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Rolf Nobel Foto: Nigel Treblin

Rolf Nobel© Nigel Treblin

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NP-Interview

Rolf Nobel machte Hannover zur Fotostadt

16 Jahre lang leitete Rolf Nobel den Fotografie-Studiengang an der Hochschule Hannover und verhalf ihm zu Weltruhm. Im Sommer geht der gebürtige Hamburger in den Ruhestand. Die NP traf ihn zum Abschiedsinterview.

Hannover. Einiges steht an: In der GaF eröffnet eine Ausstellung mit Bildern von Ihnen. Nächsten Monat, vom 15. bis zum 19. Juni, läuft das nächste Lumix-Festival. Dort werden Sie mit dem renommierten Dr.-Erich-Salomon-Preis geehrt. Dann Ihr Ruhestand. Reiht der sich in die anderen schönen Anlässe ein, oder denken Sie mit Wehmut daran?

Alles hat seine Zeit. Ich bin jetzt 16 Jahre an dieser Schule, Jahre, in denen wir mit diesem Studiengang unheimlich viel erreicht haben. Man kann immer noch mal an kleinen Schrauben drehen; eine davon ist, dass wir nächstes Jahr eine Klasse für Austauschstudenten einrichten - was es uns ermöglicht, im Gegenzug unsere Studenten an Hochschulen zum Beispiel in den USA zu schicken, wo sie sonst nie die Studiengebühren zahlen könnten.

Spätestens dann ist die Hochschule ja endgültig in die Weltspitze aufgestiegen.

Das sind wir eigentlich jetzt schon. Aber international wird es uns noch bekannter machen.

Was haben Sie richtig gemacht?

Wir haben ein gutes Team, das sehr unterschiedlich ist, und wir haben ein gutes Ausbildungskonzept, das wir über die Jahre entwickelt haben ...

Wenn Sie „wir“ sagen, heißt das doch eigentlich Sie selbst, oder? Als Sie hier anfingen, waren Sie doch allein auf weiter Flur, mit einem Studiengang, der sich sehr generisch der Fotografie widmete. Offenbar hatten Sie eine Vision.

Es begann mit der Entscheidung, ein ganz enges Kernprofil zu entwickeln. Da habe ich natürlich das ausgewählt, was meiner Vorgeschichte am meisten entsprach: den Fotojournalismus. Gepaart war das mit einer Situation, in der sich bundesweit mehrere vormals führende Hochschulen davon verabschiedet haben. Wir sind in dieses Vakuum hineingestoßen. Alles andere hat sich relativ schnell entwickelt, dadurch, dass unsere Studenten viele Preise gewonnen haben. Der nächste Schub kam dann 2008 durch das erst Lumix-Festival. Dadurch wurden international viele auf uns aufmerksam. Inzwischen haben unsere Studenten mit ihren Erfolgen weiter zugelegt und fast alle Preise gewonnen, die man überhaupt gewinnen kann.

Ist Wahrhaftigkeit das Wichtigste, was Sie Ihren Studenten beibringen?

Ja. Wir glauben zwar nicht mehr an die Objektivität der Fotografie, daran, dass wir Wahrheit fotografieren. Es kann nur um Wahrhaftigkeit gehen, darum, dass wir mit bestem Wissen und Gewissen fotografieren. Ich war als junger Mensch bei den Brokdorf-Demonstrationen dabei. Ein Fotograf, der für die „Bild“-Zeitung gearbeitet hat, fotografierte den Demonstranten, der mit einer Dachlatte auf einen Polizisten einprügelt. Andere Fotografen zeigten eher die prügelnden Polizisten. Und beides spielte sich vielleicht 50 Meter voneinander entfernt ab. Wohin richtet man die Kamera, was ist Wahrheit? Eine schwierige Frage.

Und was muss man den Studenten austreiben?

Die Ansicht, dass Formalismus alles ist: Viele suchen nach dem schönen Bild, das für sich alleine steht, und denken viel zu wenig journalistisch. Ich würde nie von mir behaupten, dass ich Künstler bin. Ich bin stolz darauf, Journalist zu sein. Man muss ihnen beibringen, dass sie Geschichtenerzähler sind. Und dass dazu auch die gute und solide Recherche gehört. Manche Erstsemester kommen von einer Reportage zurück und wissen nicht einmal den Vornamen der Person, die sie fotografiert haben.

Wie sehen Sie die heutige Medienwelt?

