Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Cannabis: Suchtexperte warnt vor Legalisierung
Hannover Meine Stadt Cannabis: Suchtexperte warnt vor Legalisierung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:15 24.09.2018
Mit Erfahrung: Christoph Möller leitet die Therapieeinrichtung Teen Spirit Island. Quelle: von Ditfurth
Hannover

Soll Cannabis legalisiert werden? Das Thema schwelt in Deutschland schon lange. Viele sind dafür, viele dagegen. Und der Bundestag scheint eine Entscheidung vor sich herzuschieben. Christoph Möller, Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kinderkrankenhaus Auf der Bult und ehemaliger Leiter der Suchthilfeeinrichtung „Teen Spirit Island“, warnt vor einer Legalisierung.

„Zahlen aus anderen Ländern, etwa Colorado in den USA, belegen, dass durch die Legalisierung von Cannabis der Konsum deutlich zunimmt. Ebenso steigt die Kriminalitätsrate, Autounfälle nehmen zu, genauso die Zahl der Klinikeinweisungen wegen Cannabisvergiftung, selbst bei Kleinkindern“, schildert der Bult-Mediziner. In den vergangenen zehn Jahren hat der Cannabiskonsum von Kindern und Jugendlichen in Niedersachsen rasant zugenommen. Die Zahl der ermittelten Verstöße Minderjähriger mit Cannabis hat sich dabei verdoppelt, gab das Landeskriminalamt erst vor wenigen Wochen bekannt. Und auch immer mehr Mädchen greifen zum Joint.

Droge wird verharmlost

Möller teilt die Meinung von LKA-Präsident Friedo de Vries, dass einer der Hauptgründe für den rasanten Anstieg des Konsums in der schwelenden Legalisierungsdebatte begründet liegt. „Permanent wird diese Droge verharmlost, so getan, als wäre Cannabis nicht schädlich. Das ist verantwortungslos“, appelliert der Bult-Arzt. Jugendliche, die kiffen, haben ein sechsfach höheres Risiko später härtere Drogen zu konsumieren. Je jünger sie beim Erstkonsum sind, desto höher ist das Abhängigkeitsrisiko. Möller besorgt: „Die Kiffer werden seit Jahren immer jünger.“ Zudem habe sich der Wirkstoff THC in den letzten Jahren deutlich erhöht, warnt der LKA-Präsident: „Allein vor diesem Hintergrund darf Cannabis nicht weiter verharmlost werden.“ Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), ist gegen eine Freigabe von Cannabis. „Wegen keiner anderen illegalen Droge müssen heute so viele Menschen behandelt werden wie wegen Cannabis.“ Eine Legalisierung wäre das „falsche Signal“.

Die Politik

Ende Juni gab es im Bundestag eine öffentliche Anhörung zur Cannabis-Legalisierung. Viele neue Erkenntnisse gab es dabei nicht, die Argumente von Befürwortern und Kritikern wiederholen sich seit Jahren. Beide Seiten sind überzeugt, dass ihre jeweilige Marschrichtung zum Gesundheits- und Jugendschutz beiträgt. FDP, Linke und Grüne sind für eine Cannabis-Legalisierung – jedoch in unterschiedlichem Ausmaß. Auch die SPD ist tendenziell dafür – allerdings nur, solange die Abgabe von Cannabis staatlich kontrolliert würde. CDU, CSU und AfD sind weiterhin strikt gegen eine Legalisierung.

Während die Freien Demokraten lediglich vereinzelte Modellprojekte zur kontrollierten Abgabe fordern, wollen die Linken den Besitz von bis zu 15 Gramm Cannabis grundsätzlich straffrei gestalten. Die Grünen haben ein umfassendes Cannabiskontrollgesetz entworfen, welches die komplette Marihuana-Handelskette bis zum Konsum regeln soll.

Die drei Anträge sollen demnächst in die Abstimmung gehen. Alle drei Fraktionen sind überzeugt, dass der Schwarzmarkt im Falle einer kontrollierten Abgabe zurückgedrängt werde. Die Legalisierungsgegner prognostizieren genau den gegenteiligen Effekt. So befürchtet die Bundesärztekammer, dass sich im Falle einer Legalisierung die Dealer vermehrt an Kinder wenden würden. Vor allem sozial benachteiligte Kinder seien dann gefährdet.

Als Kinder- und Jugendpsychiater blicke Mediziner Möller vor allem auf die negativen Folgen, die Cannabiskonsum in der Entwicklung anrichte: „Kiffen verändert die Hinstrukturen. Es kann zu bleibenden Gehirnschäden kommen: Schizophrenie oder Depressionen begünstigen, das amotivationale Syndrom, also eine schwere Form der Antriebslosigkeit, auslösen. Cannabis ist kein lustiges Lifestyleprodukt. Wer regelmäßig kifft, der wird irgendwann zur Belastung für die gesamte Gesellschaft.“

Höhere Steuern, konsequentes Werbeverbot

Zudem gebe es mit Alkohol und Zigaretten bereits zwei legale Suchtstoffe, die nicht ungefährlich sind und täglich Menschen töten, so Möller: „Wir sollten uns fragen, ob wir tatsächlich noch eine weitere Droge legalisieren wollen.“ Statt Cannabis zu legalisieren, fordert der Chefarzt vielmehr einen kritischeren Umgang mit diesen legalen Drogen: „Höhere Steuern, ein konsequentes Werbeverbot, Alkoholverbot für unter 18-Jährige und die Einführung der Null-Promille-Grenze. Das ist sehr radikal und wird bei vielen auf Widerstand treffen. Aber die Folgen von Drogenmissbrauch sind verheerend. Damit es nicht so weit kommt, muss das Problem an der Wurzel gepackt werden.“ Auch Jürgen Naundorff von der Suchthilfe „Blaues Kreuz“ plädiert für eine höhere Alkoholsteuer: „Zwar nimmt die Bundesrepublik jährlich mehr als drei Milliarden Euro an Alkoholsteuer ein. Demgegenüber summieren sich aber die direkten und indirekten Folgekosten des Alkoholkonsums auf etwa 40 Milliarden Euro.“

Von Britta Lüers

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bis 2008 lehrte und forschte er an der MHH, auch im Ruhestand hörte er nicht auf, über die menschliche Psyche nachzudenken. Nun ist Professor Hinderk Emrich gestorben.

24.09.2018

Wird das Steintor immer gefährlicher? Mittlerweile bieten Dealer offenbar sogar Waffen zum Kauf an – die Polizei ist überrascht.

24.09.2018

Wer Natur bewusst empfindet, kann Stress abbauen, den Blutdruck senken, die Konzentration fördern. Natur-Coach Ines Wegener (42) erklärt, wie man das grüne Glück finden kann.

27.09.2018