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Meine Stadt TK-Landeschefin: „Es wird teurer“
Hannover Meine Stadt TK-Landeschefin: „Es wird teurer“
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00:18 08.03.2018
pragmatisch: Inken Holldorf, Leiterin der TK-Landesvertretung Niedersachsen, will Kliniken und Fachärzte besser miteinander vernetzen.  Quelle: Foto: Behrens
HANNOVER

 Inken Holldorf, die Leiterin der TK-Landesvertretung Niedersachsen, sprach mit der NP über die gesundheitspolitischen Ziele der Großen Koalition und die Zukunft kleiner Stadtkrankenhäuser. Die TK hat in Niedersachsen rund 927 000 Versicherte.

Die SPD wollte gern eine Bürgerversicherung einführen, ist aber zunächst damit gescheitert. Was halten Sie von der Idee?

Wir können uns schon vorstellen, dass perspektivisch ein einheitlicher Versicherungsmarkt sinnvoll ist und es dann keine Trennung mehr zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung gibt. Auf diesem wettbewerbsorientierten Markt müssten natürlich für alle Akteure einheitliche Regeln und Kriterien gelten.

Braucht das Land überhaupt private Krankenversicherungen?

Es spricht nichts dafür, die private Krankenversicherung komplett abzuschaffen. Auch künftig sollte es die Möglichkeit für private Zusatzversicherungen geben. In diesem Bereich sind private Krankenversicherungen ja jetzt schon unterwegs, da gibt es interessante Kooperationen zwischen GKV und PKV. Ob die privaten Kassen in ihrer jetzigen Form perspektivisch überlebensfähig sind, bezweifele ich.

Die Große Koalition will mittelfristig die Arzthonorare für gesetzlich und privat Versicherte angleichen. Damit soll ein Ende der Zwei-Klassen-Medizin eingeleitet werden. Macht das Sinn?

Mit dieser Maßnahme soll erreicht werden, dass privat und gesetzlich Versicherte beim Arzt gleich behandelt werden. Faktisch ist es allerdings nicht so, dass gesetzlich Versicherte medizinisch qualitativ schlechter behandelt werden. Es geht daher im Kern um die Unterschiede bei den Wartezeiten. Eine Angleichung der Arzthonorare im bestehenden Versicherungsmarkt würde die Versicherten der GKV finanziell einseitig belasten, wohingegen die PKV günstigere Prämien anbieten könnte. Das halten wir nicht für richtig.

Unter anderem wurde bei den Koalitionsgesprächen ein Sofortprogramm für die Pflege vereinbart. So sollen Kassen verpflichtet werden, steigende Lohnkosten beim Pflegepersonal durch Tarifvereinbarungen voll zu zahlen. Das macht es für Kassen nicht billiger.

Es wird teurer, das ist unausweichlich. Aber es steht außer Frage, dass es im Bereich Pflege großen Handlungsbedarf gibt. Die Attraktivität des Pflegeberufs muss gesteigert werden – so brauchen wir neben einer höheren Vergütung beispielsweise auch attraktive Rückkehrangebote und eine altersgerechte Arbeitsorganisation. Es sind viele Akteure gefragt, um die Rahmenbedingungen insgesamt zu verbessern. Das ist nicht allein eine Frage des Geldes.

Auch Deutschlands Krankenhaus steht unter massivem Kostendruck. Wie kann man denn gleichzeitig billiger und besser werden?

Die Diskussion in Deutschland ist völlig richtig: Wie schaffen wir es, dass wir auch weiterhin eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung gewährleisten, die auch bezahlbar ist. Speziell in Niedersachsen haben wir eine Vielzahl von Krankenhäusern mit einer relativ geringen Bettenzahl. Wenn diese Häuser alles an Technik vorhalten, was für eine Vollversorgungsklinik notwendig ist, ist das anspruchsvoll, aufwendig und teuer. Wir halten es für erforderlich, dass diese Häuser stärker überlegen, wie sie sich spezialisieren können und wo Kooperationen mit anderen Kliniken sinnvoll sind. Nicht jeder muss jede Leistung erbringen. Überall dort, wo eine hochspezialisierte Behandlung stattfindet, spricht sich die TK klar für eine Zentralisierung aus, die aus unserer Sicht Behandlungsqualität für den Patienten verbessert. In einem Flächenland wie Niedersachsen kann man hochkomplexe Versorgungssysteme nicht an jeder Ecke vorhalten.

Haben denn kleinere Stadtkrankenhäuser auch künftig noch eine Überlebenschance?

Wir brauchen ohne Zweifel für die Grundversorgung in der Fläche gut erreichbare Krankenhäuser. Das wird auch weiterhin der Fall sein. Inwieweit aber alle Kliniken dem gleichzeitigen Druck von Profitabilität und Behandlungsqualität standhalten werden, kann man schlecht prognostizieren. Vermutlich wird es aber auch Schließungen geben.

Wie lassen sich niedergelassene Fachärzte in dieses System integrieren?

Wir halten eine bessere Vernetzung von stationärer und ambulanter Versorgung für unabdingbar, sowohl mit Fach- als auch mit Hausärzten. Hier kann Digitalisierung eine wichtige Unterstützung, gerade für den ländlichen Raum, bieten. Zudem halten wir es für sinnvoll, bestimmte Operationen von den Kliniken auf niedergelassene Fachärzte zu verlegen. Mit mehr ambulanten OPs kann man das dichte Netz von Fachärzten besser nutzen und Kliniken entlasten. Uns schweben integrierte Versorgungszentren vor, in denen bestimmte ambulante und stationäre Leistungen zusammengeführt werden. Bisher sind die Bereiche strikt getrennt.

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat den Zusatzbeitrag für 2018 um 0,1 Prozentpunkte auf 0,9 Punkte gesenkt – wie war das möglich?

Die Wirtschafts- und Arbeitsmarktsituation ist aktuell sehr erfreulich, wir haben dementsprechend steigende Einnahmen verzeichnet. Deswegen konnten wir den Zusatzbeitrag um 0,1 Prozentpunkte absenken. Damit haben wir den gleichen Schritt vollzogen wie der Schätzerkreis, der in seiner Empfehlung für die Gesetzliche Krankenversicherung von 1,1 auf 1,0 heruntergegangen ist. Wir liegen mit unseren 0,9 Prozent Zusatzbeitrag unter dem Bundesschnitt.

Von Inken Hägermann

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