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Thomas Raufeisen informiert heute als freier Referent über das DDR-Regime.

Deutsch-deutsche Geschichte

Unfreiwillig in die DDR

Von 1949 bis 1990 war Deutschland geteilt – ein Umstand, den viele in den 1960er Jahren geborene Bürger sowohl im Osten als auch im Westen als „Normalität“ 
hinnahmen. Die Familie Raufeisen aus Hannover hatte eben Verwandte in der DDR – so dachte der Sohn Thomas. Dass aber der Vater ein DDR-Spion war, erfuhr er erst, als dieser mit der unwissenden Familie unter einem Vorwand in den Osten floh. Eine deutsch-deutsche Fluchtgeschichte.

Hannover. Es hätte ein ganz normales Leben sein können. Eine ganz normale Jugend in Hannover-Ahlem. Er hätte vielleicht mit 17 Jahren die erste richtige Freundin gehabt. Mit 18 oder 19 sein Abitur in der Tasche. Vielleicht wäre er zwischen Abi und Studienbeginn durch Europa getrampt, wie so viele damals Ende der 1970, Anfang der 1980er Jahre. Aber Thomas Raufeisen aus Hannover wurde im Alter von 16 Jahren unfreiwilliger DDR-Bürger. Mit 19 Jahren wurde er wegen versuchter Republikflucht verhaftet und für drei Jahre ins Gefängnis gesteckt. „Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei“ – so der Titel seines Buches, mit diesem 22. Januar 1979 begann das ganze Elend. Einer Flucht aus der Bundesrepublik in die Deutsche Demokratische Republik, einer Flucht, die Thomas Raufeisen seine Jugend nahm, seinen Vater letztlich das Leben kostete, seiner Mutter sieben Jahre ihres Lebens und die seine Familie auseinanderriss. Bis heute sind nicht alle Wunden geschlossen.

Armin Raufeisen war Geophysiker bei der Preussag in Hannover. Was aber auch die Familie nicht wusste: er war auch Spion der DDR. Oder wie er es am 23. Januar 1979 seinen Söhnen Michael (18) und Thomas (16) erklärte: „Ich habe als Kundschafter des Friedens gearbeitet.“ Da war die Familie bereits auf DDR-Gebiet, angeblich sollte es zum sterbenskranken Opa nach Usedom gehen. Und während der Vater den völlig konsternierten Jungen versuchte zu erklären, warum diese Flucht notwendig geworden war („Ich musste ganz schnell von Hannover weg. Ich war in Gefahr, dort verhaftet zu werden. Ich habe dort für die DDR gearbeitet.“), stellt Stasi-Mann „Willi“ klar, was jetzt Sache ist. „Ihr habt euch damit abzufinden, Hannover niemals mehr wiederzusehen. Hannover könnt ihr höchstens wiedersehen, wenn es sozialistisch geworden ist.“

„Je länger die Geschichte her ist, umso kritischer sehe ich die Rolle meines Vaters. Er hat uns verraten“, schreibt Raufeisen in seinem Buch. Im Gespräch mit der NP sagt er: „Natürlich konnte er als Spion nicht einfach aussteigen, aber spätestens in den 70er Jahren hätte er einen Notfallplan haben müssen. Immerhin hatte er Familie.“ Das Mindeste wäre gewesen, so Raufeisen, „dass er uns vor der Flucht in Hannover über alles aufklärt“.

Achim Raufeisen tat es nicht. Er wollte nicht, dass die Familie zerbricht. Genau dies geschah. „In Hannover war unser Vater der Macher. Doch nun konnte er nicht mit Entgegenkommen und Zuneigung von uns rechnen. Wir waren unsagbar enttäuscht darüber, dass er uns so verraten hatte.“ Thomas Raufeisen hat heute auch Kinder, eine zwölfjährige Tochter und einen achtjährigen Sohn. Für ihn nicht vorstellbar, seine Kinder in eine solche Lage zu bringen.
Die menschliche Enttäuschung ist das eine. Das andere das praktische Leben in der DDR. Raufeisen schreibt: „Ich war 16, voll in der Pubertät, interessierte mich für Mädchen, für Autos, für Musik, für Abba, Boney M, Supermax, Sweet, Slade und die Sparks. Mein Bruder war schon etwas weiter: Er hatte eine Freundin und ein Yamaha-Moped und hörte schwerere Musik – Pink Floyd, Genesis und Supertramp. Die DDR als politisches Gebilde spielte für uns Jungen keine Rolle.“ Michael Raufeisen ist volljährig und weigert sich, den Antrag auf Einbürgerung zu unterschreiben. Nach ein paar Monaten, in denen sich der 18-Jährige als hartnäckiger Wessi erweist, schmeißt ihn die DDR raus. Er darf zurück nach Hannover. Für den minderjährigen Thomas unterschreiben die Eltern den Antrag – was sich im Nachhinein selbst für DDR-Recht als falsch herausstellt. Ab 14 Jahre hätte auch er eigentlich die Wahl haben müssen.

