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NP Interview

Tätowierungen: Von Drachen und Dramen

Sie sind Kunstwerke, Liebesbeweise und manchmal Jugendsünden: Immer mehr Menschen haben Tattoos, keine Spur mehr von der Anrüchigkeit vergangener Zeiten. Rund neun Millionen Menschen in Deutschland ließen sich bereits stechen, bei den 16- bis 29-Jährigen läuft laut Studie sogar schon jeder Vierte mit einem Tattoo rum. Warum eigentlich? Ein Besuch bei Andrea Heinz, Tätowiererin in der List.

Hannover. Das „Eternal Delight“ an der Podbi 245 ist ein unauffälliger Laden. Andrea Heinz (50) empfängt im Behandlungsraum, der an ein Zahnarztzimmer erinnert - tatsächlich stammt die Lampe auch aus einer Praxis. Sie tätowiert gerade Stammkundin Sandra (45) und bietet sofort das Du an.

Andrea, fast jeder sechste Deutsche hat ein Tattoo. Wie erklärst du dir das?

Stimmt, als ich 1999 angefangen habe, gab es gerade mal fünf Studios in der ganzen Stadt. Tattoos sind gesellschaftsfähig geworden. Ich glaube auch, dass heute jeder irgendwie individuell sein möchte.

Wie ausgebucht bist du?

Größere Arbeiten kann ich erst 2017 wieder annehmen.

Was hast du für Kunden?

Ganz normale, eher unauffällige Menschen wie du und ich. Und: Wir tätowieren erst ab 18 Jahren, obwohl man schon ab 16 dürfte.

Warum?

Weil ich denke, dass sich junge Menschen schnell wieder umentscheiden. Was man heute gut findet, wird oft Jahre später für nicht mehr ganz so schön empfunden. Momentan ist es ja total in, dass sehr junge Frauen sich das Dekolleté tätowieren lassen - ich glaube, das bereuen einige dieser jungen Frauen in zehn Jahren.

Welche Motive sind gefragt?

Frauen mögen Mandalas, auch Trash-Tattoos sind derzeit ge-fragt: Bilder, die zulaufen, leicht abstrakt sind. Uhren finde ich geil. Ganz grundsätzlich werden die Motive realistischer.

Nie wieder Tribals oder chinesische Schriftzeichen?

Tribals sind ein Ding der 90er, gibt es heute aber auch noch. Chinesische Schriftzeichen werden von normaler Schrift abgelöst. Die Namen der Kinder werden gern genommen. Partnernamen Gott sei Dank seltener.

Was ist mit den Haustieren?

Ja, auch das gibt es. Eine Kundin kommt immer, wenn eines ihrer Pferde gestorben ist, und lässt sich den Namen stechen. Man kann auch Pfoten einscannen und tätowieren lassen.

Gibt es denn Motive, die du nicht machst?

Ich tätowiere nur Kunden, die ich auch verstehe. Wenn ich das nicht tue, lehne ich den Auftrag ab.

Was ist, wenn jemand ein Nazisymbol haben möchte?

Ich hatte mal einen, der wollte „88“ (Nazi-Code für ,Heil Hitler‘, die Red.) tätowiert bekommen. Habe ich abgelehnt.

Tätowierst du auch im Gesicht?

Kommt auf den Typen an. Bei dir würde ich sagen: nein. Ich habe einen Kunden, der ist schon komplett dicht mit Tattoos, da würd ich es machen. Der steht dahinter. Es muss passen.

Will noch jemand ein „Arschgeweih“ haben?

Dieser Ausdruck nervt mich total. Das heißt Steißbeinmotiv, bei einer schönen Figur kann das sehr gut aussehen. Ist heute aber superselten. Jedes Jahrzehnt hat seinen Renner. Wieso wollen jetzt alle Drachen haben? Häufig sind es Fußballer oder Popstars, die einen Trend setzen.

Schon mal verschrieben?

Ja. Ein Kindername. Es gab zwei Schreibweisen. Die Frau hat es erst selber nicht gemerkt. Nach fünf Wochen kam sie an. Der Patenonkel des Kindes hatte sie auf den Fehler aufmerksam gemacht. Seitdem lasse ich Schriftzüge von den Kunden direkt vor dem Termin noch mal kontrollieren und unterschreiben. Bei römischen Zahlen lasse ich sogar zweimal unterschreiben, denn da unterlaufen viele Fehler. In einem anderen Fall hat sich jemand das Sterbedatum seiner Oma stechen lassen. Seine Mutter wies ihn dann darauf hin, dass sie an einem anderen Tag gestorben ist. Das konnte ich aber korrigieren.

Wie oft bereuen Kunden?

Bei uns gar nicht. Heutzutage machen sich die meisten Menschen Gedanken, bevor sie sich stechen lassen. Das war früher anders. Typisch sind die Fälle, die tätowiert sein wollen, aber Angst vor Reue haben. Da geraten die Motive häufig zu klein und sind nicht mehr erkennbar. Eine filigrane große Schrift ist zum Beispiel deutlich schöner als kleine Buchstaben-Klumpen.

Tut das Stechen weh?

Jeder empfindet das anders. Mit meiner Technik bluten die Kunden nicht. So schaffe ich es sogar, Narben zu glätten. Ich habe immer wieder Kunden, die sich früher geritzt, selbst verletzt haben. Heute leiden sie unter den Narben. Man kann ihnen helfen.

Wirst du in diesen Momenten zum Psychotherapeuten?

Glaub mir eines, du bist hier alles. Ich habe eine Kundin, die hat ihr fünfjähriges Kind nur fünf Wochen nach der Diagnose verloren. Der klassische Fall ist aber: Mitte vierzig, Trennung, und das verarbeiten sie mit einem Tattoo. Sie tragen ihr eigenes Schicksal auf der Haut. Es gibt aber auch schöne Sachen - ab und zu verschiebt jemand seinen Termin wegen einer Schwangerschaft, da freut man sich. Und durch die Arbeit hier habe ich zwei gute Freundinnen gewonnen.

Eine Frau als Tätowiererin - ist das eigentlich ungewöhnlich?

Heute nicht mehr. Aber als ich eröffnet habe, war ich die einzige in Hannover. Ich finde, dass Frauen ein sehr gutes Gespür für diese Arbeit haben.


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