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NOCH IM ROHBAU: Das Gebäude gegenüber dem Rathaus. Der Einzug des Lernortes ist für Anfang 2019 geplant.

NOCH IM ROHBAU: Das Gebäude gegenüber dem Rathaus. Der Einzug des Lernortes ist für Anfang 2019 geplant.© Michael Thomas

Geschichtsträchtig

Stadt Hannover erklärt ihren NS-Lernort

Täter und Opfer nebeneinander in der Stadt Hannover.

Hannover. Zentraler geht es kaum. Direkt gegenüber dem Neuen Rathaus, in der alten Volkshochschule, will die Stadt einen Lernort zur Geschichte der hannoverschen Stadtgesellschaft in der NS-Zeit einrichten. Nun gibt es mehr Details.

Das Gebäude wird derzeit von der Immobiliengruppe Baum umgebaut. Im Erdgeschoss sind 700 Quadratmeter für die neue, städtische Einrichtung vorgesehen. Die aktuellen Planungen stellte Karljosef Kreter, Leiter des städtischen Teams für Erinnerungskultur, am Montag bei einer Diskussion in der neuen Volkshochschule am Hohen Ufer vor.

Der Eingang des Lernortes ist zum Theodor-Lessing-Platz hin vorgesehen, in unmittelbarer Nähe zur Galerie Kubus. Der Lernort wird im Erdgeschoss von der Ecke des Gebäudes bis hin zu den historischen Stadtmauerresten reichen, die beim Umbau erhalten bleiben.

„Wir wollen zeigen, welche Handlungsspielräume die Menschen hatten“, erklärte Kreter ein zentrales Anliegen, das mit der Einrichtung verbunden ist. Die Besucher sollen sich sowohl mit den Biografien von Opfern als auch mit denen von Tätern auseinandersetzen.

Dazu werden sie gleich beim Betreten des großen Raums im Erdgeschoss mit einer Wand aus Bildern konfrontiert, auf denen Verfolgte und Profiteure sowie Verbrecher des NS-Regimes auftauchen.
Ihre Geschichten sollen in weiteren Modulen der Ausstellung näher erklärt werden. „Wir zeigen eine breite Repräsentanz der Stadtgesellschaft während der NS-Zeit“, berichtete Kreter. Un­ter anderem anhand von 13 Familien, deren Leben auf Stelen geschildert wird. Die einen waren Teil der Volksgemeinschaft, die anderen wurden daraus verstoßen.

Ein Herzstück des Lernortes wird aber vor allem das „forschende Archiv“ im Keller sein. Ein elektronisches Lexikon wird es dort geben, eine kleine Bibliothek mit in der NS-Zeit verbrannten Bü­chern, außerdem Karteien von Deportierten.
Laut Kreter sollen gleichzeitig zwei Schulklassen den Lernort nutzen können. Die Eröffnung ist für den 27. Januar 2019 vorgesehen, den Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz.

Viel zu klein? Experten kritisieren die Pläne

Es wird noch mehr als ein Jahr dauern, bis die Stadt ihren neuen Lernort zur NS-Zeit überhaupt eröffnen wird. Doch schon jetzt denken Experten über einen Nachfolger nach. „Große Zweifel“ hat Horst Meyer vom Netzwerk Erinnerung und Zukunft, ob die 700 Quadratmeter Fläche ausreichen werden, um das geplante Konzept auch wirklich umzusetzen.

Ohnehin könne dieses „nicht befriedigen“. Meyer wünscht sich die neue Einrichtung an einem „authentischen Ort“, der mit der Geschichte der NS-Zeit in Hannover zu tun hat. Nicht die einzige Kritik, die am Montag bei der Diskussion in der neuen VHS am Hohen Ufer zu hören war.

Es ging auch immer wieder um die Frage, inwieweit der Lernort der Stadt zu einer Konkurrenz für die Gedenkstätte Ahlem werden könnte, die von der Region betrieben wird. Eine „klare Abgrenzung“ forderte Horst Dralle vom Arbeitskreis für ein Mahnmal für das Frauen-KZ in Limmer. Es dürfe nicht passieren, „dass Eifersüchteleien und Konkurrenzen gepflegt werden“.

Detlef Schmiechen-Ackermann, Sprecher des Beirates für den Lernort und Leiter des Institutes für Didaktik der Demokratie an der Leibniz-Universität, versuchte diese Sorgen zu entkräften. „Das wird ein Ort der politischen Bildung sein und keine Gedenkstätte“, stellte er klar. Er habe damit „eine ganz andere Funktion als die Gedenkstätte Ahlem“, bei der die Opfer im Mittelpunkt stünden. Der Sprecher plädierte dafür, „nach vorne zu schauen und gut zusammenzuarbeiten“. Auch Hans-Dieter Schmid von der Fachkommission der Gedenkstätte hält eine „fruchtbare Ko­existenz für möglich“.

Zweifel aber blieben. Der Förderverein der Gedenkstätte kritisierte, dass „die Unterscheidungen an der Realität vorbeigehen“. Auch in Ahlem würden Bezüge zur Gegenwart hergestellt. Da werde man sich „nicht zu­rückdrängen lassen“.

Von Christian Bohnenkamp


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