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Unter dieser Brücke in Stadtionnähe hausen seit Monaten Menschen. Sie haben kein Waser, kein Strom, keinen Arzt, kein richtiges Dach über dem Kopf. Fotos: Wilde

Unter dieser Brücke in Stadtionnähe hausen seit Monaten Menschen. Sie haben kein Waser, kein Strom, keinen Arzt, kein richtiges Dach über dem Kopf. © Frank Wilde

Reportage

Unter einer Brücke - pure Not mitten in Hannover

Sinti, Roma. Am Tag sieht man in Hannover einige von ihnen, wenn sie in der Innenstadt betteln. Doch wo bleiben sie nachts? Wie leben sie? Die NP machte sich auf die Suche und fand Menschen, die in unvorstellbarer Not leben. Unter einer Brücke - mitten in Hannover.

Hannover. Dicht am Stadion. Die Brücke am Arthur-Menge-Ufer. Die Leine fließt hier. Wenn an den Wochenenden Fußball in der nahen AWD-Arena gespielt wird, treten Zehntausende auf den Beton eines Bauwerks, dass das Nordufer des Maschsees mit dem südlichen Ricklingen verbindet.

Wer hier geht, weiß nicht, dass unter der Brücke Menschen leben. Zigeuner hätte man früher gesagt - damals war das noch kein Schimpfwort. Sechs Männer, eine Frau, ein 16-Jähriger. Hier gibt es keine Medienversion von Armut, hier gibt es jene Art von Armut, die einem mit ihrer vulgären Heftigkeit den Atem nimmt: Schäbigkeit und Schmutz, Dumpfheit, Düsternis, Fäulnis, Erbärmlichkeit. In diesem Hauptquartier des harten Lebens haben seine Bewohner die Hoffnung längst aufgegeben. Das Armutsgespenst hat die Slowaken aufgefressen. Auffälliger ist Abwesenheit von Glück nirgends.

Roman haust hier, Zoltan, Peter, Pawel. Männer mit kräftigen Wangen, derben Nasen. Gesichter, in die ein hartes Leben seine Belastungen eingegraben hat. Männer, die mal mit Zuversicht geglaubt haben, sich am Sehnsuchtsort Deutschland mit den Händen behaupten zu können.

„Ich habe zu Hause eine Frau und neun Kinder, aber keine Arbeit“, sagt Zoltan. In seinen sanften und grüblerischen Augen kann man deutliche Spuren einer umfassenden Müdigkeit und einer grenzenlosen Verschrecktheit erkennen. In seinem Verschlag unter der Brücke liegt eine schäbige Matratze, es gibt einen Gaskocher, viele Plastiktüten und ein paar leere Flaschen. Es ist ein unwirtliches Lager, mehr nicht, ein für jeden Deutschen undenkbarer Notbehelf, ein Nichts, eine Demütigung der menschlichen Existenz. In jeder weiteren Einbuchtung unter der Brücke hat einer von Zoltans Elendskameraden Quartier genommen. Für diese Wirklichkeit gibt es keinen Weichzeichner: Nichts ist gut an diesem Ort am Arthur-Menge-Ufer. Die NP fragt Zoltan, wie viel Geld er hat. Die kupferne Barschaft: acht Cent.

„Zu Hause“, erzählt er mit einem weichen Flehen in der Stimme, „sind wir ärmer. Meine Familie bekommt 60 Euro Unterstützung im Monat. Davon kann keiner leben. Wir sind elf Personen.“ Deshalb: „Das Geld, das ich beim Betteln hier in Hannover bekomme, schicke ich meiner Frau.“ Ein Tag in der hannoverschen Innenstadt ist eine Strategie der Selbstbehauptung. Er bringt ein Zubrot von einigen Euros. Zoltan ist vor umfassendem Elend und von einem Schlachtfeld der Verzweiflung geflohen. Er ist in eines gegangen, das nicht besser für ihn, aber besser für seine Familie ist. Jetzt gibt es zu Hause einen Esser weniger und ein paar in Hannover erbettelte Euros mehr. Wenn man die Männer unter der Brücke fragt, wie es sich in der Fremde ohne Familie lebt, werden ihre olivfarbenen Augen feucht. Auch Roma lieben ihre Kinder und leiden, wenn sie nicht bei ihnen sind.

In der Tageshelligkeit des kläglichen Quartiers kann man erahnen, wie diese Männer, von denen jeder die Abneigung gegen das Fremde täglich zu spüren bekommt, tatsächlich leiden: Das kümmerliche Hab und Gut steht auf der nackten Erde, der derbe Duft des Flusses macht klar, dass dies kein dauerhaftes Heim, dass dies eine vorübergehende Hölle aus Hilflosigkeit ist. Kein Christenmensch mit unbelastetem Gewissen würde einem Hund antun, was den Menschen hier geschieht.

Die Männer sehen das Leben der anderen, aber sie kennen den Weg dahin nicht. Sie sind hilflos, ungebildet, unqualifiziert. Wenn die Hoffnungslosigkeit jemals nach Hannover gekommen ist, dann ist es hier, unter dieser innerstädtischen Brücke, bei diesen bedürftigen Menschen.

Regardo Rose, Vorsitzender des Forums für Sinti und Roma, kommt vorbei. Er weiß, dass es viele solcher Elendsgestalten in Hannover gibt. Rose organisiert etwas zu essen, er nimmt Kontakt mit der Caritas auf, er war im Rathaus.

Er hat Thomas Walter gegenüber gesessen, dem lebensnahen und überhaupt nicht basisfernen Sozialdezernentender Stadt. Rose hat seither eine reservierte Bewunderung für den Mann im Rathaus. Er weiß jetzt, dass Hannover nicht der Planet der Gleichgültigkeit ist. Und Walter weiß, dass es unter dieser Brücke, die keine Autominute von seiner Amtsstube entfernt ist, die Bühne eines Alptraumes gibt. Walter ist nicht zuständig für die abgedimmte Zwischenwelt und für die Unterbringung der Roma. Aber er erkennt die Sprengkraft einer EU-Gesetzgebung, die eine Narrenpassage möglich macht. Armutsflüchtlingenerlaubt sie, sich in Deutschland drei Monate lang als Touristen aufzuhalten und das Privileg der Freizügigkeit zu genießen. „Die sind legal hier“, stellt Walter fest.

Im Rathaus hat man sich nicht eingemauert in der Pose von Recht und Rechthaberei:„Unsere Sozialarbeiter haben Kontakt gesucht, aber gelernt, dass es keinen Bedarf für Hilfsangebote gibt.“ Jetzt gibt es den. „Wir suchen Arbeit!“, sagen alle unter der Brücke auf dem schmutzigen Stück Erde - sie fürchten das Schreckensgespenst des Winters. Ihre auf der Straße gereifte Selbstständigkeit schmilzt vor dem rauen Wissen: „Niemand hat Arbeit für Roma. Niemand.“ Wenn man mit ihnen darüber spricht, wirken sie verletzlich, bedürftig. Es ist November, es wird kalt. Der Frost frisst sich in die Knochen: „Wir bleiben trotzdem!“, sagen sie.

Hilfe für diese Menschen bietet das „Forum für Sinti und Roma e.V.“: Sparkasse Hannover, Konto 910092370, BLZ 250 501 80.


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