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Meine Stadt Sehnde: So helfen Hummeln in der Landwirtschaft
Hannover Meine Stadt Sehnde: So helfen Hummeln in der Landwirtschaft
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18:06 28.05.2018
Die Gärtnerei Kiebitz setzt in ihren Gewächshäusern Hummeln zum Bestäuben ein.
sehnde

Kaum zu glauben, dass diese putzigen Brummer auch mal sauer werden und angreifen. Aber nachdem sie erst aus ihrem schönen, weichen Nest mit angeschlossener Hummel-Theke herausgeklopft wurde, dann ungefragt einem Hummel-Paparazzi ausgesetzt war, hat die eine Wuchtbrumme jetzt die Faxen dicke und fliegt mit all ihrer Kraft direkt auf NP-Fotograf Christian Behrens. „Gestochen“, ruft der geschockt, aber Larissa Baake beruhigt: „Diese beißen nur.“ Und zwar Behrens direkt in die Falte zwischen die Augen. Absolute Ausnahme, die Hummeln sind sonst friedlich wie Schafe.

Denn sie haben ebenfalls in der Landwirtschaft einen ernsthaften Job übernommen, dafür sind sie hier im Gewächshaus der Gärtnerei Kiebitz in Sehnde. Die Biogärtnerei setzt auf die puscheligen Flieger, um unter anderem ihre Tomaten, Paprika, Bohnen, Erbsen und Auberginen bestäuben zu lassen.

Hummel-Geheimnisse

Zu kleine Flügel, zu fette, puschelige Körper: Nach den Gesetzen der Aerodynamik ist es für Hummeln unmöglich, zu fliegen. So soll es zumindest ein Aerodynamiker in den 1930er Jahren errechnet haben.

Denn eine übliche Hummel hat eine Flügelfläche von 0,7 Quadratzentimeter und wiegt 1,2 Gramm. Experten erklärten den Hummelflug dann augenzwinkernd damit, dass das Tier ja nicht weiß, dass sie nicht fliegen kann – und es einfach macht.

Erst 1996 gelang dem britischen Forscher C.P. Ellington der Beweis, dass die Hummel doch fliegen kann. Der Schlüssel des Fluggeheimnisses ist die Schnelligkeit der Flügel. Bis zu 200 Mal in der Sekunde kann der Brummer damit schlagen – und sich so eben in die Lüfte erheben.

Ein bisschen so wie Karlsson vom Dach – der dicke Junge mit dem Propeller auf dem Rücken. Vielleicht hat die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren sogar an die Hummeln gedacht, als sie die Figur 1955 erfand.

Wie das? Tomaten haben doch gar keinen Nektar? „Aber die Hummeln fliegen auf Gelb ab“, erklärt Gewächshauschefin Baake lachend. Per Post kommen die fertigen 60 bis 70 Hummeln vom Züchter in Berlin im Karton. Gefüttert werden die Flieger mit einer Nährlösung in einer Wanne, die an das Nest angedockt ist. „Dafür fliegen sie im Gewächshaus umher, bestäuben die Tomaten – das ist der Deal.“ Ein Volk übrigens ohne Königin, alle sind hier „gleichberechtigte Arbeiterinnen“, so Gärtnerei-Chef Franz Sautmann. Ein Kasten reiche für die Fläche eines Gewächshauses von 160 Quadratmetern. Sautmann rechnet vor: „Das sind 400 Tomatenpflanzen“.

Hummeln beißen sich an einer Blüte fest und bringen sie zum Schwingen. Was so niedlich ausschaut und auch brummig-lustig klingt, ist wichtiger Bestandteil unserer Ernährung. Aufgrund der Vibration schwirren die Pollen umher und befruchten geöffnete Blüten. Larissa Baake zeigt eine befruchtete Blüte. Die ist gelb, „und hier ist der braune Verbiss von den Hummeln. Das zeigt, dass die Blüte befruchtet ist. Und hier“, zeigt die 31-Jährige auf eine kleine grüne Kugel an der Pflanze nebenan, „sieht man, dass es geklappt hat, hier wächst jetzt eine Tomate“.

