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Meine Stadt Steintor: Organisatoren wollen „Vertrauen aufbauen“
Hannover Meine Stadt Steintor: Organisatoren wollen „Vertrauen aufbauen“
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18:34 11.09.2018
Viel Erfahrung: Klaus Overmeyer (50) hat mit seinem Büro Urban Catalyst schon bundesweit große Bürgerbeteiligungen organisiert und berät Kommunen auch bei strategischer Stadtentwicklung. Quelle: Behrens
Hannover

Klaus Overmeyer (50) organisiert mit seinem Berliner Planungsbüro Urban Catalyst die Bürgerbeteiligung zum Steintorplatz, zu der nun eine große Aktionswoche ansteht. Die NP sprach mit dem gelernten Landschaftsarchitekten über die Herausforderungen des Projektes.

Am Mittwoch geht die Bürgerbeteiligung auf dem Steintorplatz in die entscheidende Phase, die große Aktionswoche beginnt. Was erwartet die Hannoveraner?

Was wir machen werden, ist nicht gerade ein geläufiges Format. Oft finden solche Bürgerbeteiligungen ja in geschlossenen Räumen statt. Interessierte werden eingeladen, um ein öffentliches Thema zu diskutieren. In diesem Falle gehen wir direkt auf den Platz. Unser Ziel ist, unterschiedliche Haltungen über den Platz sichtbar zu machen, zur Diskussion zu stellen sowie konkrete Zukunftsideen vor Ort Eins zu Eins zu testen.

Oft trifft man bei Bürgerbeteiligungen immer wieder die gleichen interessierten Menschen. Wie wollen Sie es schaffen, viel breitere Schichten einzubinden?

Unser Vorteil gegenüber üblichen Beteiligungen ist, dass die Bürger nicht nur für zwei Stunden in eine Veranstaltung kommen müssen. Wir sind fünf Tage lang die ganze Zeit auf dem Platz. Es wird vielschichtige Angebote geben, auch ganz niedrigschwellige. Auch im Vorbeigehen kann man seine Meinung abgeben. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich zu informieren, aber auch intensiv mitzumachen. Wir haben junge Leute, die Ideen direkt grafisch umsetzen können. Wir machen einen Mittagstisch, an dem die Bürger miteinander ins Gespräch kommen werden. Und ganz Aktive können sogar mit einfachen Mitteln Objekte bauen und ihre Wirkung direkt auf dem Platz ausprobieren.

Sie haben mittlerweile schon viele Gespräche zum Steintorplatz führen und Eindrücke sammeln können. Was glauben Sie: Warum ist der Konflikt um die Bebauung des Platz damals so eskaliert?

Am Steintor kommen viele Brüche zusammen – sowohl in räumlicher als auch sozialer Hinsicht. Der Platz ist nicht gefasst, eine starke Bewegungsachse geht darüber hinweg, man kann sich eigentlich nirgendwo hinsetzen und viele Menschen fühlen sich unsicher. Aus rein fachlicher Perspektive ist es nachvollziehbar, durch eine städtebauliche Neuordnung dem Ort einen besseren Halt zu geben und auch die Beziehung zwischen Goseriedeplatz und dem Steintor räumlich zu klären. Aber ein rein stadträumlicher Ansatz reicht nicht aus. Das haben die Diskussionen der Vergangenheit gezeigt . Es gibt weitere Perspektiven auf den Platz. Das Steintor hat für viele Menschen eine immense Bedeutung als einer der wenigen offenen Orte in der Innenstadt. Der Platz ist Treffpunkt, Veranstaltungsort, das Stadtklima spielt eine Rolle – und es gibt auch eine Sehnsucht nach städtischer Weite. Das wurde wohl unterschätzt.

Kann die Bürgerbeteiligung die Gräben überbrücken, die entstanden sind?

Einen Neustart zum jetzigen Zeitpunkt halte ich für den richtigen Weg. Wichtig ist, Vertrauen sowohl für eine gemeinsam getragene Vision von der Zukunft des Ortes als auch für deren verbindliche Umsetzung aufzubauen. Das Ergebnis der Beteiligung muss die Leitplanke für die weitere Entwicklung sein.

Gesucht wird eine DNA für den Steintorplatz. Wie stellen Sie sicher, dass darin auch wirklich das auftaucht, was sich die Bürger wünschen? Wie bilden Sie die sicher vielen Ideen ab, die in der Aktionswoche gesammelt werden? Wie soll das gewichtet werden?

Diese Frage ist berechtigt. Gerade zu Beginn eines solchen Prozesses gibt es zahlreiche Ideen und nicht jeder Einfall wird umgesetzt werden können. Uns geht es darum, im weiteren Verlauf der Beteiligung schrittweise Meinungsbilder und Gewissheiten herauszuarbeiten. Schon zeichnen sich erste gemeinsame Nenner ab: Die meisten Leute plädieren dafür, dass der Platz unbebaut bleibt, dass in Zukunft ein anderer Belag notwendig sein wird, um den Ort multifunktionaler nutzen zu können, oder dass es ein Konzept für die Nutzung und Veranstaltung geben muss. Ich bin aber überzeugt: Am Ende werden wir sehr konkrete Ableitungen für die künftige Gestaltung und Entwicklung des Platzes haben.

