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NP hilft

Rentner bekommt Pflegestufe nach Widerspruch

Im Wohnzimmerschrank steht die Schallplatte „Beliebte Tanzkapellen spielen für Sie“. Die Zeiten, in denen Günther Thomaß (87) zum Tanzen ging, sind lange vorbei. Heute bereiten ihm die paar Schritte vom Wohnzimmertisch zur Tür schon Mühe. Seine Lungenerkrankung (COPD) hat ihn kurzatmig werden lassen. „Nun verschnaufen Sie mal“, sagt die Gutachterin des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK). „Das muss ich auch“, erwidert der Rentner.

Hannover. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate wird Günther Thomaß vom MDK begutachtet. Nach dem ersten Termin wurde die Pflegestufe I für den gelernten Maurer abgelehnt (NP berichtete). Volker Thomaß (57), Sohn des Rentners, legte Widerspruch ein.

Auf dem Boden hat der Sohn den Aktenordner mit Unterlagen ausgebreitet: Pflege-
tagebuch, Schreiben des MDK, Arztbriefe. Geduldig hört sich die Gutachterin die Ausführungen des Sohnes an. „Vor zwei Jahren begann Vater, Medikamente wegzulassen oder Einnahmen zu verändern“, sagt der Sohn. Mehr als ein Dutzend Arzneien muss der Senior einnehmen: Von Augentropfen bis Blutdrucksenker. „Sie begleiten Ihren Vater zu allen Ärzten?“, fragt die erfahrene Gutachterin.

„Das geht gar nicht anders, weil er alle Diagnosen durcheinander bringt“, antwortet der Sohn. Im vergangenen Jahr waren es 72 Arzttermine. Günther Thomaß hat einen Haut- und Blasenkrebs überstanden. Ein Herzinfarkt wurde erst nachträglich diagnostiziert. Der Senior hatte drei Wochen Schmerzen in der Brust. Zum Arzt ging er nicht.

Während die Gutachterin sich mit Volker Thomaß die Wohnung anschaut, beobachtet der Senior die Dacharbeiten auf dem gegenüberliegenden Haus. Er erzählt, wie er 1949 mit zwei Freunden von Hannover nach Holzminden gelaufen ist, weil es dort Arbeit gab. Längst vergangen, kaum vorstellbar: drei Tage brauchten die jungen Kerle für die rund 90 Kilometer lange Strecke.

Erst seit Kurzem geht Günther Thomaß am Stock. Sein Sohn bestand darauf. Günther Thomaß hielt das anfangs nicht für nötig, nun möchte er auf die Hilfe nicht mehr verzichten. „Das ist der größte Ärger, dass man in ein paar Jahren so abbaut“, reflektiert der Senior seine Situation. Ohne seinen Sohn wäre er aufgeschmissen. Er hilft ihm beim morgendlichen Aufstehen, bei der Körperhygiene, bereitet die Mahlzeiten, richtet die Kleidung und bringt ihn zu den Ärzten. Sein Vater beansprucht Ärzte fast aller Fachrichtungen.

All das notiert die Gutachterin. Sie schaut sich auch die Füße und den Rücken (dort befand sich ein Krebsgeschwür) des 87-Jährigen an. Sie tippt die Informationen in den Laptop. Routiniert nimmt die Teamleiterin des MDK alles auf. Sie lässt Volker Thomaß reden, der sich immer wieder über die vermeintlichen Fehler des ersten Gutachters aufregt. Am meisten erzürnt den Sohn, dass der erste Gutachter es nicht für nötig hielt, mit den Ärzten seines Vaters zu reden.

Die Gutachterin bittet den Senior, kräftig ihre Hände zu drücken. Je fester der Händedruck, desto stärker die Gesamtmuskulatur des Körpers. Günther Thomaß macht den Eindruck, als hätte er kaum noch Kraft. Wenngleich der alte Mann dem Geschehen gut folgen kann, berichtet sein Sohn von Phasen der Niedergeschlagenheit seines Vaters. Besonders im Winter, wenn es an Licht fehle, käme der 87-Jährige manchmal kaum aus dem Bett.

Fast drei Wochen benötigte der MDK für das zweite Gutachten. Das Ergebnis: Pflegestufe I wird genehmigt. Jetzt beträgt die Grundpflege 57 Minuten am Tag, Anfang Januar stellte der Gutachter nur eine zwölfminütige Grundpflege fest.
Der Stress mit der Pflege und der bürokratische Ärger haben am Nervenkostüm von Volker Thomaß gezerrt. Er ist auch mit dem Ergebnis des zweiten Gutachtens nicht zufrieden. „Mein Vater braucht Hilfe beim Treppensteigen. Das taucht nicht auf im Gutachten“, sagt der Sohn. Auch die Begleitung zu den Arztbesuchen kommt im Gutachten nicht vor. Kleinigkeiten, mag man denken. Aber nun fehlen 21 Minuten in der Woche an Pflegeaufwand. Ab 14 Stunden Pflege in der Woche haben Angehörige ein Anrecht auf Zahlung von Rentenbeiträgen.


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