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Meine Stadt Fußgänger in Hannover: Auf eigene Gefahr?
Hannover Meine Stadt Fußgänger in Hannover: Auf eigene Gefahr?
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00:20 05.11.2018
Ein Fußgänger steht an einer Ampel in Hannover. Quelle: Fotos: Behrens
Hannover

Über den Autoverkehr wird viel geredet, über den Radverkehr wird diskutiert, der öffentliche Nahverkehr ist ein Thema – nur der Fußverkehr kommt oft zu kurz. Das sieht jedenfalls Krzysztof Mieloch so. „Dabei geht jeder von uns zu Fuß. Auch der Autofahrer muss ja irgendwie zu seinem Fahrzeug kommen“, sagt der 38-jährige Familienvater. Jeder vierte Weg wird in Hannover zu Fuß zurückgelegt. Mieloch hat daher im Juni zusammen mit einer Handvoll Mitstreitern in Hannover eine Ortsgruppe des Vereins Fuss e.V. gegründet, der sich für die Rechte von Fußgängern einsetzt.

Doch brauchen Fußgänger überhaupt eine Lobby? „Wenn wir wollen, dass wir in den Städten die Abgas-Grenzwerte einhalten, müssen wir auch über den Fußverkehr nachdenken. Zu Fuß gehen muss attraktiver werden, damit die Menschen ihr Auto stehen lassen“, sagt Mieloch. Er lebt in der List und hat trotz zweier Kinder kein eigenes Auto. Er findet, dass dies in Hannover auch nicht notwendig sei. „Es geht alles auch ohne Auto“, sagt Mieloch.

Drei Minuten für eine Kreuzung

Dafür ist er mit seinen Kindern häufig per pedes unterwegs und sieht die Stadt aus einem anderen Blickwinkel als so mancher Verkehrsplaner. Auf einem Spaziergang zusammen mit seinem Vereinskollegen Eike Lengemann (29) hat er der NP gezeigt, was aus seiner Sicht in Hannover gut läuft und was eher weniger.

Krzysztof Mieloch (links) und Eike Lengemann läuft auf einem zugeparkten Gehweg. Quelle: Christian Behrens

Ein Ärgernis zeigt Lengemann, der 2017 für die Grünen in den Bundestag einziehen wollte, auf seiner Stoppuhr im Smartphone. Er hat gerade die Kreuzung am Aegidientorplatz überquert. Drei Minuten hat er dafür gebraucht – und das sei noch wenig. „Wenn Fußgänger eine Kreuzung queren wollen, müssen sie oftmals mehrere Ampelphasen warten. Das dauert meist sehr lange“, stellt er fest. Am Hauptbahnhof folgt gleich das nächste Hindernis. Wegen einer Baustelle müssen Fußgänger dort einen Umweg gehen, der Autoverkehr kann ungehindert fahren. Eine Situation, die Mieloch häufig in Hannover beobachtet. „Meist müssen die Fußgänger ausweichen, während die Autofahrer ungehindert vorankommen.“

Für Mieloch und Lengemann ist Hannover in Sachen Fußverkehr im Vergleich zu anderen Städten im Mittelfeld. Es ist aus seiner Sicht noch viel zu tun, einiges laufe aber auch gut. Er lobt etwa die großen Fußgängerzonen in der Innenstadt oder der Lister Meile. An anderen Orten sei es für Fußgänger indes oftmals eng. Sie würden an den Rand der Straße gedrängt, während für Autofahrer oftmals große Flächen zur Verfügung stünden. „Für Autofahrer ist es normal, dass sie sich während der Fahrt mit ihrem Beifahrer unterhalten können. Bei Fußgängern wird jedoch davon ausgegangen, dass sie im Gänsemarsch unterwegs sind“, sagt Mieloch. Seine Forderung: Der begrenzte Raum in der Stadt müsse gerechter aufgeteilt werden – und das klar zu Lasten des Autoverkehrs.

Ziel: Den Autoverkehr in der Stadt zu reduzieren

Überhaupt müsse das Ziel sein, den Autoverkehr in der Stadt zu reduzieren. Denn dass die Grenzwerte bei Stickoxiden nicht eingehalten werden und deshalb Fahrverbote kommen könnten, betreffe insbesondere die Fußgänger. „Wir setzen uns dafür ein, dass die Luft in Hannover besser wird, denn wir müssen sie ja auch einatmen“, sagt Mieloch. Von Verboten hält er allerdings nicht viel. Er sieht es lieber, wenn die Alternativen attraktiver werden. Beim Fußverkehr wünscht er sich dafür direkte Wege, eine eigene Wegweisung und mehr Grün an den Straßen. „Wenn die Wege schöner sind, gehen auch mehr Leute zu Fuß“, erklärt Mieloch. Gerade für ältere Menschen seien Bänke enorm wichtig, damit sie sich ausruhen könnten. „In der Fußgängerzone gibt es davon viele, im Stadtgebiet jedoch nicht“ sagt Mieloch.

