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Spargelstechen im Selbstversuch

Wenn es um Spargel geht, flippen die Deutschen regelrecht aus. Jahr um Jahr fiebern sie dem ersten Spargel entgegen. Vielleicht liegt der jährliche Ausnahmezustand im Frühjahr schlicht darin begründet, dass das „weiße Gold“ früher nur gekrönten Häuptern vorbehalten war. Oder einfach damit, dass es dieses Gemüse eben für kaum drei Monate gibt.

Gilten (Schwarmstedt)/Hannover. Doch während die Deutschen ihren Spargel lieben, wollen sie mit der Ernte nichts zu tun haben. Daher setzen viele Spargelbauern lieber auf Helfer aus Polen und Rumänien. Auch Rainer Backhaus (56) aus Gilten (Schwarmstedt). Er bewirtschaftet zwölf Hektar Spargelanbaufläche, seit wenigen Tagen wird geerntet. Zehn Euro kostet derzeit das Kilo. „Die Deutschen sind es einfach nicht mehr gewohnt, so hart zu arbeiten“, erklärt der Bauer. Das sei Mitte der 1990er Jahre noch anders gewesen, viele Frauen hätten damals auf seinen Spargelfeldern bei der Ernte geholfen: „Heute sind die deutschen Arbeitslosen oft unzuverlässig und zu wehleidig.“ In den Hochzeiten beschäftigt er 14 Erntehelfer, im nächsten Jahr werden es weniger –
„der Mindestlohn ist daran schuld“. Einige der Helfer kommen bereits seit zwei Jahrzehnten auf den Hof. Voller Respekt und Hochachtung spricht der 56-Jährige von den polnischen und rumänischen Kräften, die noch bis zum Saisonende am 24. Juni bleiben: „Den ganzen Tag nur Spargel stechen, das ist extrem anstrengend. Ich kann vor der Arbeit meiner Leute nur den Hut ziehen.“

Ist Spargelstechen aber wirklich ein Knocheniob, oder jammern die deutschen Helfer nur auf hohem Niveau? Die NP hat den Test gemacht. Es sind fünf Grad, als ich auf das zwölf Hektar große Feld trete. Auf der einen Seite sind die meterlangen Tunnel mit schwarzer, auf der anderen mit weißer Folie überzogen. „Unter der hellen Folie ist es fünf Grad kälter. Wir zögern so die Ernte bis Mitte Mai hinaus“, so Backhaus. Ich trage eine unförmige Latzhose, in meinen Händen liegt ein langes Spargelmesser. „Und was muss ich damit jetzt machen?“, frage ich den Chef zögerlich. „Zunächst muss die Folie zur Seite geschoben werden. Dann musst du mit der Hand den Sand zur Seite schieben und die Stange freilegen. Und dann einfach ganz tief und gerade abschneiden“, erklärt der Spargelbauer. Klingt einfach. Ich lege los, knüpfe mir einen besonders dicken Spargel vor. Doch allein das Ausbuddeln ist schon mühsam, die gebückte Haltung erst recht. Backhaus grinst: „Das ist die beste Rückenschule, die macht jedes Fitnessstudio überflüssig.“ Ich setze das Messer an und denke noch: „Das klappt bestimmt“, da bricht es auch schon. In meinen Händen halte ich einen Mini-Spargel. „Das ist wohl Bruch“, sagt Rainer Backhaus. Ich brauche noch ein Dutzend Versuche, bis ich den Dreh zumindest im Ansatz habe. Die anderen Erntehelfer rasen förmlich an den Tunneln entlang und füllen ihre Körbe im Rekordtempo. Backhaus: „Wenn man die Taktik raus hat, dann ist es spielend leicht. Aber wenn du so weitermachst, werde ich noch arm mit dir.“ Der Spargelbauer lacht wieder laut. Ich muss mich geschlagen geben. Mein Fazit: „Spargelstechen ist nicht nur extrem anstrengend, man muss auch einfach die Technik im Blut haben.“

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Und auch hier wird im Umland der Spargel frisch gestochen:

Den Beginn in ganz Niedersachsen machte dieses Jahr erneut Bauer Carsten Bolte aus Steimbke. Schon Anfang März begann er mit der Ernte – und das trotz niedriger Temperaturen. Möglich macht das eine Fußbodenheizung, die den Pflanzen vorgaukelt, dass die Erde bereits wärmer ist.

Erst sechs Wochen später fiel der Startschuss auf dem Erlebnishof Lahmann in Otze. „Wir haben seit vergangener Woche den ersten Spargel im Laden“, hieß es dort gestern. Und auch auf dem Spargelhof Heuer in Fuhrberg läuft die Saison jetzt an – „nach anfänglich kleiner Ausbeute“.

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Was Sie über Spargel wissen müssen

- Gemüsespargel ist eine von etwa 220 Arten aus der Gattung Spargel. Zu über 90 Prozent besteht er aus Wasser. Lediglich 85 Kalorien stecken in 500 Gramm Spargel.
- Auf rund 21 000 Hektar Ackerland wird in diesem Jahr bundesweit Spargel angebaut. Keinem anderen Gemüse steht so viel Fläche zur Verfügung.
- Deutschland liegt mit rund 113 000 Tonnen Spargelernte hinter China, Peru und Mexiko weltweit auf Platz vier der Ernteländer. Dennoch importieren die Märkte noch immer große Mengen aus dem Ausland, da die Nachfrage größer ist.
- Spargel ist als Gemüse und Heilpflanze seit langem bekannt. In China wurden Spargelpflanzen schon vor über 5000 Jahren gegen Husten, Blasenprobleme und Geschwüre verordnet.
- Verantwortlich für den strengen Geruch des Urins nach dem Verzehr von Spargel ist der im Spargel enthaltene Aromastoff Asparagusinsäure, der im Körper enzymatisch gespalten wird.
- Selbst Straßen zollen dem „weißen Gold“ Tribut: Die Niedersächsische Spargelstraße ist 750 Kilometer lang.
- Die Spargelernte endet traditionell am Johannistag (24. Juni). Eigentlich könnte man bis in den Herbst hinein das Gemüse ernten. Aber Ende Juni sinkt die Nachfrage, und deswegen lohnt sich für die Landwirte der Aufwand nicht mehr.

von Britta Lüers


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