist dann doch zu groß. Auch wenn er Skizzen malt, versteckt er diese mehr als gut: „Wenn ich mal erwischt werde und die meine Butze durchsuchen, finden die nichts. Nicht mal Handschuhe.“ Zuhause ist die abgenutzte Tragetasche immer leer. „Die füll ich unterwegs...“

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Das sagen Bahn und Üstra

Die Bahn zählt viel für die Behebung von Vandalismus-Schäden - Allein 2016 kostete dies das Unternehmen 34 Millionen Euro. Insgesamt wurden in dem Jahr 27000 Taten gestählt. Dies sei laut einer Bahnsprecherin ein leichter Anstieg, im Vergleich zu 2015, allerdings würde auch mehr kontrolliert und konsequenter angezeigt. Nur für die Entfernung von Graffiti allein musste die Bahn 2016 mehr als 8,6 Millionen ausgeben.

Die Sprayer kamen dabei aus allen sozialen Schichten, mal habe es sich um verhältnismäßig kleine Kritzeleien, öfter um Komplettbeschmierungen ganzer Wagen gehandelt.

Auch die Üstra-Bahnen sind immer ein beliebtes Ziel – im Jahr zahlt das Unternehmen etwa 500 000 Euro für die Entfernung von Graffiti. Laut Sprecher Udo Iwannek sei das seit Jahren ungefähr konstant. Dass Bahnen länger mit Schmierereien herumfahren, käme nicht in Frage. Man wolle den Verursachern gar nicht die Genugtuung geben, dass ihre, „in Anführungszeichen Kunstwerke“, so Iwannek, längerfristig durch die Stadt fahren. Falle ein Werk auf, werde es umgehend entfernt. „Kommt gar nicht in Frage.“

Auch die Bahn hat das Ziel, Graffiti innerhalb von 24 bis 72 Stunden zu entfernen, gerade jene an Schildern und Infotafeln haben Priorität, da sie den Reisekomfort der Kunden negativ beeinflussen könnten. Die Neulackierung eines Triebwagens kostet bis zu 30000 Euro und dauert rund sieben Tage.

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Das sagt die Stadt

 Die Verwaltung reagiert schnell auf Graffiti: „Moralisch oder rechtlich anstößige Graffiti an statischen Gebäuden werden sofort unkenntlich gemacht und entfernt“, sagt Behördensprecher Dennis Dix. Alle anderen verschwinden im Rahmen der Unterhaltungsarbeiten. Bei der Meldung werde die Stadt von Bürgern, aber zum Beispiel auch von Hausmeistern unterstützt.

Den Bunker an der Celler Straße hat die Stadt für Graffiti freigeben. Der Kiosk am Graswege (Südstadt) sei laut Dix oft beschmiert worden – woraufhin er 2014 von Künstlern gestaltet worden ist, „das hat die Beschädigung durch Graffiti deutlich reduziert“.

Die Reinigungsarbeiten zu reduzieren ist im Interesse der Stadt – die Entfernung von Sprayereien kostet pro Jahr etwa 100 000 Euro, so Dix. Die Fallzahlen blieben seit Jahren etwa auf dem gleichen Niveau.

Von Sebastian Scherer

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