Das größte Problem ist die finanzielle Situation. Die Honorare sind kaum gestiegen, die Lebenshaltungskosten und die des Equipment schon. Auch große bildlastige Magazine sind immer weniger bereit, Geld auszugeben, indem sie Aufträge für Reportagen vergeben. Sie zahlen lieber hinterher für fertige Reportagen, das ist billiger. Immer mehr Fotografen gehen auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko los und bleiben dann gegebenenfalls auf ihren Kosten sitzen. Und was sich wahnsinnig verändert hat durch die Digitalisierung, ist die Zweitverwertung. Früher gab es die großen Agenturen, Visum zum Beispiel, deren Geschäftsführer ich später sogar eine Zeitlang war. Um Mitglied in einer solch bekannten Agentur werden zu können, musste ich damals nicht nur qualitativ überzeugen, sondern auch noch 6000 Mark Aufnahmegebühr bezahlen. Heute gibt es wahnsinnig viele digitale Plattformen, die zum Teil von Laien bestückt werden, und wo sich die Zeitungen für einen sehr geringen Obolus bedienen können; das hat zum Beispiel den Archivverkauf von Reisefotografie vollkommen ruiniert. Es sind viele begabte Amateure auf dem Markt, die auch ein geiles Bild von einem Sonnenuntergang über einem Tempel in Thailand machen können. Denen ist das Honorar relativ egal. Viel wichtiger ist ihnen , dass sie ihrer Frau zeigen können, wenn die „Neue Revue“ ihr Bild gedruckt hat.

Haben Sie Hoffnung auf eine Besserung?

Nein, ich glaube, da sind die Weichen gestellt. Das Einzige, wo sich vielleicht noch ein Markt entwickelt, ist im Online Publishing. Aber davon träumen wir schon seit Jahren, ohne dass sich etwas getan hat. Wenn endlich Bezahlschranken kommen, könnte sich der Markt vielleicht wieder ein klein wenig regenerieren.

Was halten Sie von der grassierende Handy-Fotografie?

Ich glaube tatsächlich, wir profitieren davon. Natürlich verschwinden die meisten Handy-Fotos im digitalen Nirwana. Aber ich glaube, dass Fotografieren mit dem Handy dennoch den Blick schulen und ein weitergehendes Interesse für die Fotografie wecken kann.

Was hat Sie selber damals bewogen, Fotograf zu werden?

Ich war Fotoamateur und politisch engagiert, und so wollte ich mit meinen Bildern die Welt retten (lacht). Ich wollte den Menschen mit meinen Bildern zeigen, wie es anderswo zugeht, und sie zum Umdenken bewegen.

Kann Fotografie die Welt retten?

Ich glaube nicht mehr, dass Fotografie in so starkem Maße Bewusstsein verändert, dass aus einem Konservativen ein Linker wird. Aber ich glaube, dass Fotografie Leute bewegen kann, von einer passiven Haltung zu einer aktiven Haltung zu kommen.

Was hat Sie in die Lehre getrieben?

Ich hatte als Fotograf in den letzten Jahren immer Praktikanten. Das habe ich wohl ganz gut gemacht, und so sprach sich herum, dass ich anderen Menschen etwas beibringen und sie begeistern kann. Irgendwann hat man mir dann in Kiel einen Lehrauftrag angeboten. Hinzu kam: Ich war als Fotograf immer die Hälfte des Jahres unterwegs. Man braucht dazu eine sehr gute Sozialisation: Freunde und einen Partner, die so etwas aushalten. Das schränkt einen schon ein. Mich hat es irgendwann müde gemacht. Der ganz große Reiz, die Welt kennenzulernen, hatte nachgelassen.

Dann lieber die Weltstadt Hannover ...

Ich hatte mich bei vier Hochschulen beworben, war bei allen in die letzte Runde gekommen. Hannover bot mir die Chance, etwas zu bewegen: Es war die erste Professur in der Fotografie, für damals etwa 20 Studenten. Heute sind es 200. Hier konnte man überhaupt nicht verlieren. Aber ich hatte ehrgeizige Ziele: Ich wollte diese Studienrichtung voranbringen. Und mir war klar, dass dafür meine Karriere als Fotograf enden musste. Ich habe mich dann ausschließlich auf die Lehre konzentriert ...

... und können jetzt guten Gewissens gehen?

