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Meine Stadt So läuft der Kiosk-Alltag in Hannover
Hannover Meine Stadt So läuft der Kiosk-Alltag in Hannover
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15:50 09.11.2018
Immer freundlich: Muzaffer Ousta liebt den Kontakt mit seinen Kunden. Quelle: Wilde
Hannover

Montagmorgen, 05.40 Uhr. Ende Oktober in Hannover. Vier Grad Außentemperatur. Muzaffer Ousta trägt ein schwarzes Hemd, kurzärmelig. Ein Montag fühlt sich für ihn nicht so an, wie für die meisten Menschen. Denn so etwas wie ein Wochenende kennt er nicht. Um sechs Uhr öffnet sein E-Damm-Kiosk an der gleichnamigen Straße. 16 Stunden später wird er ihn wieder abschließen. Dann geht er nach Hause in seine Wohnung am Klagesmarkt – direkt um die Ecke. Schlafen. Um 4.45 Uhr klingelt der Wecker. Alles beginnt von vorne.

Impressionen aus dem E-Damm Kiosk

Schon der Vater hatte einen Kiosk

Seit er 18 ist, besteht das Leben von Muzaffer Ousta nur aus seiner Familie und seinem Kiosk. Ali, sein Vater, kam 1968, drei Jahre vor Muzaffers Geburt, als Fabrikarbeiter aus Griechenland nach Nordrhein-Westfalen. 1980 zog es die Oustas nach Hannover. Ein Cousin des Vaters betrieb damals bereits einen Kiosk in der niedersächsischen Landeshauptstadt.

Ali Ousta zog nach, übernahm einen Laden in der Friedastraße. Über Umwege landeten die Oustas 1988 in der Marienstraße. Ein Jahr später, als Muzaffer 18 wurde, übernahm er den Marienkiosk von seinem Vater - der Beginn seines Lebens als Kioskbetreiber in Hannover.

„Man muss wissen, was die Leute brauchen“

Drei Minuten nach sechs. Der erste Kunde steht vorm Schiebefenster. „Eine Packung John Player, bitte.“ Hinter Ousta stehen knapp 200 verschiedene Zigarettensorten. Doch als er die geforderte Packung rausholt, verschwendet er keinen Blick Richtung Regal. „Ich kenne den Laden hier blind. Vor zehn Jahren war hier alles schon genauso wie jetzt“, sagt der 47-Jährige.

Bananenmilch gehört zu den exotischsten Produkten im Sortiment. Quelle: Wilde

Groß ist der Laden nicht. 15 Quadratmeter voll gestellt mit vier Kühlschränken für Getränke sowie Regalen für diverse Zeitschriften, Chips und Süßigkeiten. Klassische Kiosk-Produkte. Eine Bananenmilch zählt zu den exotischsten Dingen in Oustas Laden. „Man muss wissen, was gefragt ist und was die Leute brauchen.“ Wenn das einer weiß, dann er.

Anonymität der Südstadt gefiel Ousta nicht

Nach zehn Jahren im Marienkiosk wollte Ousta weg aus der Südstadt. Nicht nur wegen seines neuen Wohnorts am Klagesmarkt. „Die Nordstadt ist sehr interessant und multikulturell. Die Leute sind offener. Man kennt sich mittlerweile und grüßt sich, selbst wenn man den Namen des anderen gar nicht weiß.“

In der Südstadt sei es genau umgekehrt gewesen. „Wenn man dort jemanden mit Namen kannte, der gerade in deinem Kiosk war und man ihn dann zehn Minuten später auf der Straße wieder gesehen hat, tat der so, als würde man sich nicht mehr kennen“, erzählt Ousta. 1998 wohnte bereits am Klagesmarkt. In unmittelbarer Nähe fand er seinen neuen Kiosk. „Ich fühle mich hier wirklich mehr zu Hause als in meiner Wohnung“, sagt er.

Hannover, die Kiosk-Hauptstadt?

Maschsee, Herrenhäuser Gärten, Neues Rathaus: Wenn man von Sehenswürdigkeiten in Hannover spricht, fallen die Namen dieser Orte gewiss sehr häufig. Doch auch die Kioskkultur ist laut offizieller Homepage der Landeshauptstadt eine Sehenswürdigkeit in Hannover. Dort heißt es vollmundig: „Normalerweise ist ein Kiosk (auch Trinkhalle genannt) keine besondere Sehenswürdigkeit. Wenn aber eine Stadt über 320 Kioske hat, sieht die Sache schon anders aus. Keine andere Stadt in Deutschland hat eine so große Kioskdichte wie Hannover. Im Stadtteil Linden spricht man sogar von der höchsten Kioskdichte weltweit.“

Auf Nachfrage der NP lehnt sich Stadtsprecherin Ulrike Serbent dann doch nicht ganz so weit aus dem Fenster. Sie sagt: „Wir können auch weiterhin keine verlässlichen Zahlen zu Kiosken berichten. Dies liegt an den unterschiedlich erfassten – weil so bei der Gewerbeanzeige bei uns angegebenen – Gewerbegegenständen.“ Aktuell gebe es in Hannover demnach 284 Einzelhändler mit Zeitungen und 22 angezeigte Kioske.

