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© Heidrich

Vier Ausschüsse diskutieren über Flüchtlinge

Stadt setzt neue Standards

Kommt eine Beschwerdestelle, bei der Flüchtlinge auf Missstände bei der Unterbringung hinweisen können? Nach einer Anhörung über Standards scheint das möglich.

Hannover. Mit dem Leitbild zur Unterbringung von geflüchteten Menschen hat Hannover bundesweit eine Vorreiterfunktion. Trotzdem gibt es noch Missstände. Über die haben sich vier Ausschüsse in gemeinsamer Sitzung informiert.

Allein die Tatsache, dass solch ein Thema auf der Tagesordnung im Rathaus stehe, mache sie neidische, gestand Nivedita Prasad aus Berlin ein. Die Professorin hat ein Positionspapier zur sozialen Arbeit mit Geflüchteten geschrieben. Die sei nicht immer menschenrechtskonform, findet sie. Unangemeldete Zimmerkontrollen, diskriminierende Bemerkungen oder Essenausgabe nur bei einer auf deutsch vorgetragenen Bitte verstießen gegen das Gesetz.

Prasad beschrieb eklatante Fälle. Beispielsweise, dass leitende Angestellte eines Flüchtlingsheims in Berlin von „Kinderguillotinen“ schwärmten. Oder dass männliche Flüchtlinge aus Afghanistan in einer Einrichtung nur ein Ei pro Tag erhielten, damit sie „nicht übersexualisiert“ würden.

Den von ihr festgestellten schlechten Betreuungsschlüssel gibt es in Hannover nicht. Festgelegt sind ein Sozialarbeiter pro 120 erwachsene Flüchtlinge. In Hannover aber hat die damalige rot-grüne Ratsmehrheit einhalb Betreuer je 50 Geflüchtete umgesetzt.

Schon gut, fanden die Experten in der Anhörung. Aber nicht gut genug. Viel zu häufig wechsele das Personal; viel zu oft seien Sozialarbeiter mit der Verteilung von Post oder Ausgabe von Waschmittel beschäftigt.

„Das Vertrauen fehlt“, schilderte Mohammad Haj Abdou ein Dilemma, das er selbst in einer Unterkunft erlebt hat. „Sozialarbeiter sitzen im Büro und warten auf unsere Fragen.“ Der Syrer hatte den Eindruck, dass es den Betreuern eher darum gehe, richtige Mülltrennung zu vermitteln, als in Existenzkrisen zu helfen.

Transparenz, Beratungskompetenz und Kooperationsbereitschaft mahnten Sybille Schaadt und Anne Volkmann vom Unterstützerkreis Flüchtlingsunterkünfte Hannover an. Aus eigener Erfahrung wissen sie: „Die Menschen hier zu integrieren, ist eine Mammutaufgabe, die Jahre dauern wird.“ Obwohl sie ihre Angebote als Unterstützung verstünden, würden sie manchmal ausgesperrt. „Von einem neuen Kursus für interkulturelle Kompetenz durfte uns niemand erzählen.“

Als dann auch noch Laura Müller vom Flüchtlingsrat monierte, Gemeinschaftsunterkünfte begünstigten Gewalt, Isolation und Stigmatisierung, platzte dem AfD-Ratsherrn Roland Herrmann der Kragen. Er könne gar nicht mehr zuhören, schrie er ins Mikro. Warum lasse der Ausschuss die Rede von Geflüchteten zu, wenn doch die Menschen „aus dem Wohlfühlland Österreich“ eingereist seien? In Deutschland werde beim Thema Asyl „millionenfach Verfassungsbruch begangen“.

Herrmanns Stimme überschlug sich fast – alle Fachleute und viele Ratskollegen verbargen ihr Gesicht fassungslos hinter den Händen. Wegen ungebührlichen Benehmens sollte man den AfD-Randalierer künftig aus dem Saal verweisen, schlug FDP-Chef Wilfried Engelke vor. Im Namen vieler entschuldigte sich Adam Wolf von den Piraten.

Von Vera König


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  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
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