Wir sind gut aufgestellt, können uns aber in einigen Feldern noch verbessern. Ich glaube zum Beispiel, dass es auch für Fotografen immer wichtiger wird, vernünftige Texte oder zumindest Bildunterschriften zu machen.

Wie hat sich Hannover entwickelt?

Als ich das erste Mal nach Hannover kam, waren die Design-Studiengänge noch in dem Waschbetonbau in Herrenhausen untergebracht, wo es bei Regen durchleckte. Da hat sich einiges getan. Ich glaube auch, dass ich den Erfolg, den ich in Hannover hatte, nie in Hamburg hätte haben können, wo ich vorher eine Professur hatte. Man kann in dieser Stadt unglaublich etwas bewegen. Ich möchte nicht wieder weg aus Hannover. Die Menschen - die meisten zumindest - sind unglaublich offen im Geist. Das hängt vielleicht mit den vielen Messen zusammen, zu denen mehrmals im Jahr die Welt zu Gast ist..

Und wie hat sich Hannover als Fotostadt entwickelt?

Auch sehr gut. Schauen Sie sich doch zum Beispiel das Sprengel Museum an mit dem Neubau. Auch die positive Entwicklung des Studiengangs hat enorm dazu beigetragen. Das Lumix-Festival hat viel gebracht - für den jungen Fotojournalismus ist Hannover die wichtigste Stadt überhaupt. Es gibt auch neben der GAF andere Fotogalerien, die gute Arbeit machen. Wir ergänzen uns alle. Oder die VGH mit ihrem Wettbewerb. Die „Hannover Shots“ der Hannover-Stiftung. All das befruchtet sich gegenseitig und hat Hannover zu einer wichtigen Fotostadt gemacht.

Sind Sie stolz darauf?

Ja. Ich denke, wir haben einen Teil dazu beigetragen.

Ihre Ausstellung heißt „Vom Aufhören und Weitermachen“. Wie sieht Ihr Weitermachen aus?

Ich will wieder fotografieren. Das fehlt mir schon. Ich denke an Ausstellungsprojekte, an Bücher, an größere Themen, aber nicht mehr an Magazin-Fotografie. Ich habe ja noch die silberne Zeit des Journalismus mitgemacht, wo „Geo“ mich für sechs Wochen durch Deutschland geschickt hat. Diese Aufträge gibt es immer weniger.

Ist schon etwas spruchreif?

An zwei Geschichten recherchiere ich schon lange: Die eine ist eine Geschichte über Deutschland mit dem Arbeitstitel „Vaterland“, eine Suche nach dem Wesen Deutschlands. Und: Mich haben das Meer und der Fischfang schon immer fasziniert. Mein Vater hat früher im Hafen gearbeitet, mein Schwiegervater war Schiffsoffizier, ich selber habe schon seit vielen Jahren ein Boot. Dem Meer Dinge abzuringen, die einen ernähren, ist so alt wie die Menschheit; es ist etwas sehr Archaisches. Für dieses Buch suche ich unter anderem nach alten und ungewöhnlichen Fischfangmethoden.

Zum Beispiel?

Ich würde gerne auf einem norwegischen Fischkutter fotografieren, die diese riesigen, King Crabs fischen, die wie Monster aussehen, nach Kanada, wo die Bauern mit Pferden ins Meer gehen, um so Seetang für die natürliche Düngung ihrer Felder zu gewinnen, aber auch gerne auf eine Bohrinsel. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, daraus die eine oder andere Geschichte zu verkaufen - gerne. Aber ich lege es nicht darauf an. Nur so bin ich Herr über meine eigene Arbeit.

Analog oder digital?

Digital. Viele Fotografen mystifizieren ja das Analoge. Ich nicht. Die digitale Fotografie ist der analogen weit überlegen. Die Schärfe, die Brillanz ist einfach wesentlich besser. Und ich kann mir für die Bildbearbeitung jeden Punkt des Bildes separat vornehmen.

Damit wuchsen aber auch die Manipulationsmöglichkeiten, und der Glaube an die Echtheit von Bildern schwand.

Die Möglichkeiten verführen natürlich dazu, zu viel Hand anzulegen, was auch dem enormen Konkurrenzdruck unter den Fotografen geschuldet ist. Das ist eine große Gefahr. Aber letztlich gilt, was Lewis Hine, der große Dokumentarfotograf, mal gesagt hat: „Fotografien können nicht lügen, aber Lügner können fotografieren.“


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Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
     30159 Hannover
     Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stefan Schostok