Fernab solcher bürokratischen Bezeichnungen soll Hannovers Kioskkultur auch bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 zum Tragen kommen. „Kioske sind Kult in Hannover“, sagte Melanie Botzki, Leiterin des Kulturhauptstadtbüros bereits im März dieses Jahres. Sie seien ein Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu anderen deutschen Mitbewerberstädten.

Seit 2008 betreibt Ousta auch die E-Damm Stube

7.20 Uhr. Ein Mann kommt rein und geht schnurstracks hinter den Verkaufstresen. Er nimmt sich einen Kaffeebecher und macht ihn voll. Es ist Georgius Kontalidis, der Vorbesitzer des E-Damm-Kiosk. Für Ousta völlig normal. „Dann gebe ich den Leuten einen Kaffee aus, das ist ganz normal.“ Diese Leute, vier an der Zahl, sind allesamt Griechen und sitzen um 8 Uhr morgens in der angrenzenden Kneipe, der E-Damm Stube. 2008 übernahm Ousta auch die Gaststätte von seinem Vorgänger. Bei Kaffee und Zigarette wird hier griechisch gesprochen. Entspannen kann sich Ousta trotzdem nicht.

Die gute alte Bunte Tüte geh auch im Jahr 2018 noch gut weg. Quelle: Wilde

Ständig bimmelt es. Das tut es immer dann, wenn ein Kunde nebenan den Kiosk betritt. Schnell wird klar. Zigaretten und Tabak laufen am besten. Doch verdient Ousta daran überhaupt genug? „Dinge, an denen ich nichts verdiene, würde ich nicht verkaufen“, stellt er klar. Klingt logisch. Viel ist es dennoch nicht. „Kiosk ist ein sehr hartes Brot.“ Trotzdem sagt Ousta: Ich mag meine Kundschaft sehr, viele zähle ich zu meinen Freunden.“ Wenn es die Zeit zulässt, fährt er mit ihnen mal nach Hamburg oder man geht zusammen essen.

„Nach acht Stunden bin ich noch nicht mal warm“

Doch gearbeitet wird fast immer. Nur an Weihnachten ist der E-Damm Kiosk drei Tage lang geschlossen. Urlaub machen die Oustas am Stück. Dann ist mal mehrere Wochen zu. „Das ist schon ein bisschen wie eine Sucht. Wenn ich mal nicht hier bin, vermisse ich das schon“, sagt Muzaffer Ousta. Doch das kommt selten vor. Sehr selten. Natürlich habe er auch mal gegrübelt, warum er sich das antut. „Wenn Freunde zum Geburtstag einladen, kann ich nicht. Wenn ich nicht immer hier wäre und ständig zu hätte, würde ich nicht überleben“, ist er sich sicher.

Hochprozentiges findet man in wohl jedem Kiosk. So auch bei Muzaffer Ousta. Quelle: Wilde

Mal über einen klassischen Acht-Stunden-Tag nachgedacht?. „Nach acht Stunden bin ich noch nicht mal warm“, sagt er und lacht. Und trotzdem meint er es ernst. Wie er es geschafft hat, so lange durchzuhalten? „Die Leute erwarten von einem Kiosk, dass er geöffnet hat. Also bin ich einfach hier.“

Der Kiosk als Familienbetrieb

Der E-Damm Kiosk ist ein reiner Familienbetrieb. Um 11 Uhr ist Schichtwechsel. Bis 17 Uhr übernimmt seine Frau Nefise. Die Zeit nutzt Muzzafer normalerweise zum Einkaufen, Essen oder Ausruhen. Doch heute muss er mit seinem Auto in die Werkstatt. Die Abendschicht wird deshalb sein Sohn übernehmen. Doch schon am nächsten Tag wird Muzaffers Oustas Wecker wieder klingeln. Um viertel vor fünf, wie jeden Tag. Dann steht er auf, geht rüber, schließt auf, sortiert die Zeitungen ein und ist „einfach hier.“

Von Timo Gilgen

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