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Meine Stadt So einfach ist Wellness im Wald
Hannover Meine Stadt So einfach ist Wellness im Wald
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00:20 27.09.2018
IN DER RUHE LIEGT DIE KRAFT: Naturcoach Ines Wegener spannt im Hinüberschen Garten in Marienwerder eine Hängematte. Quelle: Fotos: Wilde

Wie geht „Waldbaden“?

Das Wichtigste ist, den Wald mit allen Sinnen wahrzunehmen. Das fängt damit an, dass man bewusst ankommt und Stress und Belastung am Waldrand ablegt. Ich empfehle dazu ein kleines Ritual: Einen Stein oder einen Stock am Waldrand aufheben, an das denken, was gerade Mühsal und Ballast bedeutet – und diesen Gegenstand bewusst auf den Boden legen, bevor man den Wald betritt.

Und dann rennt man einfach los?

Nein, denn man sollte unbedingt das Tempo rausnehmen. Einfach mal schlendern, ohne Ziel, Wege verlassen – sofern das erlaubt ist. Wenn man versucht, den Wald so zu betrachten, als hätte man noch nie zuvor einen betreten, dann weckt das automatisch den Forschergeist. Es ist erstaunlich, was man entdeckt, wenn man langsam im Wald unterwegs ist und sich die Zeit nimmt, stehenzubleiben, zu schauen, Dinge anzufassen.

Ein Loch im Blatt hilft beim Fokussieren.

Sie arbeiten in Ihren Kursen auch mit Meditation?

Das ist ein tolles Mittel, um zur Ruhe zu kommen und seine Achtsamkeit zu schärfen. Man kann sich auf einen Baumstamm setzen oder ein kleines Kissen mitbringen. Dann den Atem fokussieren und nacheinander alle Sinne durchgehen. Was höre ich? Was rieche ich? Die Umgebung bewusst wahrnehmen – und zwar wertfrei und ohne Analyse. Wenn in dem Moment gerade ein Flugzeug über einen hinweg dröhnt, dann gehört es eben auch in diese Situation. Auch wenn das Hämmern eines Spechts natürlich schöner ist.

„Einfach mal auf den Rücken legen“

Sie sagen, man soll alle Sinne einsetzen. Kann man den Wald auch schmecken?

Da empfehle ich die Bucheckern, die gerade überall liegen. Sie haben eine raue Schale, sind innen samtweich, man braucht ein bisschen Geduld, um sie aufzupulen und dann kann man sie knabbern. Weil sie so gut verpackt sind, muss man keine Angst haben vor dem Fuchsbandwurm – das ist mir als Biologin wichtig. Die Reaktionen sind übrigens ganz erstaunlich, bei vielen Menschen lösen Bucheckern Kindheitserinnerungen aus.

Ihr Tipp für die Augen?

Einfach mal auf den Rücken legen, den Blick hoch in die Baumkronen richten und das Schwanken der Äste im Wind beobachten. In kürzester Zeit ist man tiefenentspannt. Wer Angst vor Getier im Laub hat, kann sich eine Isomatte mitbringen. Ich entspanne am liebsten in einer Hängematte mitten im Wald. Dafür benutze ich breite Gurte, um die Bäume nicht zu verletzen.

Können Sie noch eine Methode empfehlen?

Sehr entspannend ist es für das Auge, erst einen Punkt im so genannten Tunnelblick zu fixieren – und nach einer Weile bewusst den Blick zu weiten. Man kann zum Beispiel seine Daumen dafür verwenden: Sie begrenzen erst den minimalen Ausschnitt, dann öffnet man langsam die Arme – der Blick weitet sich automatisch. Eine andere Übung: Ein Loch in ein Blatt reißen, so kann man Details fokussieren, Ausschnitte betrachten. Und lernt, sich Zeit für Kleinigkeiten zu nehmen.

„Die Jahreszeiten sind ein Privileg“

Der Tastsinn gehört ja auch dazu. Da ist man gleich bei einem Klischee: Muss man einen Baum umarmen?

Nein (lacht), aber lustigerweise machen das viele meiner Seminarteilnehmer trotzdem. Eine Übung ist nämlich, mit den Händen die Rinde eines Baumes zu erspüren. Da wandern dann automatisch die Hände drumherum ...

In welcher Jahreszeit nehme ich ein „Wald“?

Immer! Es ist ein Privileg, dass wir auf unserem Breitengrad Jahreszeiten erleben dürfen. Im Frühjahr sehen wir, wie die Bäume knospen. Im Sommer genießen wir die Kühle unter dem Blätterdach. Im Herbst verfolgen wir die Färbung der Blätter. Im Winter hören wir den Schnee unter den Füßen knirschen, die lichten Baumkronen zeigen ganz neue Perspektiven.

Bucheckern kann man essen - aber bitte nicht die Schale.

Aber das Wetter ist doch ein Argument, sich zu drücken...

Keinesfalls. Bei Regen ist die Waldluft ganz anders, wir nehmen das Trommeln der Regentropfen auf die Blätter wahr. Man muss sich natürlich entsprechen anziehen mit Regenjacke und festem Schuhwerk. Und es spricht nichts dagegen, sich eine Kanne heißen Tee mitzunehmen.

Ein Ritual steht am Anfang. Gibt es auch eines am Schluss?

Ich fordere am Schluss immer dazu auf, einen Waldgegenstand auszuwählen, in die Mitte zu legen und zu erklären, was man dabei empfindet. Vermodertes Holz zum Beispiel interpretieren viele als Zeichen für Vergänglichkeit, Vogelfedern für Verletzlichkeit. Interessanterweise nehmen die meisten den Gegenstand dann mit. Man kann sich zuhause eine „Schatzkiste“ anlegen. So kann man auch in der Wohnung das „Waldbaden“-Gefühl heraufbeschwören. Und ist eine Ermunterung, mal wieder in den Wald zu gehen!

Was mache ich, wenn kein Wald vor der Haustür ist?

Es geht ja darum, aus der Hektik des Alltags auszubrechen, wir nehmen uns zu wenig Zeit für Ruhe und Erholung, verdaddeln zu viel Zeit mit elektronischen Geräten. Wenn ich keinen Wald in der Nähe habe, reicht auch ein Park – schon drei Bäume tun gut.

Info

Ines Wegener ist in einem Dorf bei Bad Salzuflen aufgewachsen, „die Verbundenheit zur Natur hat in meinem Leben immer eine Rolle gespielt“, sagt die 42-Jährige. Nach dem Biologie-Studium arbeitete sie zwölf Jahre in der Pharmaberatung. Sie hat Zertifikate als Naturcoach, Meditationslehrerin, Entspannungs- und Glückstrainerin. „Ruhewerk“ heißt ihre Firma – „da steckt drin, dass man aktiv werden muss“.

Wegener bietet begleitetes „Waldbaden“ für maximal zwölf Teilnehmer in der Eilenriede an – zwei Stunden kosten 18 Euro pro Person. Die nächsten Termine sind am 20. Oktober, 4. und 17. November und am 9. Dezember. Am 17. Oktober stellt Wegener ab 17 Uhr das Konzept in einer Gratis-Schnupperstunde vor. Trefpunkt ist am Döhrener Turm. Anmeldung ist erforderlich. Infos unter www.ruhewerk.de

Von Andrea tratner

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