Rispen, die nicht von den Hummeln bestäubt wurden, erkenne man an einer ungleichen Form, sagt Larissa Baake. Das gilt nicht nur für Tomaten, sondern zum Bespiel auch für Gurken.

Können das Bienen nicht? Es sollten schon Hummeln sein. „In die Tomate müssen die richtig reinbeißen, das kann kaum eine andere“, weiß Baake. „Bienen machen das auch, aber die befruchten die falsch. Die beißen da anders rein als die Hummeln, und das sieht man dann eben an der Frucht.“ Schmecken würde die zwar auch, „aber sie sieht anders aus“.

Außerdem sind die Bienen draußen, während die Zuchthummeln ihr bis zu zweimonatiges Leben im Gewächs- oder Folienhaus verbringen.

Auf dem offenen Gelände der Gärtnerei sind es Wildbienen, die – wie die Hummeln – von einem Züchter geschickt wurden. „Man hängt die in die Bäume, und dann machen die ihren Job“, sagt Sautmann. In die Bäume gehängt wird eine Art Bienenhotel mit Röhren aus Bambus, in die die Bienen ihre Eier legen und mit Pollen füttern. Und was unterscheidet diese von den Honigbienen in ihrem Stock? „Die Honigbiene fliegt im Radius von drei Kilometern, die Wildbiene ist ortstreu und fliegt im Radius von ein paar hundert Metern, die bleiben also hier“, erklärt Sautmann.

Ökologische Landwirtschaft

Nicht nur Hummeln und Wildbienen tummeln sich hier in Sehnde-Rethmar in den Gewächshäusern und auf Apfelbäumen, auch andere Nützlinge werden eingesetzt – gegen Schädlinge. Die Gärtnerei ist ein Bioland-zertifizierter Betrieb, arbeitet kontrolliert biologisch und setzt keine Pestizide ein.

Also müssen andere ran: Gallmücken und Marienkäfer gegen Blattläuse etwa. Während Marienkäfereier von ihren Eltern möglichst sicher in Erde oder an andere geschützte Plätze gelegt worden sind, kommen Nützlinge wie Gallmücken auch vom Züchter.

Ein schwieriges Geschäft. „Man muss erkennen, dass man bestimmte Schädlinge hat, um genau den Nützling dagegen kommen zu lassen“, erzählt Franz Sautmann. „Raubmilben etwa brauchen eine bestimmte Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Deswegen arbeiten wir mit unterschiedlichen – für kältere und wärmere Tage“, berichtet Larissa Baake.

Franz Sautmann und seine Frau Antje Wilke-Rampenthal, gelernte Landwirte, haben die Gärtnerei Kiebitz vor 29 Jahren „mit einem Hektar Land“ gegründet. „Nun sind es dreißig Hektar mit 40 Mitarbeitern.“ Das Obst und Gemüse wird auf Bauernmärkten und im Bioladen in Sehnde verkauft. „Wir haben konventionell gelernt und uns bewusst entschieden, bio zu wirtschaften. Es ist nicht mehr vorstellbar, nicht mehr bio zu arbeiten.“

Hier haben sie auch genug zu tun. 6000 Apfelbäume auf vier Hektar Fläche sind zu befliegen. Elstar, Topaz, Jona, Rubinette und alte Sorten wie Finkenwerder und Gravensteiner wachsen hier – dank der wilden Immen. Deren Hotels werden nicht nur vom Züchter geliefert, einige hat auch Miriam Diemert gebaut. Die ein echter Fan der Wildbienen ist: „Die machen ihr eigenes Ding, sind unabhängig, alle gleichberechtigt, haben keine Königin, das finde ich sehr sympathisch“, so die 31-Jährige, die für das Obst auf dem Hof zuständig ist.

Der Kreislauf des Lebens wird natürlich eingehalten auf dem Biohof: „Die Larven in den Röhren werden an den Züchter zurückgeschickt“, so Sautmann, „Im nächsten Jahr bekommt man dann die geschlüpften Wildbienen, und die bestäuben das hier wieder.“

Von petra rückerl

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