Krzysztof Mieloch ist ein Freund von Fußgängerzonen. Quelle: Christian Behrens

Eine weitere Hilfe wären sogenannte Dunkelampeln. Diese sind sowohl für den Fußgänger als auch den Autofahrer dunkel – also nicht im Betrieb. Erst wenn der Fußgänger die Straße überqueren möchte, kann er sie betätigen. „Wenn die für den Fußgänger dauerhaft Rot zeigen würde, würde ich ja einen Verkehrsverstoß begehen, wenn ich einfach rübergehe. Wenn die Ampel nichts anzeigt, kann ich, sobald kein Auto zu sehen ist, einfach die Fahrbahn queren“, erklärt Mieloch. Damit das künftig in Hannover umgesetzt werden kann, fordert der Fuss e.V. einen Fußverkehrsbeauftragten bei der Stadt. Dann hätte auch der Fußverkehr für Mieloch endlich ein Gewicht.

Ein Falschparker steht im absoluten Halteverbot auf einem Fußweg in der List. Für einen Rollstuhlfahrer wäre es nun schwer, an dem Fahrzeug vorbeizukommen. Quelle: privat

Eike Lengemann beobachtet täglich Falschparker in den Straßen – etwa in der List. „Ich finde das unmöglich“, ärgert er sich. Ihm selbst mache das wenig aus. Rollstuhlfahrer oder Eltern mit Kinderwagen müssen jedoch auf die Fahrbahn oder die andere Straßenseite ausweichen. „Für sie ist das nicht einfach“, sagt Lengemann. Auch zugeparkte Einmündungen hält er für gefährlich. So könnte es passieren, dass Kinder übersehen werden, wenn sie Straße kreuzen. „Die Strafen fürs Falschparken sind zu gering und häufig wird es nicht geahndet“, kritisiert Lengemann.

Auf Busbahnhof ZOB reicht die Stellfläche für die Fußgänger an der Ampel nicht aus. Quelle: Christian Behrens

Den Platz rund um den Busbahnhof ZOB am Hauptbahnhof hat die Stadt gerade erst erneuern lassen – aus Sicht von Lengemann aber nicht überall die richtige Entscheidung getroffen. Der Wartebereich für die Fußgänger an der Ampel in der Einmündung zur Rundestraße sei viel zu klein. So stünden die Fußgänger auf dem Radweg und es komme zu Konflikten mit Radfahrern.

Die Fußwege im Posttunnel sind zu dunkel. Quelle: Christian Behrens

Nicht nur breite Fußwege wie hier im Posttunnel sind wichtig. Die Fußgänger müssten sich auf den Wegen auch sicher fühlen, meint Krzysztof Mieloch. Im Posttunnel „ist die Fahrbahn heller beleuchtet als der Fußweg, da ist es richtig dunkel.“ Insbesondere Frauen könnten sich unsicher fühlen, wenn sie dort lang gehen, und den Tunnel womöglich meiden.

Viel Grün für Fußgänger an der Ernst-August-Galerie. Quelle: Christian Behrens

Aus Sicht von Krzysztof Mieloch ist die Neugestaltung der Kurt-Schumacher-Straße und des Platzes vor der Ernst-August-Galerie gelungen. Was ihn besonders freut: Die Fußgänger-Ampeln vor dem Shopping-Center schalten beide zeitgleich Grün, sodass Fußgänger die Überwege theoretisch auch kreuzen können. „Das finde ich klasse, es müsste nur besser gekennzeichnet sein“, sagt Lengemann.

Diese Bodenmarkierungen helfen Blinden, sich besser in der Stadt zurecht zu finden. Quelle: Christian Behrens

Insbesondere blinde Menschen seien zu Fuß unterwegs. Deswegen findet es Eike Lengemann wichtig, dass bei Neugestaltungen von Plätzen und Straßen vermehrt Bodenmarkierungen wie hier am Ernst-August-Platz eingebaut werden. „Das hilft Blinden, sich besser in der Innenstadt zurechtzufinden und sicher zu bewegen“, sagt Lengemann.

Fußgänger passieren einen Zebrastreifen in der List. Quelle: Christian Behrens

„Für Fußgänger sind die Zebrastreifen super“, findet Krzysztof Mieloch. Es ermöglicht eine schnelle und zugleich sichere Querung der Straße. In Hannover gebe es wie hier an der Lister Meile zwar viele Zebrastreifen. „Es könnten allerdings noch mehr sein“, sagt Mieloch.

www.hannover-zu-fuss.de

Von Sascha Priesemann

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