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© Nancy Neusel

Zukunft

Schöner leben mit Robotern

Wie werden wir in Zukunft leben, wie bedroht sind unsere Gewohnheiten und Jobs durch den Fortschritt? Darüber sprach die NP mit Robotik-Wissenschaftler Sami Haddadin. Seine Vision von der Zukunft: Der Mensch wird keinen neuen Feind bekommen, sondern einen neuen Freund und Helfer – den Roboter.

Hannover. Sami Haddadin wirkt gar nicht wie ein klassischer Wissenschaftler – eher wie ein smarter Geschäftsmann. Und tatsächlich denkt er bei seiner Arbeit nicht nur visionär, sondern auch betriebswirtschaftlich. Er richtet sie am gesellschaftlichen Bedarf aus. Es ist daher kein Zufall, dass sich seine Projekte fast immer mit Menschen und Medizin beschäftigen anstatt mit Autoproduktion oder der Herstellung von Computer-Chips: „Ich finde, die Robotik sollte immer mit Menschen zu tun haben und nicht zu abstrakt sein.“

Robotik bezeichnet die Wissenschaft der Roboter, für die Haddadin gern einen eigenen Master-Studiengang an der Leibniz-Universität einrichten würde. Der Wissenschaftler gehört mit 35 Jahren zu den renommiertesten Roboter-Experten weltweit. Er erhielt letztes Jahr den mit einer Million Euro dotierten Alfried-Krupp-Förderpreis für seine Arbeit an sicheren und schmerzempfindlichen Robotern: „Ich halte Maschinen nicht für Menschen und glaube auch nicht, dass völlig autonome intelligente Roboter ein Muss sind. Es geht eher darum, dass sie den Menschen bei bestimmten Arbeiten helfen sollen. Dafür müssen sie agil, leicht und rücksichtsvoll sein.“ Ein Roboter, der auf Widerstand reagiert, soll den Menschen schützen. Haddadin hatte sich selbst als Versuchsobjekt für die eingebaute Bremsreaktion der Prototypen zur Verfügung gestellt.

Sami Haddadin: "Roboter sollen dem Menschen helfen."

Ein anderer Schwerpunkt des Wissenschaftlers ist die prothetische Medizin: „Die Prothese, an der ich aktuell arbeite, ist weltweit noch einzigartig in ihrer Präzision und vor allem Bedienbarkeit.“ Das ist das große Thema in Haddadins Forschung: nah am Menschen zu sein. Ursprünglich wurden Roboter dazu entwickelt, Menschen bestimmte Arbeiten abzunehmen. Dazu müssen sie unbedingt auch für jeden bedienbar sein, findet er: „Es ist wie mit dem iPhone. Handys mit Betriebssystemen gab es auch vorher schon, aber Apple hat es als erster Hersteller so gemacht, dass jeder es auch bedienen konnte.“ Auch die Bezahlbarkeit spielt für ihn eine Rolle. „Momentan kostet unsere Unterarmprothese 15 000 Euro im Einkauf und 1000 Euro in der Produktion. Aber wem könnte man medizinisch nicht alles helfen, wenn Krankenhäuser diese Unterarme an jeden bedürftigen Kriegsflüchtling operieren könnten?“ Haddadin ist Idealist. Seine Ziele sind orientiert an den Bedürfnissen der Menschen: „Warum soll ich einen Roboter entwickeln, den nur andere Experten benutzen können? Ich halte nichts von solchem Elitarismus.“

Seine Visionen gehen noch weiter. Pflegeroboter hält er für eine wahrscheinliche Zukunft: „In einer alternden Gesellschaft können wir gar nicht genug Pflegekräfte ausbilden.“ In seiner Vorstellung lassen sich die Roboter entweder vom Menschen über Gedanken steuern, was heute bereits möglich ist, oder Fachkräfte wählen sich in das Gerät ein – und steuern es wie eine Drohne.

Doch was wird aus den Arbeitsplätzen? Diese Frage wird ihm häufiger gestellt: „Die Roboter, die wir zum Arbeiten entwickeln, ersetzen keine Supermarktkassierer in deutschen Kleinstädten. Die würden in den Textilfabriken in Indien eingesetzt werden, um Kindern das Leben zu retten.“ Er führt weiter aus: „Wenn die Roboter von jedem bedienbar sind, gibt das den Menschen ganz neue Möglichkeiten. Sie könnten studieren, anstatt T-Shirts herzustellen. Wie viel mehr Menschen wohl noch leben würden, wenn in Fukushima Roboter gearbeitet hätten? Ich halte es für sehr egozentrisch, nur an seinen eigenen Arbeitsplatz zu denken“, sagt Haddadin.

Haddadin: "Warum soll ich einen Roboter bauen, den nur andere Experten nutzen können?"

Er betreibt Spitzenforschung in Hannover – wie kommt es, dass er hier seinen Lehrstuhl hat? Der gebürtige Neustädter fühlt sich der Stadt und der Region sehr verbunden. „Es war aber nicht nur das. Mir wurde hier die Freiheit gelassen, die ich für meine Arbeit brauche. Hannover versteht mich und meine Ideen einfach“, sagt er. Die Nähe zur Industrie und zur Medizintechnik an der Medizinischen Hochschule (MHH) ist ein weiterer Grund für ihn, um von hier aus an der Zukunft zu arbeiten.

Glaubt er daran, dass die Robotik tatsächlich in diesem Maße unser Leben bestimmen wird? „Da bin ich mir sicher“, sagt Haddadin selbstbewusst.

von Jan Heemann


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