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Meine Stadt Sie wollen Flüchtlinge in ihrem Garten
Hannover Meine Stadt Sie wollen Flüchtlinge in ihrem Garten
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00:16 20.01.2016
Sie wollen den Flüchtlingen ein ganz privates Hilfsangebot machen: Bodo Willsch (links), Poupak Javaher und Walter K. Leyendecker. Fotos: Wilde
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Hannover

Poupak Javaher weiß, was ein Leben als Flüchtling bedeutet. Die 43-jährige Medizinerin kam selbst 1985 mit ihren Eltern und ihrem Bruder als Flüchtling aus dem Iran nach Deutschland. Eine prägende Erfahrung. Grund für sie, sich jetzt für Andere einzusetzen.

Heute ist sie Eigentümerin eines Hauses in der Südstadt, in der Nähe des Maschsees. Ein Haus mit einem großen Gartengrundstück, einem ehemaligen Tennisplatz mit rund 650 Quadratmetern Fläche. Groß genug eigentlich, um dort eine kleine Unterkunft für Flüchtlinge zu bauen, denken sie und ihre Mitstreiter.

Als Gruppe sind sie schon seit einem Jahr aktiv, hatten mit Deutschkursen angefangen, auch Flüchtlinge bei Behördengängen begleitet. Alles in kleinem Maßstab, aber viele kleine Bausteine können auch etwas bewirken. Manchmal vielleicht sogar mehr, als die großen vermeintlichen Lösungen, glauben sie. „Wir wollen ja in Kontakt kommen mit den Menschen“, sagt Jahavers Mitbewohner Bodo Willsch. Sie wollen keine anonyme Massenunterkunft, sondern eher eine kleine, auf persönlichem Kontakt aufbauende Wohnform für nicht mehr als zehn Personen. „Vielleicht für Familien oder alleinstehende Frauen“, ergänzt die Ärztin.

Das Wichtigste im Moment: Die Initiative muss die Nachbarn für ihre Idee begeistern. Es gibt 14 Anrainer, Eigentümer angrenzender Häuser oder Wohnungen. „Ohne die geht das nicht, mit denen steht und fällt das ganze Projekt“, sagt Willsch.
Denn das Grundstück, um das es geht, ist kein Bauland. Mittlerweile gibt es angesichts der Flüchtlingskrise Möglichkeiten einer befristeten Umwidmung – falls keine Anlieger Einsprüche einlegen. Die ersten Signale sind offenbar ermutigend. Ein Anfang.

Als die Initiative vor einem Jahr mit einem kleinen Kellerbüro in Javahers Mehrfamilienhaus anfing, waren auch Schwierigkeiten zu überbrücken. „Wir wussten zuerst gar nicht, wie wir an Flüchtlinge herankommen könnten“, berichtet die Ärztin. In Unterkünften werden sie schützend abgeschottet. Hilfreich waren Javahers Erfahrungen als Vorstandsmitglied des Migrantenbildungsvereins Kargah. Die Initiative nahm Kontakt zu den Bewohnern des sudanesischen Protestcamps auf dem Weißekreuzplatz auf. Die ersten Deutschkurse – keine professionellen Lerngruppen, sondern eher Gesprächskreise – konnten starten.

Ein Schriftzug auf den Fenstern des Kellerbüros machte Nachbarn aufmerksam. So kam auch Walter K. Leyendecker, ein gegenüber wohnender Zahnarzt, zu der Gruppe. „Die ideologische Ausrichtung der Protestcamper hatte mich zunächst ein bisschen abgeschreckt“, räumt er ein. „Aber das haben wir untereinander klären können.“ Mittlerweile ist er auch für das Bauprojekt Feuer und Flamme und kann gerade dabei vielfältige Erfahrungen einbringen.
Die Kurse wurden unterschiedlich stark angenommen und sind mittlerweile eingestellt, wohl auch, weil diese Möglichkeit zu wenig bekannt wurde. Dennoch sind daraus Freundschaften entstanden, zwei Flüchtlinge sind in das Haupthaus eingezogen. „Wir haben uns überlegt, was eigentlich das Wichtigste für einen Flüchtling ist“, sagt Javaher. Und das ist ein sicherer und angemessener Wohnraum, wie sie aus eigener Erfahrung weiß.

„Nach unserer Ankunft in Deutschland kamen wir in das Erstaufnahmelager in Braunschweig“, erinnert sie sich. Dann wurde die Familie nach Hannover verlegt. „Wir haben ein Jahr lang zusammen in einem Zimmer gelebt.“ Eine schwierige Zeit, vor allem für ihre Eltern. Nach einem Jahr bezog die Familie eine Sozialwohnung im Sahlkamp, Javaher konnte auf die Herschelschule gehen und dort ihr Abitur machen. Aber sie kann das Gefühl ihrer neuen Mitbewohner noch immer nachvollziehen, die nach dem Umzug aus dem Oststadtkrankenhaus endlich ihre erste Nacht in Ruhe verbringen konnten. „Sie sagten, sie hätten das erste Mal seit zwei Jahren wieder richtig geschlafen.“
Diese Möglichkeit wollen sie eben auch anderen Flüchtlingen bieten – und mehr. „Miteinander zu wohnen ist die beste Form der Begleitung“, findet Bodo Willsch. Das Grundstück ist vorhanden, die Stadt ist noch etwas zurückhaltend. Allerdings wurde der Initiative auch Gesprächsinteresse signalisiert.

Sie hatte auch Kontakte zum Fachbereich Architektur der Leibniz-Uni aufgenommen. Genauer zu Professor Jörg Friedrich, der seine Studenten in einem Projekt Vorentwürfe für preiswerte Flüchtlingsunterkünfte auf kleinem Raum entwickeln ließ (NP berichtete). Zwei der Projekte sind auch für die Südstädter interessant. Aber es gibt viele Möglichkeiten temporärer Bauten, die dennoch einen gewissen Komfort bieten. Bis zu 1000 Euro pro Quadratmeter hält die Initiative für realisierbar. „Bei einer Kostenkalkulation auf vier Jahre“, sagt Willsch.

Sollte sich die Stadt darauf einlassen, wäre das natürlich nur der berühmte Tropfen auf einem heißen Stein. Aber vielleicht einer, der Nachahmer finden könnte. „Wenn jeder, der den Platz dafür hat, einen Flüchtling bei sich aufnehmen würde, hätten wir dieses Problem überhaupt nicht“, betont Willsch.

Andreas Krasselt

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