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Meine Stadt Tod in JVA Sehnde: Ungewissheit zermürbt Angehörige
Hannover Meine Stadt Tod in JVA Sehnde: Ungewissheit zermürbt Angehörige
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00:25 20.03.2015
AM GRAB DES VATERS: Sebastian V. will die Wahrheit über die Todesumstände von Harry V. im Gefängnis in Sehnde wissen. Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Es ist die Ungewissheit, die quält. Auch mehr als zwei Monate nach dem Tod von Harry V. in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Sehnde wissen sein Sohn Sebastian (33) und Bruder Klaus (59, Namen von der Redaktion geändert) nicht, ob der 54-Jährige noch leben könnte. Seit gestern steht fest, dass V. im Gefängnis einen „frischen Herzhinterwandinfarkt hatte“, so Christian Gottfriedsen, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hildesheim. Am Morgen des 14. Januar 2015 war der Häftling tot seiner Zelle gefunden worden. (NP berichtete). Er soll am Abend zuvor über Schmerzen in der Brust geklagt haben. Dennoch war er über Nacht in seinem Haftraum eingeschlossen. Allein. Ein Notarzt wurde nach NP-Informationen von Bediensteten des Gefängnisses für V. nicht gerufen.

Die Staatsanwaltschaft Hildesheim führt in dem Fall das Todesermittlungsverfahren. Dazu gehörte auch die Obduktion der Leiche. Nach dem Ergebnis „frischer Herzhinterwandinfarkt“ konzentrieren sich die Überprüfungen nun darauf, ob jemandem wegen des Todes von V. ein strafrechtlicher Vorwurf gemacht werden kann. Gottfriedsen: „Die Prüfung ist noch nicht abgeschlossen.“

Die Ungewissheit, ob der 54-Jährige überlebt hätte, wenn er ärztlich versorgt worden wäre, zermürbt die Angehörigen. „Man fragt sich immer, ob sein Tod vermeidbar gewesen ist“, so sein Sohn. Er und sein Onkel haben sich mit der Bitte um Aufklärung an das Niedersächsische Justizministerium gewandt. Eine Antwort haben sie bislang nicht erhalten. Von Kripobeamten, die die Todesnachricht überbrachten, weiß Klaus V., dass der 54-Jährige sich am Abend vor seinem Tod „bemerkbar gemacht“ habe und „ein Sani bei ihm gewesen“ sei. Offenbar ein Vollzugsbeamter mit Rettungssanitäterausbildung - laut Ministerium gibt es davon zwölf in Sehnde. Mitgefangene wollen gehört haben, das V. „eine Schmerztablette“ bekommen habe. „Aber warum wurde kein Rettungswagen gerufen. Oder ein Notarzt?“, fragt sich Sohn Sebastian. Bei „Schmerzen in der Brust“ müsse man hellhörig werden. Der Verdacht, dass etwas mit dem Herzen nicht in Ordnung sein könnte, liegt auf der Hand. „Mein Vater war niemand, der rumgejammert hat. Wenn er sagt, er hat Schmerzen in der Brust, dann hatte er Schmerzen in der Brust“, versichert der 33-Jährige.

V. war in der Vergangenheit immer mal wieder inhaftiert. Zusammengezählt hat er etwa 15 Jahre seines Lebens gesessen. Das Problem des 54-Jährigen war der Alkohol. Von dem ist er nie losgekommen. Seine Straftaten hat er stets im Suff begangen

Im Dezember 2014 war V. wieder eingefahren. Zunächst in die JVA in Burgdorf. Dann kam er nach Sehnde. Seine Reststrafe betrug nur noch sechs Monate. Er hatte Pläne für die Zeit nach der Haft, wollte in die Suchthilfe-Einrichtung Synanon Berlin gehen - in der Hoffnung, dort endlich abstinent zu werden. Als er vom Tod seines Vaters erfuhr, schoss seinem Sohn ein Gedanke in den Kopf: „Nun ist er auch noch im Knast gestorben.“

Der 54-Jährige ist inzwischen eingeäschert. Und seit dem 24. Februar bestattet. Seine letzte Ruhe hat er auf dem Friedhof in Lahe gefunden. Ein gleiches Schicksal wie seinem Vater soll anderen Gefangenen in der JVA Sehnde nicht widerfahren: „Deshalb will ich, dass sein Tod aufgeklärt wird“, so Sebastian V.

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