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Meine Stadt Start ins neue Leben dank Stammzellspende
Hannover Meine Stadt Start ins neue Leben dank Stammzellspende
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13:48 16.05.2015
Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Ihr einst fast hüftlanges rotblondes Haar ist raspelkurz. „Steht mir doch - oder?“, fragt Kader Demir und lächelt scheu. Stimmt. Aber selbst wenn es nicht so wäre, würde niemand ihr das sagen. Kopfhaare, Augenbrauen und Wimpern waren ausgefallen in Folge einer starken Chemotherapie. Kader hat eine Stammzelltherapie erfolgreich überstanden - jetzt feiert sie ihren 16. Geburtstag.

In den Spielarkaden (Roderbruch) steigt eine große Fete. Freunde und Bekannte der Familie Demir kommen. Unterstützer sind dabei, Marlena Robin-Winn vom NKR (Norddeutsches Knochenmark- und Stammzellspender-Register) und Andreas Gudewill, Filialleiter der Deutschen Bank in Linden, ebenfalls. Die Bank stellte im Juli 2014 ihre Räume für eine Typisierungsaktion zur Verfügung. 285 Menschen gaben eine Blut- oder Speichelprobe ab, um testen zu lassen, ob sie als Stammzellspender in Frage kommen.

Für Kader stand damals schon ein Spender bereit. Für ihre Geschwister, die ruhige Sibel (14) und den quirligen Mustafa (6), ist noch immer keiner gefunden. Regelmäßig müssen sie in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH). Nachts von 20 bis 6 Uhr bekommen die Kinder Infusionen - alle 20 Minuten ein Tropfen, gesteuert von einem handgroßen Gerät.

Den Eltern, Hamdi und Adale Demir, war die Krankheit Kaders aufgefallen, als die Tochter sieben Monate alt war. Sie weinte ununterbrochen und litt ganz offenkundig unter großen Schmerzen. Thalassämie, sagten die Ärzte. Und einer von ihnen empfahl: „Ihre große Chance ist ein zweites Kind. Das könnte zum Spender für die Schwester werden.“ Jetzt haben sie drei - und alle sind krank.

Mit dem Schlaf wechseln sich die Eltern ab. Regelmäßig müssen sie kontrollieren, ob die Kanülen nicht verstopft sind. Mustafa, der zur Ehren seiner Schwester in einem Anzug steckt, tobt ausgelassen und barfuß durch den Garten. Kaum vorstellbar, dass er schnell müde wird und oft Kopf- und Knochenschmerzen hat. Sibel steht mit ihren Freundinnen in einer Ecke und kichert. Die beiden haben ihre Schwester vermisst. Vier Monate lang, von November bis März, lag Kader in der MHH. „Meine Haare hatte ich mir schon vorher von einer Freundin abschneiden lassen“, sagt sie. Nicht mal eine Locke hat sie behalten. Abgehakt das Thema. Die 16-Jährige mag nicht darüber reden - so wenig wie über die Zeit im Krankenhaus. Manchmal wollte sie sich und den Kampf gegen die Krankheit aufgeben, berichtet Vater Hamdi. Tränen stehen in seinen Augen.

Gewonnen wurden die Stammzellen, die Kader retteten, aus dem zirkulierenden Blut und den Armvenen des Spenders. Der spürt vielleicht ein leichtes Ziehen oder bekommt an der Einstichstelle ein Hämatom. Kein Schmerz, der sich nicht leicht ertragen ließe. Ganz anders als der bei der jungen Empfängerin.

„Es war eine schwere Zeit“, erinnert sich Dagmar Genç. In einem Moment der größten Pein habe Kader einen markerschütternden Schrei ausgestoßen: „Den werde ich nie im Leben vergessen.“ Wochenlang musste das Mädchen künstlich ernährt werden; nicht mal trinken aus eigener Kraft hat es geschafft.

Das alles ist für Kader Geschichte. Fast. Drei Tabletten muss sie täglich nehmen; irgendwann soll eine reichen. Sie kann wieder am Unterricht teilnehmen. „In der Pestalozzi-Realschule habe ich sofort Freunde gefunden“, sagt sie. Es sei ein Neuanfang - wie der Umzug von Garbsen nach Misburg. In die alte Wohnung durfte Kader nach der OP nicht wieder zurück - Schimmel an den Wänden. Lebensbedrohlich für sie.

Die Unterstützer haben geholfen. Eine Wohnung gefunden. Dem Vater ein Auto zur Verfügung gestellt. Allen immer wieder Mut gemacht und Zuversicht vermittelt. Noch in diesem Jahr soll es eine neue Typisierungsaktion für Sibel und Mustafa geben. Und Kader? Träumt davon, endlich zu den Klassenbesten zu gehören und Ärztin werden zu können. Die vielen Geschenke zu ihrem Geburtstag beachtet sie kaum. Was sie sich für die Zukunft wünscht? „Gesundheit und Glück.“ Das eine hängt für die Familie Demir mit dem anderen zusammen. Ein Spender, und damit Gesundheit für Sibel und Mustafa, ist mindestens so etwas wie ein Fünfer im Lotto.

So werden Sie Spender

Um als potenzieller Stammzellspender beim NKR aufgenommen zu werden, ist eine Blutentnahme von etwa zwei Millilitern Blut aus der Armvene erforderlich. Als Spender können sich alle gesunden Personen von 18 bis 55 Jahren registrieren lassen. Es gelten dieselben Voraussetzungen wie bei einer Blutspende.
Da die gesetzlichen Krankenkassen lediglich die Kosten übernehmen, die im Falle einer Blutstammzellspende anfallen, muss das NKR die Laborkosten von 50 Euro für die Ersttypisierung übernehmen. Daher ist es dringend auf Spendengelder angewiesen. Spenden kann man über die Sparkasse Hannover (Bankleitzahl 250 501 80, Kontonummer 197 700) und die Hannoversche Volksbank (BLZ 251 900 01, Kontonummer 0 555 550 700).

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