Auf Basis der DNA sollen dann die Profis ran, es wird einen Architektenwettbewerb geben. Wie gelingt es, auch an diesem Punkt sicherzustellen, dass die Bürgerwünsche nicht verloren gehen?

Aus meiner Perspektive ist es wichtig, dass der Prozess transparent ist und der Dialog fortgesetzt wird. Eine Planungs-Blackbox, aus der am Ende ein fertiges Ergebnis kommt, sollte vermieden werden. Vielmehr gilt es, in die weitere Planung öffentliche Dialogformate einzubauen, damit das Entstehen des endgültigen Entwurfes transparent und nachvollziehbar wird. Wo stehen wir? Welche Schlüsse haben wir gezogen? Das müssen die Landschaftsarchitekten erklären.

Das Programm für die Aktionswoche

Am Mittwoch (12. September) beginnt die entscheidende Phase der Steintor-Bürgerbeteiligung. Die große Aktionswoche läuft bis Sonntag, 16. September. Jeweils am Morgen hat von Mittwoch bis Freitag auf dem Platz die Jugend das Sagen. Von 11 bis 13 Uhr gibt es Workshops zur Zukunft des Steintors, mit Kindern, Jugendlichen sowie Studierenden der Leibniz-Universität.

Ein Kernelement der Bürgerbeteiligung wird an allen Tagen der offene Mittagstisch sein, der immer um 13 Uhr beginnt. Dort soll in lockerer Atmosphäre über die Zukunft des Steintors diskutiert werden.

Die Aktionsbörse läuft von Mittwoch bis Freitag (ab 14 Uhr). Interessierte können Ideen direkt grafisch umsetzen lassen oder Prototypen bauen und auch auf dem Platz aufstellen. Außerdem wird es Rundgänge zu verschiedenen Themen geben. Jeweils Abends an den selben Tagen (ab 18 Uhr) werden Experten über die Gestaltung und Nutzung von Plätzen reden.

Am Samstag werden die Ideen der Aktionstage ab 11 Uhr zu einer Ausstellung auf dem Platz zusammengetragen – der Ideenmarkt. Nach dem Mittagstisch können die Bürger ab 14 Uhr ihre Meinung dazu abgeben. Am Sonntag ist von 12 bis 17 Uhr eine offene Ausstellung geplant, mit Kaffee und Kuchen.

Ihr Kooperationspartner, das hannoversche Kreativbüro Endboss, ist wegen eines Streites mit der Stadt um ein Interview mit der Rotlichtgröße Frank Hanebuth in einer geplanten Steintor-Zeitung kurzfristig aus dem Projekt ausgestiegen. Werden Sie das geplante Programm trotzdem stemmen können?

Zunächst muss ich sagen: Ich bedaure den Ausstieg wirklich sehr. Aber es ist uns gelungen ein Berliner Unternehmen mit ähnlichen Erfahrungen zu engagieren, das uns auf dem Platz mit einem Bautrupp unterstützt. Die Planung für die Gerüstinstallation auf dem Platz stammt noch von Endboss. Die werden wir so auch aufbauen. Ich gehe davon aus, dass wir unser Konzept wie geplant umsetzen können.

Können Sie nachvollziehen, dass die Stadt das Hanebuth-Interview abgelehnt hat?

Ich kann beide Seiten verstehen. Das Grundprinzip von Endboss, wirklich alle Akteure am Steintor zu Wort kommen zu lassen, egal ob Rotlicht, Medien oder Gastronomie, halte ich für richtig. Diesen Ansatz haben wir auch absolut mitgetragen. Aber ich kann auch die Stadt verstehen, die gewisse Werte vertritt und in der Konsequenz Hanebuth nicht diese Plattform bieten möchte. In der Abwägung kann es meiner Meinung nach nicht sein, dass der gesamte Beteiligungsprozess am seidenen Faden eines Interviews hängt und man deshalb aussteigt. Das ist unverantwortlich und stößt viele vor den Kopf, die sich mit großem Elan in den Prozess einbringen.

Endboss wirft der Stadt vor, unliebsame Meinungen unterdrücken zu wollen und zweifelt an der Offenheit der Bürgerbeteiligung. Zurecht?

Dieser Einschätzung widerspreche ich. Die Stadt ist bisher sehr offen in den Prozess gegangen und hat auch den Mut gehabt, die Bebauung des Steintors zur Diskussion zu stellen. Sie hätte das ja auch durchziehen können. Die Stadt hat aus meiner Wahrnehmung in der bisherigen Steintor-Beteiligung sich stark dafür eingesetzt, möglichst alle Positionen zum Platz zu Wort kommen zu lassen.

Von Christian Bohnenkamp

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