Immerhin erhalten die Raufeisens eine für DDR-Verhältnisse anständige Wohnung in Berlin im 11. Stock eines Luxus-Plattenbaus in der Leipziger Straße. Zwischen ihrem Balkon und Kreuzberg in Westberlin steht die Berliner Mauer. Unüberwindlich für den 16-Jährigen. Der soll die Schule besuchen, wo „alle Schüler offensichtlich mit zwei Zungen“ sprechen können, um die Meinungen zu vertreten, die die Lehrer sich wünschen. Und er soll in die FDJ eintreten, weigert sich tapfer und auch verzweifelt. Nach Schulabschluss wird der Widerspenstige in einem Kfz-Betrieb als Lehrling untergebracht.

Vater Achim fängt schnell an, an seinem Arbeiter- und Bauernstaat zu zweifeln. Die Familie schmiedet Fluchtpläne, während eines Urlaubs in Ungarn wendet sich Vater Raufeisen, immerhin ein Spion, im März 1980 an die deutsche Botschaft. Die Raufeisens werden hinauskomplimentiert. „Es war die Zeit der deutsch-deutschen Entspannungspolitik, da wollte man sich mit einer solchen Familie offensichtlich nicht belasten“, sagt Thomas Raufeisen bitter. Auch die Österreicher und Amerikaner helfen nicht – „wenigstens die Familie hätte man rausholen können, aber wir fielen quasi unter Sippenhaft“.

Die Familie stellt Ausreiseanträge – erfolglos. Dann reicht es den DDR-Oberen, sie machen Achim, Charlotte und Thomas Raufeisen wegen Agententätigkeit und versuchter Republikflucht den Prozess. Der Vater bekommt lebenslänglich, die Mutter sieben, Thomas drei Jahre Haft im Stasi-Sondergefängnis Bautzen II. Der junge Mann hofft die ganzen Jahre auf die Bundesrepublik. DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der Unterhändler beim Häftlingsfreikauf, erklärt ihm später, dass er auch auf einer Liste stand – und von BRD-Unterhändlern wieder gestrichen wurde. „Ich hatte nichts getan, mein Vater war der Spion, nicht ich. Mir und meiner Mutter hätte man helfen können, wollte aber nicht.“ Petra Rückerl

Der Spion

Armin Raufeisen arbeitete in der DDR als Geophysiker bei der Wismut im Uranbergbau. 1957 verpflichtete er sich als überzeugter Kommunist zur Arbeit für den DDR-Auslandsgeheimdienst. Er wurde zur Wirtschaftsspionage in den Westen nach Hannover bei der Preussag geschleust. Am 18. Januar 1979 lief der Stasi- Oberleutnant Werner Stiller, der 32 Wirtschaftsspione der DDR in westdeutschen Hochtechnologieunternehmen führte, in den Westen über. Damit stand auch Achim Raufeisen vor der Enttarnung.

Nach seiner Flucht in die DDR ernüchterte Raufeisen schnell – und wollte mit seiner Familie in den Westen. Dazu nahm er auch Kontakt mit der deutschen Botschaft in Ungarn, mit westdeutschen Journalisten und CIA-Mitarbeitern auf. Die Familie stand auf Freikauflisten der BRD, wurden aber – vermutlich aus Gründen der Staatsräson – wieder gestrichen. Zwischen 1964 und 1989 kaufte die Bundesrepublik insgesamt 33 755 politische Häftlinge aus der DDR frei. Auch wurden 250 000 Menschen freigekauft, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten.

Das bittere Ende einer deutschen Tragödie

Thomas Raufeisen wird im September 1984 aus der Haft entlassen und darf kurze Zeit später nach Hannover zurück. Achim Raufeisen verstirbt am 12. Oktober 1987 unter bis heute nicht geklärten Umständen im Gefängnis. Charlotte Raufeisen wird 1988 – kurz vor der Wende – nach voller Verbüßung der Haft aus Bautzen entlassen, darf ein halbes Jahr später zu ihren Söhnen nach Hannover ausreisen, wo sie bis heute lebt.

Thomas Raufeisen studiert in Hannover, arbeitet später in Vermessungsbüros in Berlin, heiratet und wird Vater von zwei Kindern.

Heute arbeitet er als freiberuflicher Referent, erklärt Schülern und Studenten, politisch interessierten Bürgern, wie es wirklich war damals. Und er führt Besucher durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen – wo er in Untersuchungshaft saß. rue


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